"Nochmal mache ich das nicht"

"Nochmal mache ich das nicht"





Zach Braff über das Crowdfunding für seinen neuen Film "Wish I Was Here" (Start: 9.10.)

Zach Braff sind seine Fans überaus wichtig - so wichtig, dass der 39-Jährige mit ihrer Hilfe seinen zweiten Spielfilm gemacht hat. In "Wish I Was Here" (Start: 9.10.) fungierte der "Scrubs"-Star nicht nur als Drehbuchautor, Regisseur und Hauptdarsteller, sondern unter anderem als Studioboss, Vertriebsleiter und Pressesprecher. Denn sein neuestes Werk ist zum größten Teil über Crowdfunding finanziert und damit unabhängig von Filmstudios produziert. Fast 47.000 Menschen unterstützten das Projekt auf der Plattform "Kickstarter", und spendeten dabei über drei Millionen Dollar. Als Gegenleistung erhielten sie T-Shirts, Sondereditionen oder einen Filmauftritt. Allerdings stieß Braff damit vor allem im Netz auch auf Kritik: Einige warfen ihm vor, seinen Bekanntheitsgrad auszunutzen.

teleschau: Warum haben Sie sich entschieden, aus "Wish I Was Here" ein Crowdfunding-Projekt zu machen?

Zach Braff: Weil das einzige Unternehmen, das den Film finanzieren wollte, das letzte Wort in der finalen Bearbeitung des Films haben wollte. Die hätten den Film einem Testpublikum vorgeführt, dieses befragt und den Film dann den Ergebnissen angepasst. Außerdem hätte ich nicht die Schauspieler spielen lassen können, die ich gerne wollte - man hätte mir einen Pool von bereits genehmigten Schauspielern zur Wahl vorgesetzt. Ich hätte einen Film, der in Los Angeles spielt, in Kanada drehen müssen - sie sagten, dass man ein paar Palmen hindrapieren würde.

teleschau: Es wäre also ein völlig anderer Film geworden?

Braff: Ja. Sie hätten alle Fantasy-Szenen rausgeschnitten, es wären hochstwahrscheinlich alle Gespräche über Religion entfernt worden. Insgesamt wäre es also eine Frankenstein-Version dessen geworden, was ich eigentlich vorhatte. Also hätte ich wie bei den vielen Versuchen zuvor, einen neuen Film zu machen, erneut aufgeben und sagen können: Dann lass ich es halt wieder sein ...

teleschau: Doch dann entdeckten Sie die Möglichkeiten der Masse im Internet ...

Braff: Ja, dann schlug man mir Crowdfunding als Finanzierungsmodell vor. Viele empfahlen es mir, weil ich diese große, loyale Internet-Fanbase habe. Es zu versuchen hieß ja auch, plötzlich alle die ganzen Probleme nicht mehr zu haben: Ich wäre Geschäftsführer des Unternehmens, ich wäre Chef des Studios - keine anderen Köche würden den Brei verderben. Das Experiment der vergangenen zwei Jahre war also ein: Wie wäre das? Wie wäre es, wenn nicht nur ich mein Geld hineinstecke, sondern auch meine Fans, die dafür ein T-Shirt oder ein Premierenticket in Berlin bekommen würden? Wäre es dann möglich, ein ungefährdetes Projekt mit künstlerischer Integrität zu schaffen? Und es hat funktioniert.

teleschau: Bei Kickstarter gewannen Sie fast 47.000 Unterstützer für den Film. Rechneten Sie damit?

Braff: Nein! Selbst als wir schon begonnen hatten, glaubten viele: Oh, das wird nicht funktionieren. Denn der Kinofilm zu "Veronica Mars" war mit dem Crowdfunding erfolgreich, weil es als Fortsetzung einer bekannten Marke an den Start ging. Ich wollte aber eben nicht "Scrubs - Den Film" oder "Garden State 2" drehen. Wir hatten einen Monat lang Zeit, das Geld zusammenzubekommen - und erreichten das Ziel in 48 Stunden. Das war der Wahnsinn, und es zeigte mir, dass ich richtig lag, dass es ein Interesse an dem Film gibt. Das Vertrauen kam von den Fans, nicht von den Anzugtypen.

teleschau: Als Gegenleistung für das Crowdfunding gab es von einer gewissen gespendeten Summe an die Möglichkeit, Teil des Films zu werden - ob als Darsteller oder in den Credits. Wie lief das ab?

