Sky du Mont

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Schnösel mit Weitblick

Vor zweieinhalb Jahren ging die Drogeriemarkt-Kette Schlecker pleite. 25.000 meist weibliche Mitarbeiterinnen saßen plötzlich auf der Straße. Viele von ihnen sind bis heute arbeitslos. Nun widmen sich gleich zwei Filme einer der spektakulärsten Insolvenzen der deutschen Geschichte. Der SAT.1-Sozialkomödie "Die Schlikkerfrauen" (Dienstag, 30.09., 20.15 Uhr, SAT.1) folgt die zweiteilige ZDF-Dramedy "Alles muss raus - Eine Familie rechnet ab" (Montag, 13.10., und Mittwoch ,15.10., 20.15 Uhr). Während im Zweiten Robert Atzorn den glücklosen Wirtschaftskapitän gibt, hat diesen Part für SAT.1 Sky du Mont übernommen. Im Interview spricht der Fachmann für Schnöselfiguren mit Fallhöhe über das Krankheitsbild des Realitätsverlustes - in der Wirtschaft sowie unter Film und TV-Stars.

teleschau: Bei der Schlecker-Pleite wurden 25.000 Menschen arbeitslos. War es die pure Zahl, die Deutschland fassungslos machte?

Sky Du Mont: Jeder Mensch, der seinen Job verliert, erlebt ein Drama und verdient unser Mitgefühl. Ich denke, die Schlecker-Pleite hat uns in besonderer Weise bewegt, weil da ein krasser Gegensatz offenbar wurde. Auf der einen Seite gab es einen Unternehmer, der auch nach der Pleite noch immer seinen gewohnten Lebensstandard weiterleben konnte. Auf der anderen Seite war da diese unfassbare Zahl von hart arbeitenden, schlecht bezahlten Frauen, die vor den Trümmern ihrer Existenz standen.

teleschau: Allerdings hat sich der echte Schlecker nach der Insolvenz selbst den größtmöglichen Imageschaden zugefügt: Er hat nie Fehler eingestanden und schickte auch noch seine Kinder, um die Pleite in der Öffentlichkeit abzuwickeln. Man kann auch sagen, er hat sich nicht gestellt ...

Du Mont: Ich finde, Schlecker ist in dieser Hinsicht keineswegs ein Einzelfall. Es gibt unzählige Prominente, die pleitegegangen sind und danach in sichtbarem Luxus weiterlebten. Das empfinde ich als unanständig. Leider vergisst unsere Gesellschaft derlei Verhalten viel zu schnell.

teleschau: Aber wie kann ein solches PR-Desaster überhaupt passieren?

Du Mont: Viele superreiche Unternehmer, die klein angefangen haben, verlieren irgendwann den Bezug zur Realität. Schlecker begann als Metzgerlehrling. Mit seiner Geschäftsidee erlebte er einen schnellen, unglaublichen Aufstieg. Erfolge dieser Dimension verstellen den Blick, wenn es um die Einschätzung der eigenen Person geht. Genauso verhält es sich mit großer Macht. Es gibt unzählige Beispiele für beides. Nehmen Sie Franz Josef Strauß. Auch der kam aus einfachen Verhältnissen und wusste irgendwann nicht mehr zwischen Gesetz und eigenem Wunsch zu unterscheiden. Hätte er sonst das Parlament belogen?

teleschau: Verhalten sich Unternehmer, die von Geburt an reich sind, verantwortungsvoller?

Du Mont: Nein, das wollte ich damit nicht sagen. Ein Herr Berggruen, der Karstadt für einen Euro kaufte, wurde reich geboren. Ich nehme an, er wollte den Laden nur ausschlachten und niemals retten. Das wundert mich aber ehrlich gesagt nicht. Für solche Leute ist Wirtschaft nur ein Spiel. Viel spannender finde ich zu beobachten, was genau passiert, wenn eigentlich bodenständige Leute vergessen, wo sie herkommen.

teleschau: Vermittelt Ihr Film eine Botschaft?

Du Mont: Ach, Botschaften sind doch etwas typisch Deutsches. Eine gute Komödie, ein guter Film, vermittelt ein Gefühl. Man unterhält und vermittelt keine Botschaften. Das Gefühl dieses Films, der ja die Mitarbeiterinnen ins Zentrum der Geschichte stellt, heißt: Steh auf und mach weiter. Lass dich nicht unterkriegen. Die würde ich immer unterschreiben.

teleschau: Sie spielen darauf an, dass sich Ihre "Schlikkerfrauen" am Ende selbstständig machen. Ein realistisches Szenario?

Du Mont: In diesem spezifischen Falle: nein. Die Schleckerfrauen hatten kaum eine Chance, das macht die Pleite ja so bitter. Sie arbeiteten in Läden, die in der Provinz lagen. Viele Damen waren schon älter und nicht besonders gut ausgebildet. Wie soll man da einen neuen Job finden? Und sich aus dieser Position heraus selbstständig zu machen - wie soll das gehen? Es geht doch schon mit der Frage los, wie man die Ware bezahlen soll. Zumal die Banken kein Geld mehr geben und es in Deutschland für jeden, der ein Gewerbe betreiben will, Vorschriften ohne Ende gibt. Man muss fast schon Anwalt sein, um das überhaupt verstehen zu können.

teleschau: Liegt im Scheitern immer auch eine Chance?

