Florian Stetter

Florian Stetter





"Ich hatte fast Angst, mich anzugucken"

Florian Stetter hat längst die Kino-Leinwand erobert: Nach dem Erfolg von "Der Geschmack von Apfelkernen" ist er derzeit mit "Die geliebten Schwestern" als Friedrich Schiller zu sehen. Der 37-jährige gebürtige Regensburger spielt dabei erneut an der Seite von Hannah Herzsprung. Doch auch im Fernsehen bleibt Stetter präsent, etwa im ZDF-Film "Die Frau aus dem Moor" (Montag, 6. Oktober, 20.15 Uhr), einem Krimidrama nach Motiven des Romans "Blut und Wasser" von Roland Voggenauer. Auch der neue BR-Heimatkrimi "Die reichen Leichen. Ein Starnbergkrimi" (Samstag, 18. Oktober, 20.15 Uhr, BR), in dem Stetter einen Ermittler spielt, wird vor ländlicher Kulisse erzählt. Ein Gespräch über seine Anfänge am Theater und beim Film, seine Gefühle während Premierenfeiern, seine Vorliebe für Holzarbeiten und Flohmärkte und seine Heimatverbundenheit, die er mit seiner Rolle in "Die Frau aus dem Moor" teilt.

teleschau: Herr Stetter, im ZDF-Film "Die Frau aus dem Moor" spielen Sie einen Bayern mit Prinzipien: Der Architekt Matthias Staudacher hat noch Ideale, ist naturverbunden und trinkt gerne mal einen Schnaps mit. Ist diese Rolle womöglich eine, die Ihnen persönlich sehr nah kommt?

Florian Stetter: Auf jeden Fall ist es eine, die auch mit meiner Heimat zu tun hat. Ich bin in Regensburg groß geworden und kenne eben dieses Heimatgefühl und die Naturverbundenheit, die Matthias im Film hat. Ich mag es auch, wie er einen kommerziellen Aspekt für seine Ideale zurückstellt. Er ist ja gegen dieses Riesenhotel, das am Dorfsee entstehen soll, und meint stattdessen, man müsse erst mal den See an sich und die Schönheit der Landschaft ernstnehmen. Das kann ich gut nachvollziehen.

teleschau: Matthias, der mit seiner Frau aus der Stadt aufs Land zog und dort zunehmend Probleme bekommt, sagt im Film, er und seine Frau hätten nie aus München weggehen dürfen. Kennen Sie so was auch? Einen Kompromiss für die Karriere, den Sie später bereuten?

Stetter: Matthias zieht mit seiner Frau in das Haus ihres Vaters und merkt erst im Nachhinein, dass sie sich besser die eigene Unabhängigkeit hätten bewahren sollen. Er sieht, dass der Einzug der Anfang einer Ehekrise war, weil die beiden seitdem fast keine eigenen vier Wände mehr haben, sondern ständig unter Beobachtung des Vaters stehen. In einer Beziehung ist es aber sehr wichtig, Raum für sich zu haben. Diese Unabhängigkeit, der Matthias nachtrauert, ist mir persönlich total wichtig. Ich würde es mir genau überlegen, ob ich mit meiner Familie in das Haus meiner Eltern ziehen würde.

teleschau: Sie selbst haben zudem immer die Stadt vorgezogen: Regensburg, München, jetzt Berlin ...

Stetter: Was natürlich auch mit meinem Beruf zu tun hat, da ich ja am Maxim Gorki Theater gespielt habe. Dafür bin ich nach Berlin gezogen, und meine Frau und ich haben uns schon sehr bald wohlgefühlt in der Stadt. Deshalb sind wir über das Engagement hinaus dageblieben. Es ist ein guter Ort für uns, mittlerweile sind wir auch schon seit acht Jahren in Berlin.

teleschau: Berlin-Mitte?

Stetter: Ja, in der Gegend.

teleschau: Wie muss man sich Ihre Berliner Schauspielerwohnung vorstellen? Große Altbaubude mit vielen selbstgemachten Holzmöbeln?

Stetter: (lacht) Selbstgemachte Möbel eher weniger, darauf könnte man sicher nicht sehr lange sitzen. Ich würde meine Möbel gerne selbstmachen können und habe großen Respekt vor dieser Arbeit. Was es bei uns stattdessen gibt, sind viele Sachen, die wir auf Flohmärkten gesammelt haben. Wir gehen gerne mal am Wochenende auf einen Flohmarkt.

teleschau: Wonach suchen Sie dort?

Stetter: Mal nach einer schönen Kommode, mal nach einem Stuhl. Wir gehen auch immer sehr früh hin, schon gegen 8 oder 9 Uhr. Weil dann die meisten Leute, die in der Nacht aus waren, noch schlafen und nicht die Stände verbarrikadieren.

teleschau: Als Jugendlicher wollten Sie sogar mal Schreiner werden.

Stetter: Ja, das stimmt. In Regensburg habe ich die Schule nach der zehnten Klasse abgebrochen und konnte es mir im Anschluss gut vorstellen, eine Schreinerlehre zu beginnen. Ich fand es immer schon toll, wenn man mit seinen eigenen Händen etwas formt, das später einen praktischen Wert hat. Grundsätzlich habe ich großen Respekt vor Handwerkern.

teleschau: Sie sind dann doch zur Schauspielschule gegangen. Waren Sie dort speziell aufs Handwerk fokussiert?

