Hüter der Erinnerung - The Giver

Hüter der Erinnerung - The Giver





Schwarz-weißes Jammertal

Friedlich ist das Leben in der Zukunft, die Menschen sind nett zueinander, akzeptieren klaglos ihren Platz in der Gesellschaft und sind im Großen und Ganzen einfältige Schäfchen. Die Welt, die sich Lois Lowry in ihrem Jugendroman "The Giver - Hüter der Erinnerung" ausgedacht hat, ist ein ziemlich langweiliger Ort in Schwarz-Weiß. Der freie Wille ist gefangen, weil alle Erinnerung ausgelöscht sind. Es gibt kein Verlangen, keine Liebe, keine Gefühle. Und keine Farben. Bis sich ein junger Mann aufmacht, die Menschen aus ihrem selbst geschaffenen Jammertal zu befreien. Der australische Regisseur Phillip Noyce hat die Romanvorlage zu einer ziemlich schicken, aber auch belanglosen SciFi-Romanze ohne Ecken und Kanten, dafür mit außergewöhnlich hohem Kitschfaktor verwurstet.

Das Böse in den Menschen lässt sich nur ausmerzen, wenn man den Menschen die Menschlichkeit nimmt. Davon geht in "The Giver" der allmächtige Ältestenrat, repräsentiert von einer kalt-freundlichen Chefin (Meryl Streep), aus. Damit sie in der Zukunft nicht auf dumme Gedanken kommen, werden die Menschen ihrer Vergangenheit beraubt. Also hat man irgendwann eine elektromagnetische Barriere errichtet, um Erinnerungen aus der Gemeinde zu verbannen.

Nachdenken ist in den 98 vorhersehbaren Filmminuten höchst unerwünscht und angesichts der vielen augenfälligen Ungereimtheiten auch nicht ratsam. Was man guten Gewissens genießen kann, sind die schönen Bilder. Die Zukunft ist durchgestylt bis ins Detail - im einfach reproduzierbaren und deswegen praktischen Bauhaus-Stil. Und die Menschen sind nicht nur schön, sondern auch alle gleich. Nur einer ist gleicher: der Hüter der Erinnerung (Jeff Bridges).

Der alte Mann bekommt in der alljährlichen Initiationszeremonie einen neuen Lehrling. Jonas (Brenton Thwaites) ist ziemlich überrumpelt davon, der Auserwählte sein zu sollen. Zumal er sich deswegen von seinen Jugendfreunden Fiona (Odeya Rush) und Asher (Cameron Moanaghan) entfremden muss: Niemand darf wissen, was er erfährt. Er wird eines Tages der Einzige sein, der die Erinnerungen der Menschen in sich trägt. Keine leichte Aufgabe. Die letzte Kandidatin (Taylor Swift) ging daran zugrunde.

Im Kern geht es um ziemlich wichtige, existenzielle Fragen: Wie frei ist der Mensch? Wie frei darf der Einzelne sein, damit es allen gut geht? Der alte Hüter und sein wackerer Lehrling beschließen, dass das Leben in Schwarz-Weiß nicht lebenswert ist. In den Erinnerungen, in der Vergangenheit, steckt die Menschlichkeit. Also muss die elektromagnetische Mauer weg.

Das ist nicht nur ein nobler, sondern auch ein ziemlich wichtiger Gedanke. Allerdings wird er nicht weiter erläutert, wie auch den Figuren jegliche Charaktertiefe verwehrt bleibt. Jonas und der alte Hüter sind die Guten, die sich alleine durch Berge und Wüsten kämpfen, um ihr Ziel zu erreichen. Die Älteste ist die Böse, die sogar Jonas' Kumpel Asher mit einer Kampfdrohne auf ihn hetzt. Dazwischen steht Fiona als potenzielle Geliebte, damit sich der ganze Aufwand für Jonas auch lohnt und das Publikum bei Laune gehalten wird. Wenn es denn am Ende noch im Kinosaal sitzt.

Quelle: teleschau - der mediendienst