Typisch Akin?

Typisch Akin?





Fatih Akin spricht über seinen neuen Film "The Cut" (Start: 16.10.)

Bis die letzte Klappe fiel, bis die Endfassung fertig gestellt war, verging viel Zeit. Sieben Jahre plante, konzipierte und recherchierte Fatih Akin "The Cut", verfasste das Drehbuch zusammen mit Martin Scorseses ehemaligem Mitarbeiter Mardik Martin, drehte in Jordanien, in Kanada und auf Kuba. Mit Morddrohungen musste sich der türkischstämmige Filmemacher aus Hamburg-Altona auseinandersetzen, denn "The Cut" behandelt ein in der Türkei immer noch brisantes Thema: den Völkermord an den Armeniern während des Ersten Weltkriegs. Dem Tod nur knapp entrinnend, sucht ein armenischer Vater verzweifelt seine Töchter - auf mehreren Kontinenten. Akin, der für "Gegen die Wand", "Auf der anderen Seite" und "Soul Kitchen" in Berlin, Cannes und Venedig ausgezeichnet wurde, erhielt beim diesjährigen Filmfest Hamburg den Douglas-Sirk-Preis für "The Cut". Über den Film, der am 16. Oktober anläuft, plauderte Fatih Akin in seinem ebenso wohlgeordneten wie gemütlichen Büro.

teleschau: Was ist aus Ihrer Sicht das Thema von "The Cut"?

Fatih Akin: Ein Vater, der seine verschollenen Kinder sucht. Das ist der Plot. Aber Besessenheit - das ist, in einem Wort gesagt, das Thema. Hinzu kommt "Überleben." Aber im Team haben wir vor allem über Besessenheit gesprochen, auch am Beispiel von Martin Scorseses Figuren.

teleschau: Aber vom Schlage eines "Taxi Drivers" ist dieser Vater dennoch nicht.

Akin: Nein, aber irgendwann entwickelt er bei der Suche nach seinen Töchtern doch eine Besessenheit, auch eine Sturheit, Hartnäckigkeit. Wie der Esel, dem man eine Mohrrübe vor die Nase hält und der dann halt immer versucht, diese Mohrrübe zu bekommen. Mit derselben Besessenheit habe ich eigentlich diesen Film gemacht. Auch ich reiste durch viele Länder, habe versucht, überall Geld aufzutreiben. Gut, er braucht dafür sieben, acht Jahre ...

teleschau: Und wie lange dauerte die Arbeit an "The Cut"?

Akin: Fünf Jahre. Vor sieben Jahren habe ich das erste Mal mit dem Gedanken gespielt, so etwas zu machen, und seit 2010 arbeite ich an dem Ding. Aber jetzt ist damit Schluss!

teleschau: "The Cut" bildet nach "Gegen die Wand" und "Auf der anderen Seite" den Schlusspunkt Ihrer Trilogie "Liebe, Tod und Teufel".

Akin: "The Cut" scheint ja formell gar nicht zu den anderen Filmen zu passen. Der ist ganz anders aufgenommen. Aber der erste und der zweite Film sind auch schon verschieden. "Gegen die Wand" wurde aus der Schulter gefilmt und hat schnelle Schnitte, "Auf der anderen Seite" vom Stativ und mit eher langsamen, elegischen Bildern. Dennoch gibt es etwas, was die drei Filme über die Worte "Liebe, Tod und Teufel" hinaus miteinander verbindet: und zwar die Begegnung mit der Türkei.

teleschau: Wie ist das genau zu verstehen?

Akin: Es ist die Entstehungsgeschichte. Als ich "Gegen die Wand" machte, kannte ich die Türkei noch gar nicht so gut, sie war für mich eher Urlaubsland. Erst mit "Gegen die Wand" ist das für mich aufgebrochen. Erst da habe ich durch Recherchen angefangen, Musiker, Maler und andere Filmemacher kennenzulernen. Diese Erfahrungen, auch mit der radikalisierten Linken und andersdenkenden Minderheiten, mündeten in "Auf der anderen Seite".

teleschau: Mit sicherlich noch mehr Austausch und Begegnungen ...