Stetter: Ja, ich wollte unbedingt das Handwerk erlernen, deshalb hatte ich mich überhaupt erst an der Schauspielschule beworben. Ich wusste, dass auf der Bühne nicht allein die Begabung reicht. Man braucht bestimmte Sprechtechniken und muss wissen, wie man seinen Körper als Instrument einsetzen kann. Und natürlich braucht man entsprechende Lehrer, die einen dorthin führen.

teleschau: Aber eine Begabung konnten Sie sich schon mal attestieren?

Stetter: Als ich 15 war, habe ich in Regensburg mal einen Workshop in den Ferien gemacht. Der hieß "Acting Academy" und wurde betreut von Stadtschauspielern, die den Jugendlichen einen Einblick in ihren Arbeitsalltag gegeben haben. Eine Schauspielerin sagte mir damals, dass ich mich doch mal bei einer Schauspielschule bewerben sollte, sie sähe da nämlich etwas bei mir. Außerdem hat es mir schon damals großen Spaß gemacht, auf der Bühne zu stehen, zu spielen, zu singen und zu tanzen. Es hat mir gefallen, dort oben etwas zu erzählen. Das hat mich irgendwie frei gemacht.

teleschau: Mussten Sie an der Schauspielschule schnell erwachsen werden?

Stetter: Dadurch, dass ich ja sehr jung zum Theater und dann auch zum Film kam, konnte ich auch noch viele junge, teils jugendliche Rollen spielen. Teilweise habe ich Jungen gespielt, die jünger waren als ich. Dadurch konnte ich mein Erwachsensein eher noch ein bisschen hinauszögern. Ich hatte noch mehr Raum für diese Schwelle zum Mann.

teleschau: Hat das auch Ihre Reife verzögert?

Stetter: Das würde ich nicht sagen. Ich habe ja mit jedem Job mehr gelernt, wurde gelassener und auch reifer. Ich wurde nie in so eine Echter-Kerl-Rolle gedrängt, musste nie männlicher sein, als ich es war.

teleschau: Sie kamen wahnsinnig schnell vom Theater zum Film. Erinnern Sie sich an die ersten Dreharbeiten und die Gefühle, die Sie beim Spielen hatten? War das Spaß? Euphorie? Oder eher Stress?

Stetter: Ich hatte es ja eigentlich gar nicht auf den Film angelegt. Aber schon bei meinem ersten Vorsprechen an der Westfälischen Schauspielschule in Bochum war eine Casterin für "L'Amour" von Philip Gröning (2002; d. Red.) anwesend und entdeckte mich für den Film. Drei Monate haben wir dann gedreht, hatten später sogar eine Premiere in Locarno vor 3.000 Leuten. Ich erinnere mich noch genau: Die Hälfte des Publikums mochte den Film nicht, die andere jubelte uns laut zu. Diese Energie, die dabei entstand, war natürlich irre und hat mich wirklich geplättet, ja komplett überfordert.

teleschau: Können Sie sich auf der Leinwand eigentlich selbst gut zuschauen?

Stetter: Das musste ich erst lernen. Am Anfang hatte ich fast Angst, mich anzugucken, das hat sich mit den Jahren dann gelegt. Heute ist es aber nicht so, dass ich beim Zuschauen denke: Mann, was bin ich für ein toller Typ! Ich gehe eher mit einer Neugier an die Filme ran und schaue, was aus dem geworden ist, was wir erzählen wollten, und ob wir unsere Ziele erreichen konnten.

teleschau: Nachdem Sie mit Filmen wie "Der Geschmack von Apfelkernen" und "Die geliebten Schwestern" - jeweils an der Seite von Hannah Herzsprung -, immer populärer wurden: Ist die Hauptrolle in einem ZDF-Fernsehfilm wie "Die Frau aus dem Moor" überhaupt noch interessant für Sie?

Stetter: Ja. Ich schaue bei Drehbüchern immer erst mal auf den Inhalt und die Rollen, die ich spielen könnte, und ob sie mich reizen. Ich möchte das Fernsehen außerdem gar nicht klein machen. Es gibt Stoffe, die man im Kino erzählt und kein Publikum dafür bekommt, im Fernsehen hingegen schon - und umgekehrt kann es genauso passieren. Gut erzählt und platziert kann Fernsehen viel bewirken.

teleschau: Was wäre denn fernsehtechnisch noch eine mögliche Steigerung für Sie? Eine Rolle als "Tatort"-Kommissar?

Stetter: (lacht) Ach, wenn ich das momentane Level halten kann, bin ich schon sehr glücklich. Es geht jetzt mehr darum, dieses Boot, mit dem ich ganz gut schippere, irgendwie weiterzuschippern. Die Leute haben verstanden, welche Rollen ich suche und womit ich glücklich bin.

teleschau: Und wenn Batic und Leitmayr den Münchner "Tatort" irgendwann verlassen und eine Ermittler-Stelle frei wird?

Stetter: Dann sprechen wir noch mal darüber (lacht). Ich finde ja, dass unser "Tatort"-Angebot im Moment so gut und vielfältig ist, dass ich da gerade nicht vermisst werde. Das Feld ist aktuell gut abgedeckt.

Quelle: teleschau - der mediendienst