Du Mont: Nein, da bin ich anderer Ansicht. Gerade Leute, die erfolgsverwöhnt sind, versuchen es nach ihrem Einbruch oft immer wieder vergeblich. Weil sie nicht erkennen, dass ihre Zeit vorbei ist. Der ein oder andere Schlagerkomponist fällt mir dazu ein. Außerdem kommt man nach einer Insolvenz oft ganz schlecht wieder auf die Füße. Es ist viel einfacher, wenn man es schafft, das Scheitern zu verhindern. Der Fehler von Schlecker war, dass er nicht mit der Zeit gegangen ist. Er wurde von anderen Drogeriemarkt-Ketten überholt, die stärkere, modernere Konzepte hatten. Auf der Stelle stehen zu bleiben, das geht als Unternehmer gar nicht. Das wäre ja, als wenn Porsche heute noch die gleichen Autos bauen würde wie vor zehn Jahren.

teleschau: Sie haben vor Jahren in einer RTL-Serie namens "Arme Millionäre" gespielt. Auch da ging es um Reiche, die alles verlieren. Warum gefällt es Ihnen in dieser Rolle offenbar so gut?

Du Mont: Ich liebe die Fallhöhe. Auch deshalb, weil man ihr in unserem Gewerbe oft begegnet. Neulich saß ich mit einem zickigen Star zusammen und sagte: "Wenn du dich in einen Zug setzt und zwei Stunden in eine Richtung fährst, dann kennt dich kein Mensch mehr." Gerade wir deutschen Schauspieler sind doch absolute Regional-Prominenz. Ich habe sehr früh erkannt, dass Bekanntheit, Karriere und Ruhm wirklich nichts wert sind. Alles vergeht schneller, als man gucken kann. Nach zehn Jahren weiß keiner mehr, was "Der Schuh des Manitu" war.

teleschau: Fördert das Filmgeschäft die Selbstüberschätzung?

Du Mont: Bei allen Prominenten ist diese Gefahr gegeben. Ob man nun Schauspieler ist, Fußball- oder Tennisstar. Wer ein prominentes Gesicht hat, dem laufen die Leute nach, der zieht die Blicke auf sich. Wer deshalb jedoch glaubt, dass er mehr wert ist als andere, hat schon verloren. Wie schnell das Interesse der Leute in Hass umschlagen kann, sieht man ja am Phänomen des Shitstorms, der einen heute schneller wegfegen kann als man gucken kann.

teleschau: Was reizt Sie heute noch an Ihrem Beruf?

Du Mont (lacht): Eine gute Frage. Ich würde sagen: Rollen, die eine gewisse Tragik haben, bei denen man aber trotzdem lustig sein darf. Ich sage Ihnen, das Buch zu "Die Schlikkerfrauen" ist eines der besten, das ich seit langem gespielt habe.

teleschau: Entstehen mittlerweile genug Filme in Deutschland, die Sie als wirklich lustig bezeichnen würden?

Du Mont: Wir tun uns immer noch ein bisschen schwer damit. Aber - es geht schon, wenn die richtige Konsequenz dahinter steht. Problematisch ist heutzutage in Deutschland etwas ganz anderes. Unser Fernsehen wird totgespart. Deshalb gibt es ja so viel "Scripted Reality". Gute Filme oder Serien kosten Geld. Das jedoch wollen die Sender nicht ausgeben, um ihren Profit zu maximieren. Ich weiß schon, wie die Sache ausgeht. Die meisten Leute, die ich kenne, schauen überhaupt kein Fernsehen mehr. Wenn sich nichts ändert, guckt bald keiner mehr zu. Oder nur noch die, die sich nichts anderes leisten können.

teleschau: Spüren Sie als Schauspieler schon Konsequenzen der Entwicklung?

Du Mont: Zum einen entsteht weniger Fiction, zum anderen muss das, was gedreht wird, immer schneller und kostengünstiger produziert werden. Die Kreativen, die Fiction entstehen lassen, werden immer schlechter bezahlt. Früher hatte man für einen Fernsehfilm 21 Drehtage. Jetzt sind wir bei 19, teilweise 17 Drehtagen. Man kann Kunst auch zu Tode sparen. Das gleiche habe ich übrigens auch am Theater erlebt, am Staatstheater! Da wurden auf einmal Bühnenbilder gestrichen, die als zu teuer galten. Auch dort ist der Kostendruck immer nur an die Kreativen weitergegeben worden. An der Bürokratie, da kann man sich gerne wundern, wird hingegen nirgendwo gespart. Waren Sie mal beim ZDF auf dem Lerchenberg in Mainz? Wenn Sie sich da freitags in den Gängen verlieren, findet man sie wahrscheinlich am Mittwoch erst wieder.

Quelle: teleschau - der mediendienst