Jonas Nay

Jonas Nay





Was ist schon normal?

Mit gerade einmal 24 Jahren hat sich der Lübecker Jonas Nay als Charakterdarsteller etabliert. Das bezeugen renommierte Filmpreise, wie der Deutsche Fernsehpreis und der Grimmepreis, den er sich im gefeierten Fernsehfilm "Homevideo" (2011) erspielte, oder zuletzt der Bayerische Filmpreis. Den erhielt der gebürtige Lübecker für seine Darstellung des Simon, der im Drama "Hirngespinster", das am 9. Oktober in die Kinos kommt, unter der Krankheit des schizophrenen Vaters leidet.

teleschau: Haben Sie sich vor "Hirngespinster" schon einmal mit der Krankheit Schizophrenie auseinandergesetzt?

Jonas Nay: Nein, das war für mich komplettes Neuland. Ich musste alles recherchieren. Für mich war es interessant herauszufinden, wie schwer die Krankheit auch für Experten zu fassen ist. Da die Krankheitsbilder so unterschiedlich sind, wie eben auch die Menschen unterschiedlich sind und reagieren. Das ist schwer in Regularien zu pressen. Wir mussten uns für meinen Vater im Film deshalb ein eigenes Krankheitsbild bauen. Um um das herum sponnen wir die Geschichte.

teleschau: Haben Sie dieses Krankheitsbild gemeinsam mit Regisseur Christian Bach für sich erschlossen?

Nay: Christian Bach hat mir erklärt, welches Krankheitsbild er konzipiert hat, und ich habe dann Studien zu solchen Fällen gelesen und Dokumentationen dazu gesehen. Das alles aber im Hinblick auf meine Rolle, wie es sein würde, mit so einem Vater aufzuwachsen. In welcher Position man mit 20 Jahren ist, wenn man sein ganzes Leben als Sohn in einer Familie wie dieser gelebt hat.

teleschau: Ihre Figur Simon fürchtet, im Vater seine eigene Zukunft zu sehen. Wie stark werden wir Ihrer Meinung nach durch Erziehung und Eltern vorbestimmt?

Nay: Ich glaube, dass ein Großteil meiner eigenen Persönlichkeit durch meine Eltern geprägt ist. Ich wuchs in einem sehr behüteten Elternhaus auf, und beide Elternteile haben uns Kindern stets die Möglichkeit gegeben, uns zu entfalten. Bei mir war es das Klavier- und Handballspielen und eben die Schauspielerei, mit der es bereits in der Unterstufe losging. Mein Bruder ist in sehr vielen Sportarten aktiv, meine Schwester fühlt sich im Theater und in der Literatur zu Hause. Unsere Eltern sorgten dafür, dass wir das, was wir machen, richtig machen. Sie gaben uns Werte mit, Moralempfinden. Dafür bin ich meinen Eltern sehr dankbar.

teleschau: Wann schlägt dieser moralische Kompass, den Sie da beschreiben, aus?

Nay: Ich habe ein sehr gesundes Bauchgefühl. Das brauche ich immer wieder. Wenn sich etwas in mir sträubt, weiß ich, dass etwas nicht stimmt. Greift mich jemand an, fühle ich mich entweder sofort schuldig und weiß, ich habe Mist gebaut - oder ich spüre im Bauch etwas, das mir sagt, dass das gerade nicht fair ist. Mein Gerechtigkeitssinn hilft mir bei vielen Entscheidungen in meinem Leben.

teleschau: Gab es Phasen, in denen Sie gegen Ihre Eltern aufbegehrt haben?

Nay: Klar, ich habe eine gute Rock'n'Roll-Zeit hinter mir, in der ich komplett ausgebrochen bin und sicher auch Mist gebaut habe. Aber der Rebellionsdrang war nie so stark wie in einem Elternhaus, in dem eine absolute Autorität herrscht. Wir Kinder konnten uns in unseren Bereichen austoben. Letzten Endes war mir immer klar, was meine Eltern mir mitgegeben haben. Man kann mal gegen das Richtige verstoßen, aber das Große habe ich eigentlich nicht angezweifelt oder mich zumindest sehr schlecht gefühlt, wenn ich es getan habe.

teleschau: Was heißt Mist bauen für Sie?