Akin: Ich konnte dann Leute wie den Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk treffen! In den Gesprächen entdeckte ich, dass viele Missstände in der Türkei mit der unaufgearbeiteten Vergangenheit zusammenhingen, vor allem dem Völkermord an den Armeniern. Insofern ist "The Cut", der von diesem Thema handelt, so etwas wie der Schlusspunkt meiner persönlichen Reise in die Türkei.

teleschau: Dann wird mit "The Cut" gleichsam die Vorgeschichte heutiger Probleme eingeholt? Auch das der Entwurzelung?

Akin: Genau! Alle drei Filme handeln von Entwurzelung: Leute gehen von A nach B und müssen ein neues A aufbauen! Und "The Cut" zeigt jemanden, der nur ein B hat!

teleschau: Wie muss man sich denn das Meinungsbild in der Türkei zu diesen Themen vorstellen? Sie zeigen ja zum Beispiel Istanbul in Ihren Filmen sehr liberal.

Akin: Die Stadt hat schon viele anarchistische Räume, die zu radikalem und liberalem Denken ermuntern. Man sieht das an Gezi. Zwar ist das eine türkeiweite Bewegung. Aber das Innovative daran kommt eigentlich von den Straßen Istanbuls - das findet sich dort nach wie vor. Je mehr Aggression die Bewegung erlebt, desto kreativer wird sie.

teleschau: Durch die Reibung?

Akin: Ja, genau. Und da im Moment relativ viel gerieben wird, entsteht auch viel Kreatives. Dass in Cannes und in Venedig in diesem Jahr türkische Filmemacher Preise gewonnen haben, würde ich darauf zurückführen.

teleschau: Wo finden Sie die Folgen des Völkermords an den Armeniern in der heutigen Türkei vor?

Akin: "The Cut" beginnt 1915 und endet 1923. Das ist nicht zufällig so. 1923 ist das Gründungsjahr der Türkei. Gründungsmythos und Gründungsgeschichte hängen nicht nur am Sieg Atatürks im Befreiungskrieg, sondern sind auch mit der Tragödie des Völkermords verbunden, und diese Tragödie ist eben nicht von der türkischen Gesellschaft aufgearbeitet worden. Genau dort muss die Aufarbeitung aber stattfinden, sie kann nicht von außen kommen. Ich bin aber optimistisch und denke, das passiert jetzt gerade. Und wenn man den Prozess ehrlich zu Ende führt, kommt bestimmt eine Gesellschaft dabei heraus, die ihrer Identität sicherer ist.

teleschau: Wie kann "The Cut" dazu beitragen?

Akin: Ein Film schafft das alleine nicht, um Gottes willen! Aber er kann dabei mithelfen, dass ein Diskussionsklima dafür entsteht.

teleschau: Haben Sie dafür bei der Inszenierung Zugeständnisse gemacht?

Akin: Ich bin mit meiner Brutalität nicht so weit gegangen. Wie wir die grausamen Szenen machen, das war eine lange Diskussion vor allem mit meinem Kameramann Rainer Klausmann, der noch aus einer anderen Generation kommt. Ich ließ mich überzeugen und wollte die Chance nutzen, dass "The Cut" auch irgendwie erträglich ist.

teleschau: Denn sonst wäre der Sache nicht gedient?

Akin: Man muss den Film zu Ende sehen können - man muss. Es nützt nichts, wenn die Leute nach 30 Minuten aus dem Kino gehen, weil ich eine Vergewaltigungsszene in bestimmter Weise inszeniere. Emotional herausgefordert ist der Zuschauer sowieso schon. Warum soll ich das dann noch kinematografisch tun? Zumal ich glaube, dass sich für den Film vor allem eine ältere Generation interessieren wird. Diese Menschen werden "The Cut" als sehr gewalttätig empfinden, aber wohl doch ertragen können.

teleschau: Vielleicht sehen aber auch Schulklassen den Film.

Akin: Ich hoffe natürlich, dass ihn auch junge Menschen sehen!

teleschau: Und Ihr nächster Film?

Akin: Handelt von Gewalt! Ich weiß noch nicht, wie ich damit umgehe. Ein relativ kleiner Film jedenfalls.

teleschau: Mehr in der Art von "Gegen die Wand"? Ein etwas typischerer Akin?

Akin: (lächelt) Was ist denn "typisch Akin"? Das weiß ich nicht! "The Cut" ist jedenfalls mit der persönlichste Film, den ich je gemacht habe. In seiner Aufrichtigkeit erscheint er mir nicht weniger "typisch Akin" als die anderen.

Quelle: teleschau - der mediendienst