Dr. Katja Horneffer

Dr. Katja Horneffer





"Jeden Morgen ein kleiner Kriminalfall"

Nein, lacht Dr. Katja Horneffer, das Zusammentreffen der bekanntesten Wettermoderatoren von rund 25 europäischen TV-Stationen (vom 16. bis 18. Oktober in Sölden) sei kein "Klimagipfel". Aber irgendwie scheint die Veranstaltung schon in diese Richtung zu tendieren: "Wir reden dort nur übers Wetter, die ganze Zeit", sagt die promovierte Meteorologin, die seit 1998 fest in der ZDF-Wetterredaktion arbeitet und nun die Mainzer bei der Tagung in Tirol vertritt. Die Wetterlady, den Titel "Wetterfee" sollte man ihr tunlichst ersparen, freut sich beinahe enthusiastisch auf die Tagung, denn, "ehrlich", so Katja Horneffer, "wir Wetterleute sind ein Haufen Irrer. Bei uns ist das Wetter kein Smalltalk, sondern Hardtalk". Im Interview gibt die 46-Jährige weitere interessante Einblicke in ein Leben, in dem sich beinahe alles ums Wetter dreht, und verrät, wann sie "einen Föhn" kriegt und wer am miesen Sommerwetter schuld war.

teleschau: Frau Horneffer, ein Blick auf Ihre Biografie verrät: Seit Sie 1987 Ihr Meteorologiestudium aufnahmen, hat Sie das Wetter nicht mehr losgelassen. Was fasziniert Sie an einem Thema, über das sich so viele andere nur aufregen können?

Dr. Katja Horneffer: Eigentlich alles! Ich liebe das Wetter! Oh je - kann man das so sagen?

teleschau: Natürlich. Versuchen Sie ruhig, diese Liebe zu erklären?

Horneffer: Das Wetter ist für mich jeden Morgen wie ein kleiner Kriminalfall. Die erste Frage, die ich mir nach dem Aufstehen stelle, lautet: Habe ich Recht gehabt? Und dann geht es weiter: Wie sind die aktuellen Daten und Prognosen? Welche Grafiken kann ich anfertigen? Schließlich wird die Sendung vorbereitet und die Moderation durchgezogen. Das alles ist so elektrisierend, das begeistert mich immer wieder neu.

teleschau: Werden Sie böse, wenn man Sie als "Wetterfee" bezeichnet?

Horneffer: Nein, das kann ich schon ab. Wir müssen mit solchen Begrifflichkeiten leben, auch wenn damit natürlich alles über einen Kamm geschert wird: Moderatoren, die eigentlich das Wetter "nur" verkaufen, und Fachleute, die studiert oder, wie ich, promoviert haben.

teleschau: Nur weil es in der offiziellen Ankündigung zum internationalen Wettergipfel vom 16. bis 18. Oktober in Sölden heißt, es träfen sich dort die "TV-Wetterfrösche und -feen" ...

Horneffer: (lacht) Frösche und Feen? Na gut, wenn es dem Marketing unserer Sache dient, bin ich eben auch gerne mal die Wetterfee.

teleschau: Wie ist das denn so, wenn sich lauter Wetterexperten treffen: Ist dann abseits der Podiumsrunden und Klausuren das Wetter als Smalltalk nicht tabu?

Horneffer: Ganz und gar nicht. Wir reden dort nur übers Wetter, die ganze Zeit. Ehrlich: Wir Wetterleute sind ein Haufen Irrer, wir können nicht anders. Bei uns ist das Wetter kein Smalltalk, sondern Hardtalk (lacht).

teleschau: Aber es ist schon so, dass Sie auch in Ihrer Freizeit ständig aufs Wetter angesprochen werden, oder?

