Alice Dwyer

Alice Dwyer





"Ich wollte immer drehen"

Gerade mal 26 Jahre jung und trotzdem schon ein alter Hase im Filmgeschäft. Alice Dwyer bewarb sich als Kind hinter dem Rücken ihrer Mutter bei einer Schauspielagentur und legte damit den Grundstein für eine steile Karriere. Nun spielt die Berlinerin die Hauptrolle im ARD-Film "Let's go" (Mittwoch, 8.10., 20.15 Uhr, im Ersten). Sie verkörpert die Tochter zweier überlebender KZ-Insassen im Nachkriegsdeutschland. Im Interview spricht die Brünette mit den stechend blauen Augen darüber, wie ihr Beruf sie erwachsen machte und warum sie nie den Boden unter dem Füßen verlor.

teleschau: Wie kommt man mit neun Jahren auf die Idee, sich bei einer Schauspieleragentur zu bewerben, Frau Dwyer?

Alice Dwyer: Kindlicher Leichtsinn! (lacht) Ich habe schon früh Filme gucken dürfen und fand das schon immer spannend. In der Schule habe ich Theater gespielt, und das war auch spannend. Als Kind hat man dann irgendwann so eine gewisse Vorstellung von dem Beruf. Als ich mit elf Jahren meinen ersten Film drehte, war das dann aber ganz anders als ich es mir vorgestellt hatte, aber trotzdem war es toll.

teleschau: Wie würde Ihr Leben heute aussehen, wenn es diesen kindlichen Leichtsinn nicht gegeben hätte?

Dwyer: Keine Ahnung. Ich kann mir nicht vorstellen, etwas anderes zu machen. Ich bin so glücklich, diesen Beruf ausüben zu können. Da ich noch nie etwas anderes gemacht habe, nicht einmal probiert habe, in eine andere Richtung zu gehen, ist es wirklich schwer vorstellbar.

teleschau: Hatten Sie nie den Drang, etwas anderes auszuprobieren?

Dwyer: Man könnte denken, es wird irgendwann langweilig. Aber das ist überhaupt nicht der Fall. Es gibt ständig neue Dinge zu entdecken an dem Beruf. Man verändert sich auch über die Jahre. Irgendwann merkt man erst, in welche Richtung man gehen möchte, was man noch lernen möchte, mit wem man drehen will. Da ist noch so viel offen, sodass ich nicht das geringste Interesse habe, etwas anderes auszuprobieren.

teleschau: Wie haben Sie es geschafft, seit dem Kindesalter im Filmgeschäft zu bestehen?

Dwyer: Ich hatte gute Berater. Zum einen natürlich meine Agenten, die geschaut haben, worauf ich Lust habe und welcher Typ ich bin. Aber auch meine Familie hat mich gut beraten. Meine Mutter sagte mir immer, dass ich nur in den Schulferien drehen kann, also sollten die Filme, die ich mache, etwas Besonderes sein. Trotzdem ist es aber auch Glück, dass man eben nicht in einer Soap endet.

teleschau: Viele Kinderstars gehen auch vollkommen unter ...

Dwyer: Ich hatte das Glück, dass ich als Kind kein Kinderstar war. Ich arbeitete ja schon immer eher in die Arthouse-Richtung. Ich wurde also nie im Mainstream verheizt. Letztlich kommt es auf die Frage an, was man möchte: Will man berühmt werden, oder will man tolle Sachen spielen? Mir war es nie wichtig, ein Jugendstar zu sein.

teleschau: Trotzdem standen Sie schon mit jungen Jahren in der Öffentlichkeit...

Dwyer: Meine besten Freunde hatten damals Gott sei Dank nichts mit Film zu tun. Die fanden das zwar spannend, maßen der Sache aber keine enorme Bedeutung bei. Meine Familie hat auch darauf geachtet, dass ich die Premieren und die Fotos und den Applaus genießen kann, so etwas sollte man nämlich auch genießen. Für einen Abend lang ist das schön. Aber genauso muss man eben am nächsten Morgen zu Hause die Spülmaschine ausräumen. Man ist ja trotzdem noch ein normaler Mensch. Dass ich das nicht vergesse, war meinem Umfeld sehr wichtig. Dafür bin ich dankbar, weil so etwas gefährlich ist: Viele Kinder oder Jugendliche, die Filme drehen, werden sehr schnell alleine gelassen, weil man eben früh autark wird.

teleschau: Wurden Sie durch die Dreharbeiten schneller erwachsen?

Dwyer: Teilweise ist es schon so. Alleine dadurch, dass ich meine Schulferien immer mit Erwachsenen verbracht habe. Das ist natürlich ein anderer Umgang, an den man sich anpasst. Man braucht auch viel mehr Disziplin. Man muss jeden Tag pünktlich am Set sein, den Text können, funktionieren und gut arbeiten. Dadurch wird man reifer. Ich hatte aber nie das Gefühl, dass mir etwas weggenommen wird. Mich hat das nicht gestört.

teleschau: Es gab also keinen Neid auf die Schulfreunde, die den Sommer am See verbringen konnten?

Dwyer: Klar denkt man sich manchmal: Oh Mann, jetzt sind alle auf Klassenfahrt, und danach sind sie viel enger miteinander, während ich nicht dabei war und dann wieder als Außenstehende dazukomme. Die Sorgen hat man. Aber ich hatte einen tollen Freundeskreis, der mich das nie hat spüren lassen, dass ich nicht bei allen Events dabei war. Ich habe es nie bereut. Es war ja meine Entscheidung, ich wollte immer drehen.

teleschau: Wie war es für Sie, als Schöneberger Mädchen ein Münchner Kindl zu spielen?

Dwyer: Ich war extrem beruhigt, dass ich nicht den Münchner Dialekt lernen musste. Das ist doch recht schwierig, und man hört es meistens, wenn so etwas antrainiert ist. Ansonsten ist die Liebe einer Stadt doch übertragbar auf jede andere. So wie Laura München liebt, liebe ich Berlin. Deshalb war das relativ einfach.

teleschau: Sie sind Berlin bis heute treu geblieben?

Dwyer: Ja. Ich wohne immer noch in Schöneberg.

teleschau: Im Film "Let's go" spielen Sie bereits zum zweiten Mal eine junge Frau jüdischen Glaubens.

Dwyer: In "Die verlorene Zeit" spielte ich eine KZ-Insassin. Das war sehr hilfreich, weil ich mich damals bereits extrem mit dem Thema auseinandergesetzt habe. Ich war diesmal sehr froh, dass ich das schon einmal gemacht habe und ein gewisses Grundwissen hatte. Diesmal war es aber trotzdem noch mal etwas ganz Neues und Spannendes für mich, weil "Let's go" endlich mal die nächste Generation porträtiert. Also nicht die KZ-Insassen oder die Überlebenden, sondern die Kinder der überlebenden Juden in Deutschland. Darüber wurde bislang wenig erzählt. Es ist aber an der Zeit, das zu tun. Wenn man den Film gesehen hat, wird man merken, dass doch einiges klarer darüber wird, warum unsere Eltern und Großeltern so sind wie sie sind, wenn man sich mit der Nachkriegszeit aus dem Blickwinkel dieser Generation auseinandersetzt.

Quelle: teleschau - der mediendienst