Erol Sander

Erol Sander





Blick in den Orient

Schauspieler Erol Sander (45) wurde in Istanbul geboren, aufgewachsen ist er jedoch in München. Seine Geburtsstadt kannte er lange vorwiegend aus Erzählungen. Inzwischen ist die Millionenmetropole zu seiner zweiten Heimat geworden. Immerhin ist er jedes Jahr für mehrere Monate am Bosporus und dreht dort neue Folgen seiner erfolgreichen Krimi-Reihe "Mordkommission Istanbul". Sander: "Als Kommissar Mehmet Özakin entdecke ich parallel mit dem Zuschauer ein Istanbul und eine Türkei, die es so im Fernsehen noch nicht zu sehen gab." Der Schauspieler versteht sich jedoch bestimmt nicht als eine Art "Fremdenführer", der in den neueren Filmen auch "geheime Ecken in dieser riesigen Stadt" zeigt. Mit der "Mordkommission Istanbul" habe er vor allem die Möglichkeit, eine kleine Tür in den Orient zu öffnen. Sander sieht sich auch als Vermittler, wie er im Interview verrät. Am Donnerstag, 16. Oktober, 20.15 Uhr, startet mit der Episode "Die zweite Spur" die neue Staffel im Ersten.

teleschau: Die "Mordkommission Istanbul" gibt es seit 2008. Wie hat sich Ihr Kommissar Mehmet Özakin seither verändert?

Erol Sander: Der Kommissar in Istanbul ist vor allem immer ein Mensch geblieben, der einen sehr europäischen Touch hat. Ich glaube, in den vergangenen sechs Jahren haben sich unsere Bücher verbessert. Und auch die Auswahl der Locations. Anfangs haben wir oft an bekannten touristischen Plätzen gedreht, die auch jeder sehen wollte. Heute zeigen wir beinahe geheime Ecken dieser riesigen Stadt. Erol Sander entdeckt so parallel mit dem Zuschauer ein Istanbul und eine Türkei, die es so im Fernsehen noch nicht zu sehen gab.

teleschau: Ist eine grandiose Kulisse wie Istanbul wichtiger als der Fall an sich?

Sander: Mit der "Mordkommission" haben wir das Privileg, im Ausland drehen zu dürfen. Das ist eine große Ehre. Mit Istanbul befinden wir uns zudem in einer mystischen Stadt mit einer Historie von mehr als 3.000 Jahren. Das eröffnet zahlreiche Möglichkeiten. Wir können Geschichte und antike Gebäude zeigen. Mit diesem Hintergrund können wir aber auch frei gestalten, beispielsweise mit einem Mord, der in Istanbul beginnt. Der Fall führt den Zuschauer, geleitet an türkischen Traditionen weiter, bis er im Inneren des Landes oder im Süden endet. So sind sowohl Kulisse als auch die Story für die Reihe enorm wichtig.

teleschau: Im vergangenen Jahr gab es Proteste vor allem in Istanbul. Der jüngst zum türkischen Staatspräsidenten gewählte Recep Erdogan spürte enormen Gegenwind und griff mit harter Hand durch. Merken Sie, dass in der Türkei möglicherweise ein anderer politischer Wind weht?

Sander: Das ist schwer zu sagen, denn ich maße mir nicht an, Dinge zu beurteilen, die ich nicht wirklich einschätzen kann. Wenn ich mich mit den Menschen in den Straßen Istanbuls unterhalte, sagen sie mir, dass sich sehr viel Gutes bewegt habe. Zum Beispiel sei die Aussöhnung zwischen den Türken und den Kurden vorangebracht worden. Den wirtschaftlichen Aufschwung und den Wohlstand vieler Menschen darf man natürlich nicht vergessen. So ist es wohl auch nachvollziehbar, dass die meisten Bürger ihre Stimme Herrn Erdogan gegeben haben. Ich wünsche mir für die Zukunft, dass die politischen Parteien und Menschen aufeinander zugehen und einen Weg finden, der die Türkei in sich stärkt.

teleschau: Sind Sie ein politischer Mensch?

Sander: Ja. Kein Tag vergeht, an dem ich mich nicht für die aktuelle Situation in der Welt interessiere. Aber ich bin auch ein vorsichtiger Mensch. Und über kaum etwas kann ich mich so aufregen wie über Leute, die unbedarft daherreden und urteilen. Die Weltpolitik ist kompliziert, selbst Fachleute tun sich schwer mit Analysen und Antworten. Meine Eindrücke sind natürlich subjektiv, durch meinen Bekanntheitsgrad als Schauspieler könnten sie eine übersteigerte Bedeutung bekommen, deswegen bin ich da eher zurückhaltend. Ich bin ein engagierter Wähler. Ich habe eine einzige Stimme, die ich bei jeder Wahl unbedingt abgebe, wenn es nicht anders möglich ist per Briefwahl. Das Privileg, wählen zu können, ist ein wichtiger Bestandteil von Demokratie.

teleschau: In den neuen "Mordkommission"-Fällen "Die zweite Spur" und "Das Ende des Alp Atakan" geht es unter anderem um die Gleichberechtigung der Frau und Ehrenmord.

