Birgit Schrowange

Birgit Schrowange





Mitte 30 innendrin

Nein, man sieht sie ihr wirklich nicht an, die 31 Jahre, die Birgit Schrowange nun schon da ist, wo sie einst als junges Mädchen hinwollte: im Fernsehen, vor der Kamera. Nach Anfängen beim WDR und einem Jahrzehnt als Ansagerin beim ZDF, ließ sie sich von Privatfernsehvisionär Helmut Thoma vor 20 Jahren zu RTL locken, wo sie seit der ersten Sendung im Oktober 1994 Moderatorin und das Gesicht des Wochenmagazins "EXTRA" ist. Vor der Jubiläumsausgabe (am Montag, 27. Oktober, 22.15 Uhr) blickt die 56-jährige Wahlkölnerin nicht nur auf einige handfeste Erfolge des investigativen Formats zurück, sondern auch auf zwei Jahrzehnte TV-Geschichte. Und Birgit Schrowange spricht auch über ein mögliches Karriereende: "Ich nenne keine Zahl, aber Fakt ist: Ich kann loslassen."

teleschau: Frau Schrowange, können Sie sich an Ihre erste "EXTRA"-Sendung im Oktober 1994 erinnern?

Birgit Schrowange: Ziemlich genau: Ich trug einen schwarzen Hosenanzug und hatte dunkle, lange Haare mit grauen Strähnen ... Und ich war wahnsinnig aufgeregt.

teleschau: Abgesehen von Frisur und Kleidung: Hat sich Ihr Moderationsstil in den vergangenen 20 Jahren verändert?

Schrowange: Früher moderierte ich strenger, ich hatte mir eine gewisse Seriösität verordnet. Heute bin ich lockerer, sicher authentischer. Aber "EXTRA" ist auch nicht unbedingt das Format, um seine Persönlichkeit komplett auszuleben.

teleschau: Wie sind Sie denn so? Kritiker benutzen häufig das Adjektiv "charmant" ...

Schrowange: Die Frage ist nur, was das genau bedeutet (lacht). Also, ich glaube, die Kollegen haben alle viel Spaß mit mir: Ich selbst würde mich als aufgeweckt und sehr lustig bezeichnen.

teleschau: Zum Jubiläum ließen Sie sich im roten Abendkleid auf einer Waschmaschine sitzend ablichten!

Schrowange: (lacht) Ein Hingucker, nicht wahr? Die Spielerei soll symbolisieren, was unsere Sendung anfangs berühmt machte: die Handwerkertests. Ein Beitrag dazu sorgte gleich für Furore. Er hieß: "Wie dreist sind Waschmaschinenmonteure?" Mein Kollege Burkhard Kress und sein Team hatten eine Waschmaschine entsprechend manipuliert und die Arbeit der Handwerker mit versteckter Kamera dokumentiert. Wir sind sehr stolz darauf, dass er nicht müde wird, seine investigative Arbeit fortlaufend zu verbessern. Neueste Errungenschaft ist ein Spy-Mobil mit modernster Überwachungstechnik.

teleschau: 20 Jahre sind im so schnelllebigen Fernsehgeschäft eine Ewigkeit. Was ist das Erfolgsgeheimnis?

Schrowange: Die Ernsthaftigkeit, das Engagement aber auch der Mut der Kollegen sind entscheidend für unseren Erfolg. Wir haben vor großen Namen keine Angst, und wir nehmen uns immer wieder Zeit, mit längeren Beiträgen in die Tiefe zu gehen, an Themen dranzubleiben. Außerdem: Wir sind das Original. Als wir vor 20 Jahren mit unseren Verbraucherstorys anfingen, kannte man so etwas noch nicht. Später wurden wir oft kopiert, aber nie erreicht - weil wir uns stetig weiterentwickelt haben.

teleschau: Aber was genau machen Sie bei "EXTRA" anders als andere?

Schrowange: Wir sind mutiger und vielfältiger, betreiben mehr Aufwand. Wir schickten Reporter undercover in große Firmen, etwa zu Zalando, wir gingen mit versteckter Kamera in Pflegeheime, deckten Lebensmittelskandale auf, befreiten Kinder aus den Fängen einer Sekte, Burkhard Kress schmuggelte Waffen an Bord eines Flugzeugs, seitdem müssen wir alle zum Scan am Sicherheitscheck auch die Schuhe vorzeigen ... All das kostet auch Zeit und Geld. Das haben wir - und auch die Rückendeckung des Senders, schließlich legen wir uns auch mit Werbekunden an. Wir decken Missstände auf, und wir dürfen das, weil wir Erfolg haben. Aus einigen monothematischen "EXTRA"-Sendungen sind nicht umsonst eigenständige Formate entstanden, darunter "Team Wallraff - Reporter undercover", "Das Jenke-Experiment" sowie "Jenke - Ich bleibe über Nacht" ...

teleschau: Wobei sich die inhaltlichen Schwerpunkte im Laufe der Jahre durchaus verschoben haben ...

