Robert Atzorn

Robert Atzorn





Das goldene Werk vor der Rente

Früher war er "Unser Lehrer Doktor Specht" - doch das scheint eine Ewigkeit her. Seit Robert Atzorn 1999 aus dem ZDF-Schuldienst ausschied, wurde er bald darauf "Tatort"-Kommissar in Hamburg. Als man ihn im Fernsehkommissariat 2008 aufs Altenteil schieben wollte, begann in der Karriere des charismatischen Publikumslieblings eine neue, künstlerisch erfolgreiche Phase. Für das Entführungsdrama "Der Fall Jakob von Metzler" gewann er 2013 den Grimme-Preis und den Bayerischen Fernsehpreis. Nun spielt Atzorn, der am 2. Februar 2015 70 Jahre alt wird, im ZDF-Zweiteiler "Alles muss raus - Eine Familie rechnet ab" (Montag, 13.10., und Mittwoch, 15.10., jeweils 20.15 Uhr) einen insolventen Drogeriemarkt-König, der deutlich Anton Schlecker nachempfunden ist.

teleschau: Haben Sie sich mit der Figur Anton Schlecker beschäftigt?

Robert Atzorn: Natürlich (lacht). Es ist kaum etwas über diesen Mann zu erfahren. Natürlich weiß man in etwa, wie er sein Imperium aufbaute und die Firma führte. Viel interessanter war für mich als Schauspieler allerdings die Frage, warum er nicht von seinen Überzeugungen lassen konnte. Warum Schlecker, als seine Kinder, die Berater und alle Daten längst die Alarmglocken schrillen ließen, seinen Kurs nicht änderte. "Alles muss raus" ist ein klassisches Drama über einen Mann, der nicht von seinem Machtstatus lassen kann und deshalb im ganz großen Stil untergeht.

teleschau: Sie spielen also einen Prototyp Mensch, weniger eine konkrete Figur?

Atzorn: So habe ich das versucht hinzukriegen. Wissen Sie, es gibt Menschen, bei denen verschieben außergewöhnliche Macht und sehr viel Geld sämtliche Relationen im Leben. Ich erinnere mich an die Geschichte eines Firmengründers um die 60, dessen Vermögen von etwa einer Milliarde auf ein Privatvermögen von einer Million schrumpfte. Der Mann hat sich auf die Schienen gelegt - weil er nur noch eine Million hatte. Der Verlust des Gefühls, ganz oben zu sein und alles bestimmen zu können, ist für manche Menschen offenbar nicht zu ertragen.

teleschau: Was sagt Ihr Film über unsere Gesellschaft aus?

Atzorn: Dass je weiter man nach oben kommt, die Menschlichkeit immer mehr gegen null tendiert. Es geht immer nur um Wachstum. Um Bilanzen, Effizienz, Verluste und neues Geld. Selbst zu seiner Tochter hat dieser Mann ja kein warmes Verhältnis.

teleschau: Aber ist es nicht ein Klischee, reichen Menschen Gefühlskälte vorzuwerfen?

Atzorn: Pauschalisieren kann man das natürlich nicht. Ich kenne ein paar Leute mit Geld, die ungemein herzlich sind. Allerdings nicht in jenem Rahmen von Reichtum und Macht, in dem sich meine Figur Faber, beziehungsweise Schlecker bewegte. Wenn es um Milliarden geht, macht das die Sache mit der menschlichen Wärme nicht unbedingt einfacher.

teleschau: Weil dann die Gefahr groß ist, alles mit Geld lösen zu wollen?

Atzorn: Ich denke, fast jeder ist käuflich. Schlimm ist, wenn die Ethik verloren geht oder niemals da war. Dann wird es schwierig, dauerhaft erfolgreich zu sein. Das war, glaube ich, auch bei Schlecker der Fall. Er selbst hat es sich immer gut gehen lassen: Riesenhäuser, dicke Autos, die teuersten Hemden. Aber nach unten beutete er seine Mitarbeiter aus bis zum geht-nicht-mehr. So etwas kann langfristig nicht gutgehen. Wenn man ein Unternehmen dauerhaft blühen lassen will, muss man die Mitarbeiter am Erfolg beteiligen oder sie zumindest sozial auffangen. Wer ausgebeutet wird, bekommt das irgendwann mit. Wer will schon gerne ausgebeutet werden?

teleschau: Kommen wir zu Ihnen. Sie haben in den letzten Jahren hervorragende Rollen gespielt!

Atzorn: Und das wundert Sie?

teleschau: Nein, aber nachdem Sie kein "Tatort"-Kommissar mehr waren, hätten Sie ja auch langsam der Rente entgegentrudeln können. Stattdessen scheint es, als würden Sie jetzt erst Ihre besten Rollen bekommen.