Nay: Rebell gewesen sein, volle Lotte. Das gehört auch zu jeder Pubertät dazu - und doch wusste ich immer in mir, dass das, was meine Eltern da machen, nicht ganz daneben ist.

teleschau: Sie haben in Ihrer Karriere schon einige Preise bekommen. Was lösen solche Erfolgsmomente bei Ihnen aus?

Nay: Das ist schon immer wieder eine Riesenfreude! An dem einen Abend in den Himmel gehoben, freut man sich. Bei mir lässt der Rausch nach dem Abend aber wieder nach. Klar ist es schön, sich nach der langen Arbeit zu freuen, wenn man ausgezeichnet wird. Natürlich hat man kein Anrecht auf Auszeichnung, aber wenn es dazu kommt, dann lasse ich das an mich ran und freue mich 'nen Keks. Doch spätestens nach zwei Tagen bin ich wieder in meinen Sphären.

teleschau: Womit wir beim Thema "geerdet bleiben" sind.

Nay: Erdung passiert bei mir durch Ablenkung. Durch meine Musik, durch Sport und durch meine Familie. Hauptsächlich aber durch die Musik. Ich studiere Jazz-Piano. Mit meiner Band Northern Lights brachten wir kürzlich unsere erste CD heraus, an der wir zwei Jahre gearbeitet haben. Wir machen jazzig angehauchten Indierock. In meinem Studium habe ich nur mit Menschen zu tun, denen Filmpreise relativ egal sind und das erdet mich ganz schnell. Das habe ich mir auch bewusst ausgesucht.

teleschau: Das klingt, als seien Sie sehr beschäftigt.

Nay: Das sagen viele, aber für mich ist das auch Freizeit. Es gibt keinen Tag, an dem ich nicht an einem Musik- oder einem Schauspielprojekt arbeite. Das kann das Schöne an diesen kreativen Berufen sein. Man hat Freude am Arbeiten. Es ist kein "9 to 5" durcharbeiten und anschließend kommt das Leben, sondern bei mir sind es eher zwölf Stunden Leben.

teleschau: Haben Sie Künstler-Vorbilder, die sich in beiden Bereichen ausgetobt haben?

Nay: Olli Dittrich, mit dem ich den Kinofilm "König von Deutschland" gedreht habe, ist in beiden Bereichen zu Hause. Ein Musiker, der in der Showbranche und der Schauspielerei unterwegs ist. Das habe ich mir sehr genau angesehen, aber ich glaube, jeder muss seinen eigenen Weg gehen.

teleschau: Tobias Moretti, der in "Hirngespinster" Ihren Vater spielt, hat auch einen musikalischen Hintergrund. Kamen Sie gut miteinander zurecht?

Nay: Die Chemie ist schwer in Worte zu fassen. Ich habe sehr gerne mit ihm gearbeitet, ein sehr intensives Zusammensein, menschlich mehr als nett. Von ihm kam mit dieser Rolle Input en masse. Er ist sehr respektvoll mit mir als jungem Kollegen umgegangen. Mitunter ist bei Schauspielern, die schon viel gemacht haben, eine gewisse Distanz da, und man bekommt das Gefühl, sich um deren Aura herum bewegen zu müssen.

teleschau: Sie fühlten sich von anderen Darstellern also schon als Frischling behandelt?

Nay: Ich glaube, das passiert jedem Auszubildenden im Betrieb und auch jedem jungen Schauspieler am Set.

teleschau: In "Hirngespinster" wird darüber diskutiert, was denn "normal" sei. Was meinen Sie?

Nay: Im Film wird die Frage mit einem ironischen Augenzwinkern gestellt. Weil sie niemand beantworten kann und sollte. Der Vater im Film ist eine total liebenswerte Person, der unter seiner Krankheit leidet. Diese Krankheit tritt oft bei fantasievollen Menschen auf. Ich persönlich mag Menschen, die fantasievoll sind. Ich habe auch den Schuss nicht gehört, genau wie meine besten Freunde auch nicht. Dadurch werden Menschen interessant. Es gibt heutzutage dieses Streben nach Individualität und doch ist das meiste Einheitsbrei, trotz all der verschiedenen Klamotten und des Hipstertums. Es trifft sich alles wieder in einem Brei. Meine besten Freunde und Menschen, die ich am spannendsten finde, sind Typen. Die haben mal was Verrücktes. Und das finde ich auch gut und ehrlich.

Quelle: teleschau - der mediendienst