Schrowange: Natürlich, wir schauen auch auf die Quoten und versuchen nah an den Interessen unseres Publikums zu bleiben. Was in den 90er-Jahren noch ein Renner war, aber heute nicht mehr geht, sind beispielsweise Schönheits-OPs und Erotikthemen - das scheint aus dem Zeitgeist verschwunden zu sein. Gefragt sind hingegen die ernsthaften investigativen Themen, bei denen sich durch unsere Berichterstattung etwas bewegt.

teleschau: Wurden Sie als das Gesicht der Sendung je direkt mit Auswirkungen Ihres Formats konfrontiert?

Schrowange: Oh ja. Beim Sicherheits-Check am Flughafen werde ich regelmäßig auseinandergenommen und von oben bis unten abgetastet. Einen Spruch der Marke: "Tja, da sind Sie doch selber schuld, Frau Schrowange!" habe ich dabei nicht nur einmal gehört ... Aber darauf sollte ich eigentlich stolz sein (lacht).

teleschau: Bei aller Jubiläumseuphorie: Es gab auch mal schlechtere Zeiten für "EXTRA".

Schrowange: Eine Quotendelle hatten wir nur 1999 und 2000, als Stefan Raab erstmals mit "TV Total" gegen uns auf Sendung ging. Ihn hatte das seinerzeit animiert, einen ersten kleinen Schmähsong auf mich zum Besten zu geben. Wir haben lieber weiter am Format gearbeitet und ihn nach einigen Monaten wieder eingeholt. Qualität setzt sich durch! Durchschnittlich schauten 3,17 Millionen Zuschauer in der letzten TV-Saison 2013/2014 "EXTRA"!

teleschau: Erfolg weckt Begehrlichkeiten. Gab es die Versuchung, RTL zu verlassen?

Schrowange: Ja, es gab Angebote, auch von ProSieben ... Aber ich war bei RTL stets zufrieden und habe eine Menge erlebt, zwischenzeitlich hatte ich vier Sendungen. Ich konnte mich verwirklichen, und "EXTRA" läuft allen Unkenrufen zum Trotz immer noch. Als ich vor 20 Jahren anfing, war auch mein Umfeld skeptisch. Viele hoben den Zeigefinger: "Um Gottes willen, du kannst doch nicht zum Privatfernsehen gehen. Das wirst du kein Jahr überleben, dann bist du weg vom Fenster!" Aber mein Bauchgefühl sagte mir damals, dass ich wechseln soll, und Gott sei dank habe ich nie etwas bereut.

teleschau: Sie kamen 1994, in der absoluten Hoch-Zeit des Privatfernsehens zu RTL ...

Schrowange: Es war extrem aufregend! Ich kam ja von einem anderen Planeten: Beim ZDF waren die Damen hochgeschlossen, die Herren grau meliert, und alles war so distinguiert auf den langen Gängen in Mainz. Auf einmal landete ich in diesem jungen, verrückten Haufen bei RTL, überall hippe, motivierte Leute, alle Türen standen offen. Eine großartige Atmosphäre. Aber ich weiß noch, wie ich gleich am Tag meines Vorstellungsgesprächs bei Frank Hoffmann ins Fettnäpfchen trat ...

teleschau: Beim heutigen RTL-Geschäftsführer?

Schrowange: Ja, er sah damals mit Mitte 20 aus wie 19 ... Als er mir eröffnet hatte, RTL würde mich nehmen, entgegnete ich schroff: "Ich verhandle nicht mit Praktikanten." Was ich nicht ahnte: Der junge Mann mit den Turnschuhen war der zuständige Redaktionsleiter ... Er bekam einen roten Kopf, blieb aber entspannt (lacht).

teleschau: Es heißt, der damalige RTL-Geschäftsführer Dr. Helmut Thoma habe Sie abgeworben ...

Schrowange: Ja. Er sprach mich auf einer Veranstaltung einfach an: "Sag, hams' net moi a Lust, zu uns zu kommen?" Zwei Wochen später war ich schon von Hans Mahr, dem damaligen RTL-Chefredakteur, gecastet. Das waren echte Typen: verrückt im positiven Sinne und verantwortlich für ein kreatives Klima, in dem man das Gefühl hatte, unendlich viel bewegen zu können. Die Österreicher mischten den Markt auf. Und heute kopiert das öffentlich-rechtliche Fernsehen immer mehr von den privaten Programmen, ich finde das ganz schön armselig.

teleschau: Leiden Sie eigentlich mit Ihrem Ex Markus Lanz, der mit "Wetten, dass ..?" beim ZDF auf keinen grünen Zweig kommt?

Schrowange: Das kann man schon so sagen. Wir haben ein sehr gutes Verhältnis, wir sehen uns oft und tauschen uns aus - wir haben ja unseren gemeinsamen Sohn. Ich finde einfach, dass die Kritik an seiner Person total überzogen ist. Was da im Internet aus der Anonymität heraus passiert, geht auf keine Kuhhaut. Ich weiß, wenn man in der Öffentlichkeit steht, ist man vor so etwas nie gefeit. Aber ich schütze mich, in dem ich mir so etwas erst gar nicht anschaue.

teleschau: Sie sind auch nicht bei Facebook.

