Manuel Möglich

Manuel Möglich





Von Stolz und Vorurteil

Warum vor allem junge Menschen hierzulande selten stolz darauf sind, Deutsche zu sein? Diese Frage stellte sich der Journalist Manuel Möglich. Der 35-Jährige macht sich in der vierteiligen Reportagereihe "Deutschland von außen" (ab 9. Oktober, donnerstags, 23.20 Uhr, ZDFneo) auf, in fernen Ländern Einheimische mit deutschen Wurzeln zu treffen sowie Menschen, die sich zumindest deutsch fühlen. Das Ziel: einen neuen Blick auf das eigene Land gewinnen.

teleschau: Manuel Möglich, in der Ankündigung zu Ihrer neuen Sendung "Deutschland von außen" heißt es, Sie hätten ein Problem: Sie sind Deutscher. Finden Sie das tatsächlich problematisch?

Manuel Möglich: Nein, ich habe überhaupt kein Problem, Deutscher zu sein. Im Gegenteil: Ich bin dankbar dafür, hier geboren zu sein. Schwierigkeiten habe ich nur damit, wenn Nationalität zu sehr zur Identität wird. Ich könnte zum Beispiel nicht so leicht sagen: "Ich bin stolz, Deutscher zu sein." Das liegt sicherlich auch daran, dass ich 1979 geboren und in einer Zeit aufgewachsen bin, in der man immer noch unheimlich viel über die Vergangenheit geredet hat.

teleschau: Hat sich Ihr Verhältnis zum Deutschsein mit der Zeit verändert?

Möglich: Das hat sich schon verändert. Allein in den vergangenen Jahren bin ich sehr viel mit dem Rucksack durch die Welt gereist, auch in Länder, die im Kontext der deutschen Geschichte eine Rolle spielen. Darüber habe ich auch ein Buch geschrieben, das im März 2015 erscheinen wird. Eine Erfahrung, die ich auf meinen Reisen gemacht habe, ist, dass ich als Deutscher immer und überall herzlich aufgenommen und selten mit der deutschen Vergangenheit konfrontiert wurde. Und dennoch: Ich finde es wichtig, zu reflektieren.

teleschau: Aus welchen Gründen?

Möglich: Vor einer Weile sagte Oliver Pocher in einer Sendung, dass das, was seine Großeltern gemacht haben, doch egal wäre, die Zeit wäre schließlich vorbei. Eine dumme Aussage. Klar, man sollte unbedingt nach vorne gucken - aber es ist doch auch wahnsinnig wichtig, sich zu erinnern. Die Geschichte hat uns zu oft gezeigt, dass wenn sich Menschen nicht mehr erinnern, erneut Schlimmes passieren kann.

teleschau: Sie reisten nicht nur viel, sondern lebten auch schon für längere Zeit im Ausland, unter anderem in Madrid und New York. Welche Vor- und welche Nachteile hatten Sie dort als Deutscher?

Möglich: Ich merkte, dass ich während meiner Auslandsaufenthalte plötzlich Dinge gut fand, die ich im Urlaub zuvor immer doof gefunden hatte.

teleschau: Haben Sie ein Beispiel?

Möglich: Wenn ich früher mit meiner Freundin ins Ausland fuhr, um Urlaub zu machen, kam es vor, dass wir irgendwo saßen und ein paar Tische weiter zwei Personen Deutsch sprechen hörten. In solchen Momenten haben wir sofort und automatisch leiser gesprochen, weil wir dachten, andernfalls hätten wir diese Leute bald an der Backe. Als ich später aber länger im Ausland lebte, habe ich mich immer gefreut, wenn ich Deutsche traf.

teleschau: Wie war es in Amerika?

Möglich: Schlechte Erfahrungen habe ich als Deutscher im Ausland nie gemacht, schon gar nicht in New York, wo alles, was deutsch ist, mit Berlin gleichgesetzt wird, und Berlin finden alle super. Auch jetzt, fürs Buch und für die Serie, habe ich gemerkt, dass man sich im Ausland guten Gewissens als Deutscher zu erkennen geben kann - so lange man nicht gleich laut drauflos brüllt.

teleschau: Sie stammen aus einem kleinen Dorf in Mittelhessen. Wie haben Sie den Umgang mit der eigenen Herkunft dort erlebt?

