Corinna Harfouch

Corinna Harfouch





"Ich bin doch nicht Frau Dingsbums"

Harte Schale, weicher Kern, möchte man behaupten, wenn man die Schauspielerin Corinna Harfouch beschreiben müsste. Aber wer wollte das schon so genau wissen. "Ich bin nicht Katharina Bruckner", sagt sie im Interview zu ihrem neuen Film im Ersten ("Der Fall Bruckner", Mittwoch, 24.09., 20.15 Uhr), in dem sie eine kämperische, fürsorgliche Jugendamtsbeamtin verkörpert. "Ich bin ja auch keine Mörderin, wenn ich sie spiele." Corinna Harfouch, die am 16. Oktober 1954 in Suhl geboren wurde und also bald den 60. Geburtstag feiert, hat sie alle gespielt, im Film und auf der Bühne: von der Lady Macbeth bis zu Vera Brühne oder Magda Goebbels in Bernd Eichingers "Untergang". Im Osten längst ein Star, half ihr nach der Wende ausgerechnet die Vorabendserie "Unser Lehrer Doktor Specht", gesamtdeutsche Wertschätzung zu erreichen. Mit hochkarätigen Kinorollen beeindruckte Corinna Harfouch seitdem verlässlich das Publikum. Harfouch lebt mit ihrem Lebensgefährten, dem Regisseur und Autor Wolfgang Krause-Zwieback auf dem Land bei Berlin.

teleschau: Der Filmstoff ist aus dem Alltag im Jugendamt gegriffen, es geht um einen siebenjährigen Jungen, der von einer überforderten Mutter geschlagen wird. Was hat Sie an diesem Projekt gereizt?

Corinna Harfouch: Das Thema - das Projekt gibt es schon seit sechs Jahren, ich habe mich lange sehr darauf gefreut, bis dann endlich die Entscheidung gefallen ist, den Film zu machen.

teleschau: Was war so schwierig daran?

Harfouch: Das weiß ich nicht, vielleicht weil ich da keine Polizistin bin, weil es kein "Tatort" ist.

teleschau: Sie haben sich auf die Rolle der Beamtin beim Jugendamt sicher ausführlich vorbereitet.

Harfouch: Wir waren natürlich in Jugendämtern und haben uns den Ablauf dort angeschaut, mit Mitarbeitern gesprochen und uns genau erklären lassen, wie das gehandhabt wird, wenn man um Hilfe gebeten wird. Der Autor Hans-Ullrich Krause leitet ja ein großes Kinderheim in Berlin-Lichtenberg. Er sagte, es gebe in unserem Film eine derart große Authentizität, dass es ihm geradezu rätselhaft sei, wie das zustande kommen konnte.

teleschau: Um die Probleme der Jugendlichen kümmert sich Frau Bruckner mit hoher Energie und trotz ihrer privaten Probleme sehr hartnäckig.

Harfouch: Ich spiele eine Frau, die bei sich bleibt und ihre Identität beibehält, die nicht einfach nach vorgeschriebenen Regeln und Gesetzen handelt und sich dabei persönlich nicht einbringen kann. Es ist dieser Frau offensichtlich gelungen, trotz allem wach und lebendig zu bleiben.

teleschau: Man hört aber doch, es gehe auf Jugendämtern drunter und drüber oder gar nachlässig zu, auch aus Gründen der mangelnden Ausstattung.

Harfouch: Ich habe gerade im Autoradio eine Statistik gehört, eine Umfrage, bei der die Menschen über ihr Verhältnis zu den Ämtern befragt wurden, und dieses Verhältnis hat sich wohl in den letzten zehn Jahren enorm verbessert. Möglicherweise sind Sie da noch auf dem alten Stand.

teleschau: Im Film geht es ja in der Hauptsache um eine schwierige Mutter-Kind-Beziehung. Sie selbst sind mehrfache Mutter. Sind Sie im eigenen Leben in der Erziehung auch manchmal an Grenzen gestoßen?

Harfouch: Selbstverständlich. Das öffentliche Gespräch darüber, in welche unfassbaren Situationen man kommt mit sich selbst, halte ich aber in Grenzen.

teleschau: Waren Sie eine strenge Mutter?

Harfouch: Leider nein. Den Antrieb zur Leistungsbereitschaft habe ich nicht besonders befördert. Aber ich glaube, ich habe meine Söhne dazu angespornt, vor allem mit Leidenschaft durchs Leben zu gehen. Zu sehr auf Ordentlichkeit oder auf Sicherheit zu achten, das sind Fallen, in die man nicht treten sollte. Das sind Dinge, die einen nicht weitertragen.

teleschau: Sie spielen in Ihren Filmen oft starke Frauen. Auch diesmal sind Sie letztlich eher stark und unnachgiebig, indem Sie sich für einen hilflosen Jungen gegen alle Widerstände einsetzen.