Schrowange: Und die Twitterei interessiert mich auch nicht! Ich verweigere mich total. Es ist ein Irrsinn, was wir heute alles so öffentlich machen, all die Daten und Fotos. So viel Blödsinn, der da kursiert und für alle Ewigkeit im Netz bleibt. Übrigens ist mein Sohn auch so schlau, sich rauszuhalten - ganz freiwillig!

teleschau: Er ist mit 14 Jahren genau in dem Alter, in dem Sie angeblich bereits beschlossen, zum Fernsehen zu gehen.

Schrowange: Das ist richtig. Mein Mädchentraum war das Fernsehen, auch wenn ich erst mal Rechtsanwalts- und Notargehilfin lernte. Es war eben ein Hirngespinst, aber manchmal kommen die weiter, die spinnen (lacht). Also marschierte ich zum WDR und sagte: "Ich gehe hier nicht eher weg, bis ihr mir einen Job gegeben habt - und wenn ich in der Kantine arbeite."

teleschau: Sie begannen dann als Stenokontoristin!

Schrowange: Ja, man fängt klein an. Und Frechheit siegt!

teleschau: Und Selbstbewusstsein!

Schrowange: Ja. Aber als Mädchen war ich nicht selbstbewusst, sondern nur beharrlich. Ich habe das jedem gesagt: "Ich will Fernsehansagerin werden!" Beim WDR haben sie mich am Anfang auch erst vorne rausgeschmissen, und ich bin hinten wieder reinmarschiert (lacht). Und dann wurde es ernst: Ich lebte in meiner zwölf-Quadratmeter-Bude, ernährte mich von Spaghetti mit Ketchup und büffelte, nahm privat Schauspiel- und Sprechunterricht, um mir den fürchterlichen westfälischen Dialekt abzugewöhnen. Bis ich mein Ziel erreichte.

teleschau: Sie haben jüngst ein Buch geschrieben. Der Titel sagt alles: "Es darf ruhig ein bisschen mehr sein"!

Schrowange: Es soll den Frauen Mut machen: Seid nicht immer so bescheiden, seid kühn, seid renitent. Nehmt euch, was ihr braucht, und macht, was euer Herz sagt!

teleschau: Sie haben dazu sogar ein paar Songs eingesungen.

Schrowange: Gut, ich werde keine Edith Piaf mehr, für eine Helene Fischer reicht es auch nicht. Aber ich liebe es, zu singen, und da mir schon immer egal ist, was die Leute sagen, habe ich einfach drei Songs, die zu mir passen, auf einer CD mit zum Buch gepackt.

teleschau: Wie lange wollen sie noch vor der Kamera stehen?

Schrowange: Ich bin jetzt 56, ich habe eine Karriere genießen dürfen, die so nicht vorhersehbar war, und ich bin dankbar, dass ich noch dabei bin - aber irgendwann ist sicher Schluss. Ich will keine von diesen alten Fernsehladys sein, die an ihrem Stuhl kleben. Ich nenne keine Zahl, aber Fakt ist: Ich kann loslassen.

teleschau: Da Sie Ihr Alter selbst ansprechen: Fühlen Sie sich wie 56?

Schrowange: Nein, überhaupt nicht. Ich empfinde mich vielleicht als 36-Jährige ... Also innendrin. Dass ich älter aussehe, ist mir klar - und egal. Ich habe eine Freundin, die im nächsten Jahr 90 Jahre alt wird, aber innerlich noch total jung ist. Mein Vorbild!

teleschau: Was hält Sie jung?

Schrowange: Gute Gene: Meine Eltern sind beide über 80 und ziemlich agil. Ansonsten hat das sicher mit Lebenseinstellung zu tun: Ich bin neugierig, ich bin nicht verbissen, ich hadere nicht mit der Vergangenheit, sondern lebe im Jetzt. Und ich versuche nicht, krampfhaft einem bestimmten Bild zu entsprechen. Großes Frauenproblem, glauben Sie mir!

teleschau: Sie haben da wohl auch leicht reden ...

Schrowange: Wieso?

teleschau: Finden Sie sich nicht attraktiv?

Schrowange: Na ja, ich bin ganz zufrieden. Ich bin kein Modeltyp, habe Kleidergröße 38, 40. Ich will auch überhaupt nicht schön oder hip sein, sondern mein Ziel ist es, eine coole, alte Lady zu werden. Das krieg ich hin (lacht)!

teleschau: Sie sind kürzlich umgezogen ...

Schrowange: Ja, ich habe eine wunderschöne Vier-Zimmer-Altbauwohnung gefunden im "Belgischen Viertel" - da fühle ich mich ein bisschen wie in Soho in New York, meiner Lieblingsstadt. Es tut einfach gut, Balast abzuwerfen, sich zu verkleinern, kann ich nur empfehlen. Ich bin in 30 Jahren Köln achtmal umgezogen, und es hat mir nicht geschadet!

Quelle: teleschau - der mediendienst