Horneffer: Ja, natürlich. Das Wetter ist nun mal mein Thema, und es tangiert jeden. Dass die Leute von mir wissen wollen, wie die Vorhersage zu ihren geplanten Freizeitunternehmungen passt, ist für mich Alltag, ich antworte sehr gerne auf die Fragen. Was aber nervt, sind jene Leute, die glauben, mir erzählen zu müssen, wie das Wetter wird - und das gerne auch gegen meine Expertise, die sie zuvor im TV gesehen haben. Dann krieg ich echt einen Föhn (lacht).

teleschau: Das passiert?

Horneffer: Oh ja. Nach dem Motto: "Sie haben gestern gesagt, dass es am Wochenende schön werden soll. Aber ich weiß, dass es regnen wird." Aber da lass ich mich auf keine Diskussion ein. Ich sage: "Wenn Sie meinen", und dann gehe ich meiner Wege ...

teleschau: Ist es eigentlich ein Problem, dass es zu Ihrem Berufsbild gehört, die Menschen zu enttäuschen?

Horneffer: Sie meinen, weil niemand schlechtes Wetter haben möchte? Das ist eine gute Frage, aber ich muss Sie enttäuschen - wir Wetterexperten denken nicht in den verkürzten Kategorien "schönes" oder "schlechtes" Wetter, und mit Wertungen halten wir uns sowieso zurück. Es ist auch eine Frage der Perspektive: Es freuen sich zum Beispiel viele Menschen über feuchte Tage im Sommer - denken Sie an Allergiker oder Gärtner. Und was würden aktuell die Menschen in Kalifornien angesichts der anhaltenden Dürre für das geben, was wir als richtiges Sauwetter bezeichnen!

teleschau: Aber immerhin steht in Sölden eine Podiumsdiskussion auf dem Programm, die den Titel hat: "Stresstest für Wetterfrösche ... Wie sage ich es dem Seher, wenn es im Sommer dauernd regnet und im Winter nicht schneit?"

Horneffer: Nun, ich muss mich nicht dafür entschuldigen, wie das Wetter wird. Aber ich gebe zu: Wenn der August so dermaßen verregnet ist wie in diesem Jahr, ist es schon eine gewisse Herausforderung, dem Ganzen eine positive Wendung zu geben. Ich versuche jedoch immer, dem vermeintlich Negativen positive Seiten abzugewinnen, das baue ich auch in meine Moderation ein. Also für mich ist jedes Wetter spannend, es gibt kein "schlimmes" Wetter.

teleschau: Das glauben wir Ihnen nicht!

Horneffer: Ist aber so. Auch privat, in meiner Freizeit: Ich bin so oft draußen, wie es nur geht. Ich gehe wandern oder fotografiere, mache also das, was alle Meteorologen in ihrer Freizeit machen (lacht). Und da finde ich gerade die außergewöhnlichen Wettersituationen besonders interessant. Das Unangenehmste ist für uns Wetterleute eigentlich immer nur die langweilige, wochenlang stabile Konstellation - wenn man jeden Tag dasselbe erzählen muss ... Aber in dieser Hinsicht war dieser Sommer ja überaus spannend!

teleschau: Ist es ein Klischee, dass wir heute über das unbeständige Wetter klagen, oder entspricht das Gefühl den meteorologischen Tatsachen?

Horneffer: Nein, das Gefühl trügt nicht. Und nicht zufällig hat Italien den verregnetsten Sommer seit über 60 Jahren erlebt. Aber da muss ich ein bisschen ausholen: Wir beobachten schon seit Mitte letzten Jahres, dass sich der sogenannte Jetstream verändert hat. Als Jetstream bezeichnet man die Starkwindbänder, die die Erde umkreisen - wie eine Art Autobahn: Sie läuft in aller Regel Breitenkreis-parallel. Aber im Moment mäandert der Jetstream: Er macht große Schleifen und holt weit nach Norden oder Süden aus. Er ist aus dem Takt geraten, und wir können nur hoffen, dass er sich irgendwann wieder auf seine Breitenkreisparallelität besinnt.

teleschau: Welche Erklärungen gibt es?