Braff: Viele Leute wirkten als Statisten mit, sie waren im Film im Hintergrund zu sehen. Einige bekamen eine sogenannte Feature Extra Role, zum Beispiel als Mitarbeiterin im Supermarkt oder als Lehrer, der in der Schule redend ins Bild läuft. Eine Frau, die in der ComicCon-Szene einen Satz sagt, hat dies als Geschenk von ihrem Freund bekommen, weil die beiden meinen Film "Garden State" bei ihrem ersten Date gemeinsam gesehen hatten.

teleschau: Und die ganzen Namen im Abspann?

Braff: Über 400 Leute werden in den Credits erwähnt, weil ich ihnen versprochen hatte, dass ihr Name irgendwo im Film zu sehen sein würde. Das ging bei so vielen Leuten natürlich nicht. Es wurde mir aber erst im Laufe der Dreharbeiten klar, dass viele Namen beim Schnitt wieder verschwinden würden. Also fragte ich sie, ob es auch okay für sie wäre, in den Credits zu sein - und sie stimmten zu.

teleschau: Klingt, als seien die Leute, die mitgemacht haben, zufrieden.

Braff: Auf jeden Fall. Ich habe ja vorher selber viel per Kickstarter mitfinanziert - also wusste ich ungefähr, was die großzügigsten Vorhaben ihren Crowdfunding-Spendern bieten. Wir wollten etwas machen, das 50 Mal größer war, als die größten Projekte bisher. Wir schufen einen ganzen Video-Kanal, auf denen man sich kontinuierlich "Hinter den Kulissen"-Filme anschauen konnte. Wir taten für die Unterstützer alles, was wir nur konnten. Es gab sogar eine eigens eingerichtete Kunden-Servicehotline für jegliche Fragen. Das war war Big Business. Ich wusste, dass die Welt zuschaut und ich wollte die Messlatte hoch legen.

teleschau: Viele Leute haben dennoch Kritik an Ihrer Kickstarter-Aktion geübt. Man fragte sich, warum Sie die finanzielle Hilfe Ihrer Fans überhaupt benötigen, wo Sie doch mit "Scrubs" auch kommerziell so erfolgreich waren. Wenn Sie daran denken: Würden Sie noch einmal einen Film per Crowdfunding finanzieren?

Braff: Definitiv nein. Es war ein wirklich cooles Experiment und ich bin froh, es gemacht zu haben. Ich denke, es wäre schwer unter den 47.000 Leuten die mitgemacht haben, jemanden zu finden, der sagt, es wäre keine gute Erfahrung gewesen. Aber es war so viel Arbeit. Ich musste lernen, eine Merchandising-Firma zu werden und Dinge um den Globus zu schicken. Ich musste lernen, ein Politiker zu werden, um mit der Internet-Debatte klarzukommen. Und all das, während ich innerhalb von 26 Tagen einen Film drehe. Und dann erscheint der Film und - mehr in Amerika als in Europa - überschattet das Crowdfunding teilweise den Film selbst. Das war in gewisser Weise kontraproduktiv.

teleschau: Inwiefern?

Braff: Was bringt es, wenn der Film herauskommt und alle nur über Crowdfunding reden wollen? Ich weiß, ich bin ignorant: Ich verstehe, dass das Thema neu, spannend und interessant ist. Es ist schließlich einer der ersten Filme, der so gemacht wurde. Aber wenn die eigentliche Arbeit überlagert wird, dann bringt das nichts. Warum sollte ich das dann tun?

teleschau: Gerade bei einem so persönlichen Film ...

Braff: Genau. Aber es ist okay. Ich habe realisiert, dass ich so eine Art Testfall bin, der alle Fehler wird machen müssen. Vielleicht steht irgendwann auf meinem Grabstein in sehr kleiner Schrift: "Er war der Erste, der es versucht hat". Es war eine tolle Erfahrung, und das Beste ist: Sie war es auch wert. Jetzt können 47.000 Menschen sagen: Weil ich ein T-Shirt gekauft habe, entstand ein Stück Kunst, das Leute auf der ganzen Welt genießen. Kunst, die sonst nicht entstanden wäre. Aber nochmal mache ich das nicht.

Quelle: teleschau - der mediendienst