Ein Sommer in der Provence

Ein Sommer in der Provence





Kümmerer mit Knarre

Die Bräuche der Provence können recht gefährlich sein. Einem wild durch die Arena tobenden Stier das bunte Bändchen vom spitzen Horn zu streifen, birgt mehr als Nervenkitzel. Wer das Bändchen nach einem rettenden Sprung in die Tribüne aber seiner Angebeteten präsentiert, wird vielleicht von ihr erhört. Teenager Léa (Chloé Jouannet) hingegen nimmt die Trophäe nur schmollend entgegen, hält sie ihren Kavalier doch für untreu. Ihre Miene ist fast der letzte Anlass zum Schmunzeln, danach ist es so gut wie vorbei mit dem rustikalen Humor, mit dem "Ein Sommer in der Provence" von Rose Bosch so vielversprechend startet. Behaglich wie eine Hängematte und erholsam wie eine unverhoffte Urlaubsverlängerung könnte die französische Generationen-Komödie sein. Stattdessen hat man mit rückwärts gewandten Erziehungsvorschlägen zu tun.

Die halbwüchsigen Pariser Adrien (Hugo Dessioux) und Léa sowie deren wesentlich jüngerer taubstummer Bruder Théo (ein grandioser Kinderdarsteller: Lukas Pélissier) verbringen die Sommerferien bei den Großeltern in der französischen Provence, während ihre geschiedene Mutter im kanadischen Montréal einen neuen Job zu ergattern versucht. Oma Irène (Anna Galiena) empfängt die Enkel mit offenen Armen, Opa Paul (Jean Reno) aber grantelt und grollt. Auch nach 17 Jahren kann er seiner Tochter nicht verzeihen, dass sie sich, schwanger mit Adrien, davongestohlen hat, um ein ganz eigenes Leben zu beginnen.

Jugendliche, markenbewusste Stadtneurotiker, die auf dem bäuerlichen Anwesen von Paul und Irène verzweifelt nach einem Netz für Smartphone und Notebook fahnden, treffen auf starrsinnige Schollenbewohner. Wie die alten Kleider der Mutter im Schrank wartet unaufgearbeitete Familienhistorie darauf, gelüftet zu werden. Indessen holt die Großeltern die Hippie-Vergangenheit auf Motorrädern ein. Man neckt sich und spielt einander Streiche, Konflikte flammen auf und erlöschen wieder. Man kommt sich näher, einander und den Dorfbewohnern, auch amourös. So könnte es weitergehen, tagsüber bei lachender, heißer Sonne, abends und nachts bei lauschigem Grillenzirpen und Froschquaken. Könnte ...

Wie ungleich die Geschlechter behandelt werden, irritiert und empört schon sehr bald. Der Junge darf sich austoben, das Mädchen hat brav zu sein. Adriens sexuelle Abenteuer mit blonden Touristinnen werden wie kleine Heldentaten präsentiert, seine Schwärmerei für die Dorfschönheit gleichsam filmisch beseufzt. Chloé Jouannet hingegen muss ihrer rebellischen Léa die Rolle rückwärts abverlangen: Piercings raus, kein Lidstrich mehr, Haare glatt, rein ins züchtige Kleidchen und immer nett lächeln. Naiv bleibt sie am Charme des Pizzabäcker-Schönlings Tiago (Tom Leeb) kleben, als hätte Paris sie nicht schon an jeder Straßenecke über solche Tunichtgute belehrt.

Bei jeder Knutscherei von Léa und Tiago, die er sieht, geht Paul dazwischen. Rührend kümmert sich der Großvater um den kleinen Théo. Aber wenn der Alte statt zum Unterstützer der Enkelin zu ihrem Tugendwächter wird, der mit dem Gewehr Jagd auf einen dämonisierten Verführer machen darf, hinterlässt das mehr als einen schalen Beigeschmack nach neuem Patriarchat. Vorbereitung auf Selbstverantwortung sieht anders aus. Hier wird nach starken Männern von gestern verlangt, die die Welt von heute in eine Ordnung bringen soll, die äußert zweifelhaft erscheint. "Ein Sommer in der Provence" hätte eine bessere, eine reifere und zukunftsfreudigere Botschaft für die Jugend verdient.

Quelle: teleschau - der mediendienst