Jan Josef Liefers

Jan Josef Liefers





Schon immer Nachtmensch ...

Die meisten Menschen kennen Jan Josef Liefers als eigenwilligen Pathologen Professor Karl-Friedrich Boerne aus dem Münster-"Tatort" (der nächste Fall "Tatort: Mord ist die beste Medizin", läuft am Sonntag, 21.09., 20.15 Uhr, im Ersten). Oder aus Kino-Filmen wie "Knockin' On Heaven's Door" und "Der Baader Meinhof Komplex" oder TV-Events wie "Der Turm" oder "Nacht über Berlin". Doch auch als Sänger wird der Berliner, der vor wenigen Wochen seinen 50. Geburtstag feierte, immer populärer. Mit seiner Band Radio Doria veröffentlicht er jetzt sein neues Album "Die freie Stimme der Schlaflosigkeit". Das große Thema darauf: die Schönheit der Nacht. Ein Gespräch mit Liefers und Radio-Doria-Keyboarder Gunter Papperitz über das Nichtstun, Schlaflosigkeit als Chance und Glücksgefühle "außerhalb der Geschäftszeiten".

teleschau: Herr Liefers, Anfang des Jahres sagten Sie über Ihre Wünsche für 2014, Sie sehnten sich nach Langeweile. Schon dazu gekommen?

Jan Josef Liefers: Nein, natürlich nicht, darauf warte ich noch. Bei mir ist es so: Früher gab es Zeiten, da war nicht viel los, und ich wünschte mir, dass alle etwas von mir wollen. Und dann passiert genau das - und es ist mir auch wieder nicht recht.

teleschau: Was wäre die optimale Lösung?

Liefers: Das große Nichts!

teleschau: Was verstehen Sie darunter?

Liefers: Die Zeit, in der man nur so vor sich hinträumt, ziellos. Und in der Ideen aus einem heraus sprudeln wie aus einer geschüttelten Cola-Dose.

teleschau: Soll heißen: Wenn Sie mal nichts tun könnten, wollen Sie doch lieber arbeiten?

Liefers: Na ja, um das zu beantworten, müsste man erst mal klären, was "nichts tun" eigentlich bedeutet. Das ist ja eine philosophische Frage ...

teleschau: ... und eine persönliche: Wann verstehen Sie persönlich denn unterm Nichtstun?

Liefers: Dinge zu tun, die keinen Zweck verfolgen. Wenn man so will: sinnlose Dinge. Zum Beispiel an die Ostsee zu fahren und einfach aufs Meer zu starren. Oder die Gitarre zu nehmen und ein bisschen herumzuspielen, sie wieder wegzulegen, sie wieder zu nehmen, aber ohne auf ein Ergebnis aus zu sein. Oder: was Schönes zu lesen, was nicht Drehbuch oder E-Mail heißt. Zu plaudern, über dies und das mit denen, die gerade am Zaun vorbeikommen. Was Leckeres zu kochen. Einen endlosen Spaziergang zu machen.

Gunter Papperitz: Für mich bedeutet Nichtstun vor allem auch, dass man sich auf nichts fokussieren muss. Nicht mal der Blick, der eben zum Beispiel aufs Meer gerichtet ist, muss ein konkretes Ziel haben. Mir persönlich gelingt das beim Wandern. Der Harz ist nicht weit von meinem Zuhause, ich bin schon oft zum Brocken hoch und habe von dort aus ziellos die Aussicht genossen.

teleschau: Vermissen Sie während des Nichtstuns auch irgendwann die Aufmerksamkeit, die Sie im Beruf meist haben?

Papperitz: Ich hatte noch nie das Gefühl, dass die Zeit des Nichtstuns endlos lang wäre, sodass ich mich danach gesehnt hätte, dass endlich wieder was passiert. Ich könnte durchaus auch ohne zeitliche Einschränkungen mal wieder nichts tun (lacht). Was jetzt ja aber gar nicht zur Debatte steht, denn das neue Album kommt ja nun raus.

teleschau: Bevorzugen Sie zum Nichtstun den Tag oder die Nacht? Die Geschichten, die Sie, Herr Liefers, auf dem neuen Album singen, klingen, als wären Sie ein typischer Nachtmensch.