Harfouch: Was heißt schon stark. Das bedeutet doch auch mal auszuhalten, dass man nicht gemocht wird. Oder auch, dass man es zulässt, einfach mal traurig zu sein.

teleschau: Sie sind eine der erfahrensten und erfolgreichsten deutschen Schauspielerinnen überhaupt, Sie haben verschiedene Schulen und Theater durchlebt, vom Berliner Ensemble bis zur Volksbühne oder zum Deutschen Theater. Haben Sie denn einen Tipp für jüngere Kollegen?

Harfouch: Ich belehre die jungen Leute ungerne über Schauspielerei, weil ich mir das einfach nicht zutraue. Ich möchte auch gar nicht wissen, wie das alles letztlich geht, sondern auch ein bisschen ahnungslos bleiben. Schon deswegen tauge ich gar nicht zur Tippgeberin oder gar zur Lehrerin.

teleschau: Eine bestimmte Technik, die alte Brecht-Schule, haben Sie nicht mehr genossen?

Harfouch: Wie nannte sich das noch mal?

teleschau: Man sagte dazu mal Verfremdung - das Spielen mit einer gewissen Distanz zu dem, was man darstellen will.

Harfouch: Verfremdung!! - Ich bin ja nicht Frau Bruckner vom Jugendamt, ich bin auch keine Mörderin, keine Frau Dingsbums. Insofern haben wir da schon eine wunderbare, ganz vollautomatische Verfremdung.

teleschau: Halten Sie sich denn körperlich auf besondere Weise fit?

Harfouch: Hm - also ich bin Vegetarierin, schon seit langem. Und ich mache Yoga. Ich bewege mich überhaupt gerne. Ich komme gerade von einer Fahrradtour zurück, habe erst kürzlich wieder einen Ausflug an die Ostsee gemacht. Das Schlankheitsgen habe ich, glaube ich, geerbt und somit halt Glück gehabt.

teleschau: Wie feiern Sie Ihren bald anstehenden 60. Geburtstag - eher groß, oder doch in kleinerem Rahmen? Oder gar wie Giulia in ihrem Film "Giulias Verschwinden" mit Bruno Ganz - also am liebsten gar nicht?

Harfouch: Ich habe eine Generalprobe in Bonn an dem Tag. Es ist ein freies Projekt in der Bundeskunsthalle. Eine "Weltraumoper", sehr bunt und skurril, die den Titel "Leben auf der Baldrianrakete" trägt. Ich spiele Marlene Dietrich und habe den Text selbst geschrieben. Mein Lebensgefährte Wolfgang Krause-Zwieback führt Regie. Aber danach mache ich dann schon ein kleines Fest, es ist ja auch immer eine gute Gelegenheit, alle möglichen Leute wiederzusehen.

teleschau: Bei Ihrem 50. haben Sie einer Frauenzeitschrift gesagt, Sie laden nur die lustigen Leute ein, auf die traurigen verzichten sie. Halten Sie das beim 60. wieder so?

Harfouch: Das muss nicht wieder so sein. Zumal die Lustigen in meinem Alter ja weniger werden. Ich weiß auch nicht, was mit ihnen los ist. Ich glaube, ganz pauschal sind es eher die lustigen Männer, die weniger werden. Kann das sein?

teleschau: Wenn Sie das sagen! Apropos Vegetarierin: Das klingt sehr bestimmt. Kochen Sie denn auch gerne, ähnlich wie Marlene Dietrich?

Harfouch: Ich koche sehr gerne, ich baue ja auch Gemüse, Kartoffeln, Gurken, Kräuter im eigenen Garten an.

teleschau: Sie leben in Berlin ...

Harfouch: Nein, ich wohne nördlich von Berlin auf dem Land.

teleschau: Ihre jüngste Rolle als Deutschland-kritische Zynikerin im Spielfilm "Finsterworld", der ums Haar beinahe ins Oscarrennen gekommen wäre, steckt einem ja noch in allen Knochen. Ist in dieser Rolle wenigstens auch ein bisschen von Ihnen selbst?

Harfouch: Es tut mir wirklich leid: Nein, ich bin keine Zynikerin. Nicht, dass ich alles toll finde auf dieser Welt. Aber ich setze alles daran, mich nicht lähmen zu lassen von irgendeiner negativen Energie.

Quelle: teleschau - der mediendienst