Atzorn: Ich empfinde das auch so und sehe es als Geschenk. Das Schwierigste an meiner Karriere war eigentlich, aus dieser "Dr. Specht"-Kategorie wieder herauszukommen. Nach 60 Folgen oder wie viele es waren hatte ich das Glück, dass Dieter Wedel mich da rausgeholt hat. Für seinen Sechsteiler "Die Affäre Semmeling". Er hat ein Potenzial in mir erkannt, und das war der Wendepunkt hin zu spannenderen Rollen. Ich habe "Specht" aus finanziellen Gründen so lange gespielt. Damals hatte ich eine Familie zu ernähren, das kostet viel. Die Serie war meine Absicherung. Heute bin ich in einem Alter, in dem ich deutlich weniger materielle Mittel brauche. Ich kann mir die Rollen danach aussuchen, wie interessant sie mir erscheinen.

teleschau: Für "Der Fall Jakob von Metzler" haben Sie 2013 den Bayerischen Fernsehpreis erhalten.

Atzorn: Ja, das war eine tolle Rolle. Oder jetzt habe ich gerade unter der Regie von Gernot Krää "Der Goldfisch" fürs ZDF gedreht. Eine sehr fordernde Geschichte über einen Mann, der an Demenz erkrankt. Der Film erzählt von jener Phase, in der man sich der Krankheit bewusst ist, aber noch relativ klar denken kann. Solche Rollen sind natürlich ganz toll.

teleschau: Sie erleben als Schauspieler gerade eine goldene Phase. Ans Aufhören denkt man da wahrscheinlich eher nicht.

Atzorn: Doch, natürlich. Ich werde nächstes Jahr 70 Jahre alt. In meinem Alter denkt man ständig ans Aufhören, auf verschiedensten Gebieten (lacht). Nein, ich will nicht ewig spielen. Aber ich kann nicht sagen, wann es soweit sein wird. Entweder ist es bei Schauspielern so, dass die Rollenangebote ausbleiben. Oder man möchte oder kann nicht mehr spielen. Mit Würde abzutreten finde ich wichtig. Ich hoffe, es gelingt mir.

teleschau: Ist Schauspiel eine Sucht, von der man schwer lassen kann?

Atzorn: Für manche mag es so sein. Ich habe große Schauspieler erlebt, die haben noch gedreht, als man ihnen schon jeden Satz vorsagen musste, damit eine Szene abgedreht werden kann. So schlecht ging es denen schon. Da habe ich mich gefragt: Warum tun die sich das noch an? Bei mir hat das Spielen auch mit Geld zu tun, das gebe ich zu. Die Rente als Schauspieler ist nicht so toll. Eine Spielsucht oder zumindest einen Drang, spielen zu müssen, hatte ich nie. Vielleicht auch deshalb, weil mich die Öffentlichkeit nie interessierte. Ich muss es nicht haben, dass man mich feiert oder hochleben lässt. Es gibt aber sicher Kollegen, für die ist das ganz anders. Ich bin jemand, der ganz zurückgezogen am Chiemsee lebt.

teleschau: Wie leben Sie denn dort, wenn Sie nicht spielen?

Atzorn: Ich beschäftige mich sehr viel mit Landwirtschaft, mit Gemüse (lacht). Es gibt am Chiemsee ein wunderbares Projekt das hat ein Biobauer ins Leben gerufen. Auf einer Fläche von vier Hektar bauen wir dort Gemüse an. Mit der Idee, sich das ganze Jahr lang als Selbstversorger zu ernähren. Zwischen 70 und 90 Leuten machen in dem Projekt mit. Ich gehe dort etwa zweimal die Woche hin und arbeite mit. Dabei lernt man sehr viel über die Pflanzen. Und man erntet das beste und gesündeste Gemüse der Welt, wie ich finde.

teleschau: Klingt erfüllend - aber das füllt Ihre Woche nicht komplett aus.

Atzorn: Das vielleicht nicht - aber ansonsten mache ich nur Dinge, die andere Leute tun. Ich gehe spazieren, radel einmal um den Chiemsee herum oder treffe mich mit Freunden. Mit manchen mache ich Yoga.

teleschau: Es ist seltsam, obwohl Sie tolle Rollen spielen und hervorragend aussehen, hat man den Eindruck, Sie fühlen sich schon ein wenig als Rentner.

Atzorn: Stimmt, das tue ich. Ich bin es ja auch, vom Alter her allemal.

teleschau: Viele Schauspieler fühlen sich aber mit knapp 70 überhaupt nicht als Rentner!

Atzorn: Jeder fühlt sich so, wie er sich eben fühlt. Ich weiß, dass meine Zeit begrenzt ist. Da geht es doch darum festzustellen: Was ist es wirklich noch wert, getan zu werden? Nur um zu spielen, nehme ich heute keine Arbeit mehr an. Es müssen schon saftige Rollen sein, die mich irgendwie anfeuern. Ich hoffe, dass noch ein paar solche Rollen kommen.

Quelle: teleschau - der mediendienst