Sander: Ehrenmorde sind furchtbare Ereignisse und nicht zu erklären. Ich bin immer geschockt, wenn ich über solche Fälle lese. Vor allem aber hoffe ich, dass die Gesellschaft sich so entwickeln wird, dass vermeintliche Traditionen nicht so viel wert sind wie ein Menschenleben und das damit verbundene Leid. Und an der Gleichberechtigung der Frau muss die ganze Welt arbeiten. Noch passiert da insgesamt zu wenig. Meiner Meinung nach ist die Türkei bei diesem Thema in einer Aufbruchsstimmung.

teleschau: Wie wichtig sind auch diese eher brisanten Themen für die Fälle der "Mordkommission Istanbul"?

Sander: Noch immer haben zu viele Menschen auch in Deutschland Angst vor dem Fremden. Mit der "Mordkommission Istanbul" haben wir die Möglichkeit, zumindest eine kleine Tür in den Orient zu öffnen. Auch wenn wir brisante Themen behandeln, wollen wir nicht polarisieren. Dazu haben wir auch nicht das Recht, da wir hier nicht leben. Indem wir allerdings viel von den Menschen hier und auch ihren schönen Traditionen zeigen, erzeugen wir hoffentlich Verständnis und Respekt für ihren Kulturkreis.

teleschau: Wie regieren die Menschen in den Straßen Istanbuls, wenn sie Erol Sander begegnen?

Sander: Hier in Istanbul werde ich meistens von deutschen Touristen angesprochen. Das freut mich immer sehr, und ich fühle mich geehrt, da ich ohne ein Publikum auch meine Arbeit nicht hätte. In der Türkei dagegen bin ich als Schauspieler nicht bekannt.

teleschau: Wie lange wollen Sie Mehmet Özakin noch spielen?

Sander: In dieser Stadt mit seiner 3.000-jährigen Geschichte gibt es noch immer viel zu entdecken und damit zu erzählen. Wir nutzen das. So lange das Publikum zufrieden ist und sich unterhalten fühlt, setzen wir das fort.

teleschau: Sie könnten als gestandener Kommissar doch nach Deutschland wechseln in eine Reihe. Jetzt, da beinahe jedes Dorf einen eigenen Ermittler hat ...

Sander: Die "Mordkommission Istanbul" ist doch beinahe schon ein "Tatort". Und damit bin ich wirklich gut bedient.

teleschau: Wenn Sie in Deutschland ermitteln würden, wären Sie Ihrer Familie näher und nicht wieder dreieinhalb Monate von ihr getrennt.

Sander: Meine Frau, die beiden Kinder und ich versuchen, dass wir uns alle zweieinhalb bis drei Wochen sehen. Mit den Flugverbindungen klappt das ganz gut. Ohne das Verständnis und die Unterstützung meiner Frau könnte ich meinen Beruf auch nicht ausüben. Dass ich mich so auf sie verlassen kann, stärkt mich und gibt mir die Basis für meine Arbeit.

teleschau: Vor Ihrer Abreise nach Istanbul waren Sie auch kaum zu Hause. Sie spielten bei den Nibelungen-Festspielen in Worms.

Sander: Stimmt, da war ich zweieinhalb Monate weg. Während der zweimonatigen Proben konnte ich aber öfter nach Hause fahren. Die knapp 400 Kilometer zwischen Worms und München waren nicht so weit.

teleschau: Wie war die Zusammenarbeit mit Regisseur Dieter Wedel bei den Nibelungen-Festspielen?

Sander: Mit Dieter Wedel zusammenarbeiten zu dürfen, war eine große Ehre. Die bekommt nicht jeder. Wir waren ein Team von 180 Leuten. Es war unglaublich. In den gesamten zweieinhalb Monaten gab es keine einzige Konfrontation, kein Ärgernis, keine Anspannung, es herrschte großer Teamgeist. Dieter Wedel ist ein Visionär, ich vergleiche ihn ein bisschen mit Oliver Stone. Als Schauspieler kann man sich bei ihm fallen lassen. Und das habe ich getan. Ich bin noch immer beeindruckt von dieser Zusammenarbeit.

teleschau: Wie wichtig ist eine Zusammenarbeit mit einem Kaliber Wedel für die eigene Karriere?

Sander: Das Engagement gab mir die Möglichkeit, mit einem Regisseur zu arbeiten, der eine Vision wie ein Gemälde umsetzen will. Und ich war eine Farbe davon. Das hat mich auch einen Schritt nach vorne gebracht. In der Rolle des finsteren Königs Etzel in "Hebbels Nibelungen - born this way" konnte ich zeigen, dass ein Sander nicht nur ein Fernsehschauspieler ist, der möglicherweise nur gut aussieht. Bei den guten Kritiken fühlte ich mich schon sehr geehrt.

teleschau: Vom Kommissar über den Winnetou, die "Nibelungen" bis hin zur Schmonzette haben Sie so gut wie alles gespielt. Was ist denn nun die Traumrolle von Erol Sander?

Sander: Ich hätte mal Lust, eine Komödie zu drehen, in der ich mich selbst und die Welt der Schauspielerei auf den Arm nehme.

Quelle: teleschau - der mediendienst