Eddie Redmayne

Eddie Redmayne





"Ich bin ein wissenschaftlicher Nichtsnutz"

Britische Höflichkeit und der subtile Humor von der Insel sind keinesfalls lediglich überkommene Klischees. Der Beweis: Eddie Redmayne, jener hochtalentierte, zurzeit überall gefeierte Londoner mit klassisch rotem Schopf, der durch seinen feinfühlig-ironischen Ton jeden Gesprächspartner sofort einzunehmen vermag. Mit 32 Jahren hat der ausgebildete Theaterschaupieler bereits einiges erreicht: Nachdem er am Londoner Eton College gemeinsam mit Prinz William in einer Klasse büffelte, räumte Redmayne 2010 den Tony-Award ab - das Oscar-Äquivalent für Bühnendarsteller. Aufsehen erregte sein Können spätestens 2011 mit "My Week With Marilyn" und der Musicalverfilmung "Les Misérables", für die er im vergangenen Jahr singend auf der Oscarbühne stand. Dorthin könnte er 2015 zurückkehren: Zumindest wird er für seine grandiose Verkörperung Stephen Hawkings im Biopic "Die Entdeckung der Unendlichkeit" (Start: 25.12.) derzeit als heißer Anwärter für den Academy Award gehandelt. Im Interview demonstriert Eddie Redmayne wie man der Oscar-Frage geschickt ausweicht ...

teleschau: Was wussten Sie über Stephen Hawking, als Sie einwilligten, den an ALS erkrankten Physiker zu spielen?

Eddie Redmayne: Oh, peinlicherweise wirklich wenig, obwohl ich an der Cambridge University studierte, während er dort unterrichtete. Ich habe ihn dort zwar regelmäßig in seinem Rollstuhl auf dem Campus gesehen und wusste, dass er irgendwelche unglaublichen Sachen erforscht hatte, die mit Schwarzen Löchern zu tun haben. Aber das war's auch schon. Im Grunde habe ich in jedem Teil des Films etwas Neues dazugelernt.

teleschau: Haben Sie Stephen Hawking persönlich getroffen?

Redmayne: Ja. Ich verbrachte diese ganzen Monate mit der Vorbereitung auf die Rolle und wollte ihn eigentlich früher treffen. Aber er ist ein sehr beschäftigter Mensch, der versucht, einige wirklich wichtige Probleme da draußen im Universum zu lösen. Deshalb klappte es erst kurz vor Beginn der Dreharbeiten. Ich musste also irgendwie allein herausfinden, was die Essenz seines Charakters ist. Daher hatte ich etwas Angst, ihn so kurz vor dem Start zu begegnen. Was wäre gewesen, wenn ich plötzlich gemerkt hätte, dass alle meine Vorstellungen falsch waren?

teleschau: Wie war es, als Sie dann tatsächlich aufeinandertrafen?

Redmayne: Als ich ihn sah, war ich eingeschüchtert. Hinzu kommt, dass er sehr langsam redet, er hat ja nur diesen einen Muskel, um zu kommunizieren. Es gab also diese langen Pausen, zusammen mit dem einzigartigen Sprechrhythmus. Das Problem dabei: Ich hasse Stille, da werde ich nervös. Also verbrachte ich ungefähr eine Dreiviertelstunde damit, ihn mit Informationen über ihn selbst vollzuplappern. Das war wirklich peinlich. Irgendwann beruhigte ich mich dann ein wenig - und er war wirklich wohlwollend.

teleschau: Hat er etwas darüber gesagt, dass Sie ihn spielen?

Redmayne: Gar nichts. Wenn man eine noch lebende Figur spielt, hofft man ja immer verzweifelt auf eine Art Bestätigung. Die bekommt man von Stephen aber nicht so einfach. Er ist keiner, der sagt: "Hey, alles wird gut, mach dir keine Sorgen!".

teleschau: Sie haben über das Gefühl der Einschüchterung gesprochen, als Sie ihn trafen. Spürten Sie derlei auch, bevor Sie die Rolle annahmen?