Liefers: Ja, ich bin auf jeden Fall ein Nachtmensch. Bin ich immer gewesen und werde ich wahrscheinlich auch immer sein. Zwangsweise lebe ich natürlich auch am Tag, ich habe ja zum Glück eine tolle Familie, und meine Kinder müssen in die Schule. Bei uns klingelt jeden Morgen um 6.15 Uhr der Wecker. Dann ist die Nacht für mich schon vorbei, obwohl es eigentlich die Zeit ist, zu der ein ehrlicher Musiker gerade ins Bett geht. Ich kann mein Nachtmenschendasein also nicht immer ausleben. Jede Nacht, die ich mir dafür nehme, bezahle ich mit einem übermüdeten nächsten Tag. Trotzdem: Die Nacht ist und bleibt eine faszinierende Zeit für mich.

teleschau: Was mögen Sie daran besonders?

Liefers: Nachts lässt man mich in Ruhe. In diesen Stunden kommt außerdem alles, was ich tagsüber vor mir herschiebe und verdränge, wie ein Bumerang zurück. Das ist irrational, aber darum geht's, um das Irrationale bei Nacht.

teleschau: Kennen Sie auch das Gefühl von Schlaflosigkeit?

Liefers: Ja, und das ist natürlich ein ernstes Thema: Schlaflosigkeit kann zu einem medizinischen, einem psychologischen Problem werden. Wenn das der Fall ist, braucht man dringend Hilfe. Ich persönlich kann der Schlaflosigkeit aber durchaus etwas Positives abgewinnen. Ich finde es manchmal ganz spannend, nicht zu schlafen.

teleschau: Was machen Sie, wenn Sie nicht schlafen können?

Liefers: Ich habe aufgehört, mich in schlaflosen Nächten im Bett hin- und herzuwälzen. Ich stehe dann auf, schaue in die Sterne oder mache Dinge, die ich sonst vielleicht nicht unbedingt machen würde.

teleschau: Zum Beispiel?

Liefers: Ich krame in irgendwelchen Kisten, sehe mir Bilder an, lasse Erinnerungen hochkommen. Ich bin dann ja absolut ungestört, bewege mich sozusagen außerhalb der Geschäftszeiten. Man kennt das ja, wenn man irgendwo anruft und die Bandansage kommt: "Sie rufen außerhalb der Geschäftszeiten an." Warum sollte man so was nicht auch mal als Mensch haben?

teleschau: Klingt, als würde die Nacht grundsätzlich ein Gefühl von Euphorie in Ihnen auslösen, anstatt nur Melancholie wie bei so vielen Menschen.

Liefers: Ja, das kann man so sagen. Es ist beides, aber mehr Euphorie.

teleschau: Wie sieht denn Ihre perfekte Nacht als Musiker aus?

Papperitz: Die beginnt mit einem gemeinsamen Konzert, und was das angeht, haben natürlich auch andere Leute etwas zu sagen, nämlich das Publikum, das wir am Auftrittsort vorfinden. Dem wollen wir zuspielen, und das Publikum spielt hoffentlich zu uns zurück. Bestenfalls gibt es dann eine emotionale Verbindung, und alle haben einen guten Abend.

Liefers: Es beginnt mit den Erwartungen der Menschen, die unser Konzert besuchen. Für viele bin ich erstmal nur der aus dem "Tatort" oder irgendeinem anderen Film. Diese Leute interessieren sich irgendwie, wissen aber oft überhaupt nicht, was da auf sie zukommt. Country? Jazz? Chanson? Es könnte alles sein. Dann legen wir los und stellen uns musikalisch vor. Der Rest ist eine Art biochemische Reaktion zwischen Publikum und uns. Wenn die guten Botenstoffe hin und herfliegen, macht es Riesenspaß.

teleschau: Wie enden diese spaßigen Abende backstage? Wie wild sind Sie etwa auf Tour?