Möglich: Einen Lokalpatriotismus habe ich dort nicht gelebt. Auch nicht in den Städten, in denen ich später wohnte. Obwohl man gerade in Köln ja sehr stolz auf seine Stadt ist. Aber solche Gefühle habe ich noch nicht entwickelt. Ich identifiziere mich nicht über meine Wohnorte.

teleschau: Sie sagten einmal, Heimat wären für sie auch Gerüche, etwa der typische Freibadgeruch: Chlor und Pommes.

Möglich: (lacht) Ja, das stimmt. Möglicherweise ist es aber doch irgendwann mal ein Ort, der Heimat für mich bedeutet. Carl Zuckmayer hat mal gesagt, dass Heimat am Ende vielleicht der Ort ist, wo man sterben will. Das kann ich mir auch vorstellen.

teleschau: Können Sie andere Deutsche verstehen, die etwa in diesem WM-Sommer stolz Flagge gezeigt haben?

Möglich: Ich habe kein Problem damit, wenn jemand sagt: Ich ziehe mir jetzt ein Trikot an und schwenke eine Fahne. Meins ist das allerdings nicht. Ich persönlich finde es einfach schwierig, auf etwas stolz zu sein, wofür man gar nichts getan hat. Ich stelle mich ja auch nicht auf die Straße und sage, ich bin stolz, ein Mann zu sein.

teleschau: Für "Deutschland von außen" reisten Sie nach Brasilien, Namibia, Lettland und Rumänien. Dort sprachen Sie mit Einheimischen mit Deutschen Wurzeln und Menschen, die sich zumindest Deutsch fühlen. Wer ist damit gemeint?

Möglich: Zum Beispiel diejenigen, die in der dritten Generation in Brasilien leben. Menschen, die mit Deutschland auf dem Papier nichts zu tun haben, aber schon noch Deutsch sprechen und sich eben auch deutsch fühlen, wenn Sie zum Beispiel auf Volksfeste gehen. Diese Menschen leben natürlich viele Klischees. Von vielen sind wir mit den Worten begrüßt worden, wir sähen ja gar nicht deutsch aus, zum Beispiel weil wir keine Lederhosen anhätten.

teleschau: Welche Schnittmengen gab es denn in den vier Ländern, wenn es darum ging, typisch Deutsch zu definieren?

Möglich: Erst mal sind das die Klischees: Die Deutschen sind fleißig, bauen tolle Autos und so weiter. Aber es gibt auch viele Dinge, die mit der Historie des jeweiligen Landes zu tun haben und deshalb als typisch Deutsch angesehen werden. Zum Beispiel sind aus Namibia während der Befreiungskämpfe Ende der 70er-, Anfang der 80er-Jahre 400 junge schwarze Namibier in die DDR gekommen. Sie sollten später den Kommunismus zurück ins Land bringen. Diese Kinder wuchsen also in Deutschland auf, sprachen fließend Deutsch und gingen 1990 im Alter von 15, 16 Jahren mit einem klaren Bild von Deutschland zurück nach Namibia.

teleschau: Wie sah dieses Bild aus?

Möglich: Viele, mit denen wir gesprochen haben, sagten, der Wert von Freundschaft wäre für sie typisch Deutsch. Sie meinten, so wie in Deutschland Freundschaften gepflegt werden, würde es in Namibia nicht funktionieren. In Deutschland stünde Freundschaft über dem gesellschaftlichen Status, über Geld, über dem, was man beruflich macht. Es war natürlich schön, auch so was mal zu hören.

teleschau: Verkörpern Sie Ihrer Ansicht nach auch einige Deutsch-Klischees?

Möglich: Ein paar von diesen typisch deutschen Eigenschaften finde ich schon auch bei mir wieder, ja. Ich bin zum Beispiel wahnsinnig ordentlich und pünktlich. Und mir fehlt es manchmal an Spontaneität. Das alles kann man natürlich positiv wie negativ sehen. Was den Patriotismus angeht, tue ich mir allerdings, wie gesagt, schwer.

teleschau: Wahrscheinlich waren die Menschen in allen vier von Ihnen bereisten Ländern stolzer auf ihr Land als es Sie und die meisten anderen Deutschen auf Deutschland sind, richtig?

Möglich: Ja, auf jeden Fall. Dieser Stolz aufs eigene Land ist überall ganz natürlich. Jeder, den wir kennenlernten - egal ob politisch konservativ oder eher links orientiert -, hatte ein Fähnchen vom eigenen Land zu Hause. Die Gründe, warum das in Deutschland nicht funktioniert, sind bekannt. Hier gibt es leider oft nur schwarz oder weiß. Neutral ist sehr selten.

Quelle: teleschau - der mediendienst