Redmayne: Ich wünschte, ich könnte sagen, mir wurde die Rolle angeboten und dann dachte ich darüber nach. Aber so funktioniert es nicht. Als professioneller Schauspieler geht man zu vielen Vorsprechen und versucht an Arbeit zu kommen. Hawkings Biografie ist tatsächlich eine außergewöhnliche Geschichte, ich wollte diese Rolle unbedingt und war sehr hartnäckig. Aber man macht das auf eine Art, wie man einem Job hinterherjagt: Man geht in die Bewerbungsgespräche und tut so, als wüsste man, wovon man spricht. Weil man den Job bekommen will. Und ich bekam ihn. Dann erst erfasste mich diese Welle der Euphorie, und daraufhin traf mich die Angst wie ein Schlag ins Gesicht.

teleschau: Stephen Hawking zu spielen ist ja nicht nur körperlich eine Herausforderung, sondern auch geistig: Wie viel von seinen Theorien haben Sie verstanden?

Redmayne: Nunja, ich habe die Wissenschaft aufgegeben, als ich ungefähr 13 war. Ich bin ein wissenschaftlicher Nichtsnutz. Ein gewaltiger Teil meiner Vorbereitung bestand also darin, mich zu bilden. Ich las alle Schriften von Stephen, die mit in die Hände gerieten. Was ich davon verstanden habe, ist eine ganz andere Frage. Ich surfte erst auf diesen unglaublich komplizierten Astronomie-Websites, wechselte aber recht schnell zu astronomy-for-kids.org. Später half mir einer von Stephens alten Schülern, der jetzt Astronomie-Professor ist, die Grundlagen der String-Theorie zu verstehen. Ich sagte nur zu ihm: "Stellen Sie sich vor, ich bin sieben Jahre alt, reden Sie mit mir wie mit einem Kind".

teleschau: Auch wenn seine Theorien schwer zu verstehen sind - sie ändern das Denken über unsere Welt ...

Redmayne: Ja, aber man braucht ein wenig, bis man begreift, wie grundlegend verändernd seine Entdeckungen waren. Beispielsweise die Hawking-Strahlung, also die Annahme, dass die Schwarzen Löcher, von denen wir dachten, sie würden alles nur einsaugen, ebenso Dinge abstoßen können. Das ist überaus bemerkenswert, ganz zu schweigen von den Konsequenzen, die daraus resultieren. Einige werden vielleicht sagen, man hätte in dem Film seine Forschung mehr beleuchten sollen. Aber ich glaube, dass dies in einer nicht dokumentarischen Geschichte schwierig wäre. Man muss ja erst einmal die Grundlagen erläutern, bevor man in komplexere Territorien vorstößt.

teleschau: Gab es während der Vorbereitung auf die Rolle einen Teil der Persönlichkeit Hawking, auf den Sie sich besonders stark fokussierten?

Redmayne: Es ging mir nicht um einen speziellen Aspekt. Ich wollte möglichst alles aufsaugen, mich in alle Richtungen ein wenig bewegen. Beispielsweise besuchte ich für vier Monate eine ALS-Klinik und traf mich mit Menschen, die wie er an ALS erkrankt sind. Ich lernte auch deren Familien kennen, um mich nicht nur den körperlichen, sondern auch den emotionalen Problemen zu nähern. Manche davon luden mich sogar zu sich nach Hause ein. Das Wichtigste aber war, Stephen persönlich zu treffen und einen Eindruck von seiner Persönlichkeit zu bekommen, von seinem Humor, seinem Verstand und seiner Verschmitztheit. Er hat diese Art, irgendwo hinzukommen und alles ein wenig ins Chaos zu stürzen.

teleschau: Im Film spielen Sie diese Persönlichkeit auf herausragende Weise. Es rumort schon im Bezug auf die Oscarverleihung im Februar ...