Papperitz: Was nach der Show passiert, passiert außerhalb der Öffentlichkeit und soll dort auch bleiben (lacht).

Liefers: Bei uns geht es aber generell eher relaxt zu. Ich war vor einem guten Jahr auf einem Konzert der Beatsteaks. Das machte auch unheimlich viel Spaß, nur anders: Die Leute sprangen vom ersten Ton an herum und haben sich wahrscheinlich unzählige Rippen geprellt. Das gibt es bei uns eher nicht (lacht). Dafür hören wir von Konzertbesuchern, dass sie sich noch Tage danach mit einem guten Gefühl im Bauch an unseren Abend erinnern.

teleschau: Sie selbst sagten einmal, Herr Liefers, Sie hielten sich nicht unbedingt für den tollsten Sänger. Welches musikalische Talent würden Sie sich denn stattdessen attestieren?

Liefers: Es gibt Leute, denen hat der liebe Gott in den Hals gepinkelt, die müssen singen, weil sie dafür geboren sind. Andere tun es einfach, weil sie es wollen. Bob Dylan ist ein gutes Beispiel. Was seine Gesangsqualitäten angeht, gehen die Meinungen auseinander. Meine Oma hätte vielleicht gesagt: Was der da macht, das ist doch kein Singen! Für mich und Millionen andere hingegen war Bob Dylan der Größte. Bei mir persönlich ist es so, dass ich mich nicht auf die Bühne stelle, weil ich denke, dass ich ein Goldkehlchen bin. Ich singe, weil ich Lust dazu habe und finde, dass bestimmte Dinge sich musikalisch besser ausdrücken lassen.

teleschau: Es krängt Sie also nicht, wenn jemand sagt: toller Schauspieler - aber singen kann er leider nicht.

Liefers: Ach, es gibt so viele Meinungen. Mir geht es weniger darum, ein toller Sänger zu sein und mehr darum, meine Gedanken über die Musik loszuwerden.

teleschau: Wie beurteilen Sie denn den Sänger Liefers, Herr Papperitz?

Papperitz: Mich und alle anderen in der Band muss jemand überzeugen mit dem, was er macht. Und das tut Jan voll und ganz.

teleschau: Und wie wichtig ist Ihnen der Erfolg mit Ihrer Musik?

Liefers: Wenn ein Album nicht so funktioniert, kann ich mich notfalls mit dem nächsten Film über Wasser halten. Der finanzielle Aspekt von Erfolg war mir sowieso nie besonders wichtig. Der kommt oder bleibt aus und ändert nichts an dem, was ich gut finde. Meine Bandkollegen sind allesamt Berufsmusiker und verdienen ihre Brötchen auch mit unserem Album. Deshalb haben wir nichts gegen die Top Ten einzuwenden!

Jan Josef Liefers und Radio Doria auf Deutschland-Tournee:

15.09., Bremen, Kulturzentrum Schlachthof

17.09., Bielefeld, Ringlokschuppen

19.09., Magdeburg, Factory

20.09., Leipzig, Haus Auensee

22.09., Krefeld, Kulturfabrik

23.09., Frankfurt, Batschkapp

24.09., Erlangen, E-Werk

27.11., Memmingen, Kaminwerk

29.11., Ludwigshafen, BASF - Feierabendhaus

01.12., Münster, Jovel Music Hall

02.12., Köln, Gloria-Theater

04.12., Ruetlingen, Franz.K

06.12., Karlsruhe, Tollhaus

08.12., München, Freiheiz

09.12., Halle/Saale, Steintor-Variete

11.12., Berlin, Columbiahalle

12.12., Rostock, Stadthalle ClubBühne

14.12., Hamburg, Kampnagel

Quelle: teleschau - der mediendienst