Annabelle

Annabelle





Die Puppe des Teufels

Mia (Annabelle Wallis) wird in der eigenen Wohnung verfolgt - von Erscheinungen. Sie mag dem nicht trauen, was sie aus den Augenwinkeln sieht: Die alte, etwas zerschundene Puppe Annabelle richtet sich im Wohnzimmer vor ihr auf, wie aus eigener Kraft. Aber das stimmt nicht. Hinter ihr steht jemand. Aus kohlschwarzer Fratze stiert ein blitzendes Auge am Puppenauge vorbei Mia an. Es ist der leibhaftige Teufel, der seine Klaue schon an Wiege und Kinderwagen gelegt hat. Ohnmächtige Entsetzensschreie stößt Mia aus. Ununterbrochen erregt der US-Horrorstreifen "Annabelle" in teilweise imponierender Manier Gänsehaut, nur um sich dann mit einem blamablen, wenn nicht reaktionären Schluss aus der Affäre zu ziehen. So wettet man nicht mit dem Beelzebub!

Bis dahin macht man wirklich allerhand mit. Umsorgt von Ehemann John (Ward Horton), der als angehender Mediziner aber auch so seinen Stress hat, streicht sich Mia, schön und verletzlich, wie sie ausschaut, so oft über den schwangeren Leib, dass man nur böse Vorahnungen haben kann. Seit John Mias Sammlung antiquierter Puppen Annabelle hinzugefügt hat, geschehen unheimliche Dinge. Verselbstständigt vor sich hinarbeitende Nähmaschinen gehören noch zum Harmlosesten.

Denn ein Satanistenpärchen, das in der Nachbarschaft blutige Morde beging, hat etwas Böses heraufbeschworen, das von der Puppe Besitz ergriffen hat. Und das giert nun nach einer unschuldigen Seele, wie die Buchhändlerin Evelyn (Alfre Woodard) Mia erklärt. Kann wenigstens Father Perez (Tony Amendola) Beistand geben?

Hervorquellende, gesplitterte Augen, rote Bäckchen, filziges Haar und die Zungenspitze frech vorgestreckt: Die Puppe Annabelle, die den Teufel gut vertritt, kennt man aus James Wans Schocker "Conjuring - Die Heimsuchung" (2013). Als dessen Prequel gebärdet sich "Annabelle". Es wird niemals gesagt, aber die Mode, die Autos und grieselige Fernsehbilder von der Verhaftung des Massenmörders Charles Manson und seiner Anhänger machen deutlich, dass die Handlung im Kalifornien der späten 60er-Jahre angesiedelt ist. Eine Zeit, die mitsamt ihrer neurotischen Befindlichkeit, ihren Ängsten vor gesellschaftlichen Veränderungen, des Endes der Rassentrennung, und so fort abgebildet wird.

Geradezu automatisch ergeben sich Bezüge zu damals entstandenen Gothic-Horrorklassikern. "Annabelle" verhehlt kaum seine Anleihen bei Polanskis "Rosemary's Baby": Fremde neue Umgebung, verunsicherte werdende Mutter, nervöser Ehemann, altes Mietshaus ... all das stört nicht. Denn Regisseur John R. Leonetti kann ständig Panik aufkeimen lassen, auch wenn gerade einmal nicht der Teufel von der Zimmerdecke springt oder eine Tür von Geisterhand zuschlägt. Leonetti, für Film (etwa "Conjuring") und TV bisher vor allem als Kameramann hervorgetreten, lässt die normalsten Dinge der Welt so aufnehmen, dass Unruhe ausbricht. Der Alltag selbst erscheint als Horror aus Küchenmaschinenlärm und TV-Gedudel.

Prima wird an der Schraube des Schreckens gedreht, sodass jegliches Nachdenken über die hanebüchene Story vergeht. Und sehr lange ist der Ausgang ungewiss. Umso ärgerlicher ist deshalb nicht nur, dass überhaupt ein Opfer nötig ist, damit für John und Mia wieder Ruhe einkehrt, sondern auch, dass bei dessen Auswahl ein furchtbares Stereotyp bedient wird. Der Film folgt darin dem Denken jener Epoche, die er doch gerade als Albtraum beschreibt.

Quelle: teleschau - der mediendienst