Pride

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Schräger Schulterschluss

Die Engländer sind unangefochtene Spezialisten, wenn es darum geht, sozialkritische Themen unterhaltsam und bewegend zu erzählen. Allen voran Ken Loach und Mike Leigh. Der Realismus des britischen Kinos hat kein Problem mit ungeschönte Wahrheiten; so tragisch die Geschichten auch sein mögen, an irgendeiner Stelle im Film kann, ja soll man immer lachen. Und ungläubig staunen, auf welche Weise die vom Schicksal Gebeutelten sich aufbäumen gegen die Widrigkeiten des Lebens. Das Schicksal britischer Bergarbeiter, die 1984 gegen die Schließung ihrer Zechen und gegen Margaret Thatchers Innenpolitik aufbegehrten, war bereits Thema im wunderbaren Drama "Billy Elliot - I Will Dance" (2000). Von Mut, Mitgefühl und Grenzen sprengender Solidarität erzählt nun auch Regisseur und Theatermann Matthew Warchus in seinem Film "Pride", der auf einer wahren, fast vergessenen Geschichte basiert.

England im Jahr 1984. Premiere Margaret Thatcher führt rigide ihr konservatives Regime, in Wales kämpfen die Bergarbeiter gegen die Zechenschließung. Ausgerechnet eine schwul-lesbische Initiative aus London will die streikenden Bergleute unterstützen und ihre Solidarität bezeugen. Eine pikante Angelegenheit, denn die Geschichte spielt just in einer Zeit, als Homosexuelle als Perverse gelten und wie Aussätzige behandelt werden.

Bei der "Gay Pride" in London lernt der junge, schüchterne Joe (George McKay) die Aktivisten Mike (Joseph Gilgun) und Mark (Ben Schnetzer) kennen, die als Mitglieder der "Lesbians and Gays Support the Miners", kurz LGSM, eifrig Spenden für die Bergarbeiter sammeln. Letztere sind vom Support durch die Londoner Homos allerdings nicht gerade begeistert. Also fährt die unerschrockene Truppe von LGSM nach Wales, um die Arbeiter von den eigenen Vorurteilen und ihren guten Absichten zu überzeugen. Keine leichte Aufgabe, denn nur der Anführer der Miners Dai (Paddy Considine), der zurückhaltende Cliff (Bill Nighy) und die resolute Hausfrau Hefina (Imelda Staunton) heißen die Londoner Truppe willkommen und hoffen, mit deren Hilfe die Situation verbessern zu können.

Die Verbrüderung von Minenarbeitern und schwulen Aktivisten klingt eigentlich zu schräg, um wahr zu sein. Aber wie vor 20 Jahren geschehen, prallen nun auch im Film zwei Welten und Kulturen aufeinander, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten: die Metropole London und die Provinz, erdige Bergarbeiter und schrille Gesellen. Kurz: Weltoffenheit meets Kleingeistigkeit. Wo am Anfang Vorurteile und Abneigung vorherrschen, entstehen am Ende lustige Begegnungen (etwa wenn die Waliser Hausfrauen die Londoner Gay Clubs unsicher machen) und echte Freundschaften.

Regisseur Warchus erzählt seine Geschichte als leichtfüßige Komödie, wobei ernste Aspekte wie Aids und Schwulenhass durchaus zur Sprache kommen. Dabei unterstützt ihn ein veritables Schauspieler-Ensemble, allen voran Golden-Globe-Gewinner Bill Nighy und die einst für "Vera Drake" oscarnominierte Imelda Staunton. Eine echte Entdeckung ist der Newcomer Ben Schnetzer aus "Die Bücherdiebin", der derzeit auch in "The Riot Club" zu sehen ist. Auch wenn Warchus eigentlich alles richtig gemacht hat: So nah wie "Billy Elliot" geht einem der Film letztlich nicht.

Quelle: teleschau - der mediendienst