Land der Wunder

Land der Wunder





Wunderlich oder wunderbar?

Ein kleines Wunder hat die italienische Regisseurin Alice Rohrwacher mit "Land der Wunder" selbst vollbracht. Ihr Film erhielt bei den letzten Filmfestspielen in Cannes den Großen Preis der Jury. Dabei sieht die als kleine Erzählung angelegte Coming-of-Age-Geschichte eines jungen Mädchens in der umbrischen Provinz zunächst nicht nach einem Gewinner aus. Sperrig schleppt sich die Story dahin und entwickelt dabei mit ihrer rätselhaften Heldin einen ganz eigenen Reiz.

Der Aussteigertraum vom ländlichen Leben in Italien sieht hier schäbig aus. Dem heruntergekommenen Bauernhof in Umbrien fehlt jeder rustikal-pittoreske Charme, er wirkt so schmuddelig wie seine Bewohner. Sparsam mit Informationen über ihre Figuren beginnt Alice Rohrwacher ihren Film mit Beobachtungen des Alltags der Familie.

Die wichtigste Einnahmequelle stellt die Imkerei dar. Diese betreibt Familienoberhaupt Wolfgang (Sam Louwyck) mit Verbissenheit anstatt Leidenschaft. Überhaupt erweist sich der Deutsche, dessen "Deutscher Herbst"-Vergangenheit hier und da noch zu ahnen ist, als unangenehmer Despot. Darunter leidet vor allem seine Teenagertochter Gelsomina (Maria Alexandra Lungu), die ihm bei seinen Arbeiten draußen zur Hand gehen muss. Sie scheint dem Vater von vier Töchtern den Sohn ersetzen zu wollen und sollen.

Ohne speziellen Fokus schleppt sich die Story so dahin und zeigt das anstrengende Leben unter dem launischen Vater, bis es auf einer Insel in einem idyllischen See zu einer Begegnung der anderen Art kommt: Das italienische Fernsehen spielt auf seine unnachahmliche kitschige Art Etrusker - ein Trailer zur Ankündigung der Show "Land der Wunder" wird aufgezeichnet. In einem Wettbewerb sollen traditionelle Familienbetriebe gegeneinander antreten, die surreal anmutende Fernseh-Fee und Moderatorin Milli (Monica Bellucci) ermuntert Gelsomina, sich dafür anzumelden. Das junge Mädchen lässt sich begeistern, sieht sie das Preisgeld doch als Rettung für den Hof. Ihre größte Hürde dabei stellt jedoch Wolfgang dar, der nichts von einer Teilnahme wissen will. Doch Gelsomina wagt es ...

Die ungeschliffene Natürlichkeit des jungen Mädchens mit seinen noch unkonkreten Lebensträumen trifft auf den Trash der konsumorientierten Fernsehwelt, einer Realität, der ihr Vater zu entfliehen versuchte. Wenn er nachher halbnackt in der Tunika in einer Höhle hockt, steht ihm das Scheitern auf der ganzen Linie ins Gesicht geschrieben. Gelsominas Held aus Kindertagen hat endgültig ausgedient. Wunderlich oder wunderbar? Alice Rohrwachers Film und Protagonistin als mutige Herrin der Bienen bleiben bis zum Ende unzugänglich. In beiden steckt eine geheimnisvolle Kraft, die sich letztlich nicht ganz manifestieren darf. Aber eines begreift man dann doch, die Zeit der Männer scheint vorbei. Der Patriarch gerät ins Schleudern, und der männliche Nachwuchs hat nichts zu sagen.

Quelle: teleschau - der mediendienst