Horneffer: Man ist noch am Forschen - es könnte am Klimawandel liegen. Das fehlende Kältereservoir durch das abschmelzende Grönlandeis könnte eine Ursache sein.

teleschau: Sie werden am 17. Oktober im "Mittagsmagazin" von der Veranstaltung in Sölden berichten und vor Ort mit einem Gletscherforscher der Uni Innsbruck sprechen. Da dürfte der Klimawandel ein Thema sein.

Horneffer. Ja, natürlich - vor der Gletscherkulisse kommen die Zusammenhänge besonders anschaulich rüber. Wir werden auch über die wissenschaftliche Haltung zu Snowfarming und Kunstschneeproduktion reden, und ich werde ihn fragen, welche Entwicklung er für die Gletscherwelt in den Alpen in den nächsten zehn, 20 Jahren voraussagt.

teleschau: Zurück zu den aktuellen Vorhersagen: Gibt es noch signifikante Fehlprognosen?

Horneffer: Durchaus, wir erleben immer wieder Überraschungen. Vor allem bei den Vorhersagen, die auf sehr kleine Gebiete bezogen sind, liegen wir manchmal daneben. Ein gefürchteter Klassiker ist der Nebel: Wo löst er sich wann auf? - Da geht es um Temperaturunterschiede von einem Zehntelgrad. Aber wir sind in den vergangenen Jahren insgesamt wirklich so viel besser geworden. Die Rechnerleistung hat unglaublich zugenommen. Das Problem ist eher die begrenzte Zeit: Im Anschluss an die 19-Uhr-"heute"-Nachrichten habe ich gerade mal 70 Sekunden Zeit, das komplette Wetter des kommenden Tages zu erläutern, und auf der Deutschlandkarte muss ich mit zwölf Wetter-Symbolen auskommen - mehr Detail ist dem Zuschauer auch nicht zuzumuten. Aber für mich heißt das: wenig Worte und trotzdem möglichst genaue Aussagen.

teleschau: Wie weit können Sie das Wetter im Voraus prognostizieren?

Horneffer: Vielleicht für die nächsten zehn Tage, maximal zwei Wochen, würde ich es wagen. Alles andere ist unseriös. Einen goldenen Herbst kann ich Ihnen also leider nicht versprechen.

teleschau: Was reizt Sie daran, Tag für Tag das Wetter vorauszusagen?

Horneffer: Ich sehe mich als Dienstleister. Mein wichtigster Antrieb ist, dass ich den Menschen im Alltag konkret Hilfestellung leisten kann. Ob sie nun eine Grillparty planen oder wissen wollen, warum wir es vor dem Ostseestrand plötzlich mit lebensgefährlichen Rückströmungen zu tun haben: Wir informieren und warnen, wenn es sein muss. Wir helfen weiter, vor allem im "Mittagsmagazin", wo wir mehr Zeit für Hintergründe haben. Die technischen Möglichkeiten erlauben für unser Erklärfernsehen heute viele tolle Dinge. Wir erarbeiten verschiedene 3D-Wetter-Erklärräume im virtuellen Nachrichtenstudio, in dem wir die unterschiedlichsten Phänomene anschaulich und unterhaltsam darstellen können.

teleschau: Interessieren Sie sich für Einschaltquoten?

Horneffer: Mit einem Auge blicke ich schon darauf. Aber ich bin da ganz beruhigt, denn in der Regel geht die Quote bei uns nach den Nachrichten immer noch ein bisschen hoch - der Wetterbericht gewinnt meistens 100.000 Zuschauer hinzu.

teleschau: Wie groß ist die Konkurrenz der Wetter-Apps?

Horneffer: Da bin ich sorgenfrei. Denn erstens ist das keine Konkurrenz, sondern ich sehe das als Zusatzangebot, zweitens sind viele digitale Angebote relativ ungenau, und drittens haben sie nicht das, was wir haben: einen netten Menschen, der vor einer großen Wetterkarte steht und das Wetter und alles, was damit zusammenhängt, auf unterhaltsame Weise erklärt und verständlich macht!

Quelle: teleschau - der mediendienst