Jürgen von der Lippe

Jürgen von der Lippe





Kuppeln wie früher

Von 1989 bis 2001 war Jürgen von der Lippe das Gesicht von "Geld oder Liebe". Sechs mehr oder minder paarungsbereite Kandidaten, internationale Musik-Acts und die quietschbunten Hemden des Moderators: Die Samstagabend-Kuppel-Show wurde schon bald Kult. Anlässlich des 25. Geburtstags von "Geld oder Liebe" feiert von der Lippe (66) mit sechs prominenten Gästen in einer Jubiläumssendung (Mittwoch, 29. Oktober, 20.15 Uhr, WDR) die Wiederbelebung des Formats, das um drei weitere Folgen mit nicht-prominenten Gästen und neuen Moderatoren (Simon Beeck am 05.11., Christine Henning am 12.11. und Lutz van der Horst am 19.11., jeweils mittwochs, 20.15 Uhr, WDR) ausgedehnt wird.

teleschau: Herr von der Lippe, stellen Sie sich vor, Sie würden sich auf einen gemütlichen Fernsehabend einstellen. Was bräuchten Sie alles dafür?

Jürgen von der Lippe: Ich gehöre nicht zu den Leuten, die sagen: So, jetzt mache ich mal einen Fernsehabend! Allgemein sehe ich nicht viel fern in Echtzeit, nur wenn zum Beispiel die Champions League übertragen wird, und selbst dann komme ich nicht oft dazu, das auch zu sehen, weil ich zu den Zeiten meist auf der Bühne stehe. Ich nehme dafür viel auf.

teleschau: Mit bestimmten Vorlieben?

von der Lippe: Ich gucke zum Beispiel gerne Talkrunden, so was wie die "NDR Talkshow" oder den "Kölner Treff".

teleschau: Sind Sie vorm Fernseher mehr der Jogginghosen-Chips-und-Bier-Typ auf der Couch, oder gibt's bei Ihnen eher Anti-Pasti und Rotwein am Tisch?

von der Lippe: Kommt drauf an, ob ich überhaupt trinke. Ich bin jemand, der das ganze Jahr über diätet und habe häufig Phasen, in denen es bei mir keinen Alkohol gibt. Aber zum Fußball passt natürlich ein Bier.

teleschau: Und Ihr Fernseher? Groß und Flachbild?

von der Lippe: Es ist kein neuer, meiner ist noch analog, aber groß. Der hat noch richtig gekostet.

teleschau: Und eine Fernsehzeitschrift liegt immer griffbereit?

von der Lippe: Ja, sicher. Ich gucke immer ins Programm und habe immer einen Plan davon, was ich gucke. Im Zappen sehe ich keinen Sinn.

teleschau: Und wenn Sie mal vorm Fernseher sitzen, und es kommt nichts nach Ihrem Geschmack?

von der Lippe: Dann nehme ich mir einen Film oder eine Serie, die ich auf DVD da habe. Im Moment bin ich ja ein bisschen angefixt von Serien.

teleschau: Welche Serien mögen Sie?

von der Lippe: Zum Beispiel "The Big Bang Theory". Und "Modern Family", die habe ich schon ganz durch. Von "Nashville" muss ich mir demnächst mal die dritte Staffel holen. Und ich mag "The Walking Dead". Gerne gucke ich aber auch "Two and a Half Men", ich finde ja Ashton Kutcher als Nachfolger von Charly Sheen eine gute Lösung.

teleschau: Wie wäre es statt einer DVD mal wieder mit einer Videokassette - und ein paar alten Folgen "Geld oder Liebe" aus den 90ern?

von der Lippe: Die muss ich mir jetzt sowieso noch mal angucken, damit ich mich wieder darauf eingrooven kann. Allgemein bin ich aber niemand, der sich gerne die alten Geschichten anguckt.

teleschau: Warum nicht?

von der Lippe: Weil ich mich immer viel zu sehr über mich ärgere.

teleschau: Worüber ärgern Sie sich denn?

von der Lippe: Über Fehler, die ich gemacht habe. Sachen, die einfach nicht optimal waren. Und davon gab es immer reichlich. Man darf ja nicht vergessen, dass das kein Bühnenprogramm war, das man schon hundertmal gespielt hat, sondern immer eine Sendung, auf die man sich, so gut man konnte, vorbereitet hat, aber in der es eben Momente gab, in denen ich zum Beispiel etwas schlecht erklärt habe. Ich habe an mir relativ viel auszusetzen.

teleschau: Gibt's im Nachhinein so etwas wie einen Hauptfehler, den Sie erkennen?

von der Lippe: Ich habe ja als Talkmaster angefangen. Dabei hatte ich eine katastrophale Fragetechnik. Ich war immer sehr gut vorbereitet, habe aber immer so lange gefragt, bis der Gast nur noch die Zeit hatte, "ja" oder "nein" zu sagen. Das war furchtbar.