Redmayne: Nachdem ich gecastet wurde, wusste ich, dass Stephen, seine Ex-Frau Jane, deren Mann Jonathan und die Kinder den Film sehen würden. Das Gewicht dieser Erwartung und Verantwortung war überwältigend. Als sie dann den Film sahen und für gut erachteten, war das für uns Darsteller ehrlich gesagt schon die größte Belohnung. Und diese ganzen Gerüchte kommen und gehen auch wieder. Ich versuche, nicht darauf zu hören. Ein Schritt nach dem anderen. Aber wenn Leute den Film mögen, dann ist das natürlich toll ...

teleschau: Haben Sie zufällig mit Benedict Cumberbatch darüber geredet? Er ist auch im Gespräch für einen Oscar, und er spielte vor zehn Jahren in dem britischen Fernsehfilm "Hawking - Die Suche nach dem Anfang der Zeit" ebenfalls Stephen Hawking.

Redmayne: Wir kennen uns schon lange und sahen uns zuletzt auf einer Preisverleihung für außergewöhnliche Physiker und Mathematiker, wo er den Mathematiker-Preis übergab und ich den für die Physiker. Es stimmt, er hatte Stephen zuvor gespielt, also musste ich mich entscheiden, den Film mit ihm als Hawking zu schauen oder nicht. Ich entschied mich dagegen, sonst hätte ich vermutlich seine besten Parts geklaut. Ich habe ihn immer noch nicht gesehen, kann es aber kaum abwarten.

teleschau: Reden Sie beide über diesen Wettbewerb zwischen ihnen? Cumberbatchs "Imitation Game" feierte seine Premiere schließlich zur selben Zeit wie "Die Entdeckung der Unendlichkeit" ...

Redmayne: Nein, darüber reden wir nicht. Benedict ist wirklich ein guter Freund von mir, ich halte ihn für einen sensationellen Schauspieler. Konkurrenz war nicht der Grund, diese Rollen anzunehmen. Es sind meiner Meinung nach zwei völlig unterschiedliche Geschichten. Ich verstehe, dass man die vermeintliche Konkurrenz gern zu einer Story machen will. Doch weder er noch ich haben ein bestimmtes Interesse an so einem Vergleich.

teleschau: Sie werden ein Jahr nach dem großen Erfolg von "Les Misérables" wieder sehr hoch gehandelt. Wie fühlt sich das an?

Redmayne: Kann ich wirklich schwer sagen, ich versuche einfach weiterhin gute Arbeit zu machen. Was witzig ist: Als ich "Les Misérables" promotete, wurde ich am Ende jedes Interviews gefragt, ob ich nicht etwas singen könnte. Ich dachte immer nur: Oh, bitte nicht. Daher hoffte ich danach, das hier würde um einiges einfacher werden. Aber von wegen. Oft fragt man mich einfach nur: "So, Allgemeine Relativitätstheorie, erklären Sie!".

teleschau: Hat "Die Entdeckung der Unendlichkeit" etwas an Ihrer Einstellung zum Leben, zum Glauben geändert?

Redmayne: Das ist schwierig. Wissen Sie, ich bin ein wirklich fauler Denker. Der Film hielt mich dazu an, immer weiter zu denken. Es ist so interessant, über die religiösen Ideen nachzudenken, die da sagen: Wir leben auf diesem Planeten und müssen nach etwas Höherem streben. Wohingegen Stephen sagen würde: Wir leben nur einmal auf diesem Planeten und müssen aus jeder einzelnen Minute das Allerbeste machen. Es ist wirklich wichtig, Dinge weiter in Frage zu stellen. Stephen ist kürzlich Facebook beigetreten und in seinem ersten Beitrag lauteten die letzten beiden Worte: Sei neugierig. Das ist so typisch für ihn, etwas so dicht zusammenzufassen.

Quelle: teleschau - der mediendienst