teleschau: Auffällig bei den alten "Geld oder Liebe"-Folgen ist auch die Langsamkeit des Formats.

von der Lippe: Ja, wobei das nicht nur für "Geld oder Liebe" galt, sondern für das gesamte Programm der 90-er. Das kommt einem jetzt alles so langsam vor, weil seitdem das Tempo einfach höher geworden ist.

teleschau: Wie finden Sie diese Entwicklung?

von der Lippe: Mittlerweile ist vieles überhastet. Ich persönlich brauche gar kein Tempo - für mich muss etwas einfach nur gut sein. Ich habe lieber was Substanzielles, das langsam ist, als eine gequirlte Kacke, die schnell daherkommt. Davon haben wir heute leider reichlich.

teleschau: Wobei Sie die Langsamkeit von früheren Produktionen ja auch schon kritisierten. Etwa sagten Sie einmal, Loriot würde heute nicht mehr funktionieren.

von der Lippe: Loriot ist ein Klassiker. Die Wertschätzung, die ihm entgegengebracht wird, hat mit Erinnerungen zu tun. Und Erinnerungen sind nicht nur produktbehaftet, sondern bedeuten auch, dass man in einer anderen Lebensphase war, und je weiter diese zurück liegt, umso positiver sieht man sie. Das schließt natürlich auch Befindlichkeiten mit ein. Und ich sage: So etwas, wie Loriot es gemacht hat, würde heute nicht mehr funktionieren.

teleschau: Was müsste bei "Geld oder Liebe" denn jetzt anders laufen, damit es noch mal funktioniert?

von der Lippe: Die Frage ist, ob es überhaupt anders laufen muss. Was ich jetzt mache bei der Jubiläumssendung, ist ja keine reguläre Show, sondern ein großer Spaß mit prominenten Kandidaten, die nur so tun als ob. Wir wollen einfach nur gut unterhalten und uns an die alten Sendungen erinnern. Danach müssen dann die drei Jungspunde ran. Man wird sehen, was die daraus machen.

teleschau: Hat die Show die Chance auf ein dauerhaftes Comeback?

von der Lippe: Furchtbar schwer zu sagen. Die neuen Moderatoren haben ja das Glück, dass sie die Sendung früher nicht gemacht haben. Ich habe damals noch die goldenen Zeiten erlebt mit Produktionsbedingungen, die es heute einfach nicht mehr gibt. Die würde ich jetzt sehr vermissen, die neuen Moderatoren aber nicht, worin auch eine Chance für sie liegt.

teleschau: Wie haben sich die Produktionsbedingungen verändert?

von der Lippe: Das Hauptproblem der heutigen Fernsehmacher ist grundsätzlich, dass es zu wenig Geld und Zeit gibt. Es ist einfach zu wenig da, um die Sachen vernünftig machen zu können. Ich saß schon so oft mit Autoren da, wir groovten uns gerade richtig ein, und dann hieß es: Die nächste Sendung wird jetzt aufgezeichnet. Hätten wir noch ein, zwei Stunden länger gehabt, hätten wir viel mehr geile Gags gehabt.

teleschau: Bereiten Sie sich auf eine Show wie "Geld oder Liebe" nun noch lange vor? Oder vertrauen Sie auf das Altbewährte?

von der Lippe: Ich habe immer noch meinen Chefautor Klaus Rottwinkel - einen der besten, die wir haben. Und ich mache das jetzt in aller Ruhe, damit ich mich schön sicher fühle.

teleschau: Sie sagten einmal: "Kritiker sind Hennen, die gackern, wenn andere ein Ei gelegt haben." Sind Sie eitel, was Ihren Humor angeht?

von der Lippe: Ich muss gar keine Kritik vertragen, denn ich werde kaum noch kritisiert. Ich bin jetzt 40 Jahre erfolgreich unterwegs und finde es wirklich langweilig, wenn Kritiker zum Beispiel immer noch die vielbeschworene Gürtellinie auspacken. Es kommt doch auch niemand auf die Idee, einem Maler oder Filmemacher vorzuwerfen, dass er sich mit der Beschreibung sexueller Handlungen befasst. Warum müssen wir Komiker uns das immer anhören? Das ödet mich einfach an. Der Kritiker sucht immer nach dem Haar in der Suppe. Dazu kommt, dass er die denkbar schlechtesten Rezeptionsbedingungen mitbringt, wenn er in eine Vorstellung kommt. Der Rest des Publikums ist vielleicht schon seit vielen Jahren Fan, will sich amüsieren und ist fest entschlossen zu lachen. Der Kritiker kommt mit einer ganz anderen Attitüde.

teleschau: Sollte ein Kritiker Ihrer Meinung nach nicht immer neutral sein?

von der Lippe: Ach, das ist nicht mein Problem. Ich bin Aktiver und stehe auf der anderen Seite der Barrikaden.

Quelle: teleschau - der mediendienst