Udo Jürgens

Udo Jürgens





Auf der Zielgeraden

Er erfand den massenwirksamen deutschen Nachkriegschanson, führte ihn an die Grenzen des Schlagers heran und war stets auch ein bisschen Rock'n'Roll am gläsernen Klavier. Am 30. September wird Udo Jürgens 80 Jahre alt. Im Hamburger Gespräch kurz vor seinem Ehrentag entfaltet der reife Publikumsbeschwörer durchaus eine gewisse Magie. Seine Antworten klingen so, als könnten es die letzten sein. Eine kluge Einstellung für einen fitten, nachdenklichen Mann seines Alters. Rund 100 Millionen Tonträger hat Jürgens verkauft. Nicht nur aus heutiger Sicht ein unglaublicher Erfolg. Zumal der Jazzfan aus großbürgerlichem Elternhaus seine Hits fast alle auf Deutsch sang. Vor seiner vielleicht letzten Tournee, die trotzig "Mitten im Leben" heißt, redet der Superstar über die letzten Herausforderungen des Lebens und die Furcht vor dem Ende.

"Natürlich stehe ich nicht mitten im Leben, das weiß ich", sagt Udo Jürgens. "Die Plattenfirma bestand darauf, dass Album und Tour so heißen müssen." Ein Mann von 80 Jahren lässt sich eben von den PR-Fuzzis nicht den Mund verbieten. Auch wenn die Industrie das Bild vom rüstigen, immer jungen Kraftmenschen am Klavier, jenen schwitzenden Womanizer im Bademantel auf ewig konservieren will, weiß der echte Mann hinter dem Image gut Bescheid, was die Stunde geschlagen hat.

Dass er noch so fit ist, habe er vor allem "guten Genen" zu verdanken. Eigentlich sei er nämlich nie besonders sportlich gewesen. "Als Kind, das in der Nazizeit aufgewachsen ist, ist mir das schmerzlich vor Augen geführt worden." Tatsächlich war Jürgen Udo Bockelmann, wie er bürgerlich hieß, ein eher schwächliches Kind, das oft krank war. Im elterlichen Schloss wuchs er mit einem älteren und einem jüngeren Bruder auf. Sein Vater, der in Moskau als Sohn eines einflussreichen Bankiers geboren wurde, musste nach einer Inhaftierung infolge des Ersten Weltkriegs zurück nach Deutschland fliehen, wo die Familie Bockelmann ursprünglich auch herkam.

Eine reiche Familiengeschichte, die selbst ohne die Karriere von Udo Jürgens erzählenswert wäre. Jürgens hat sie in dem Familienroman "Der Mann mit dem Fagott" vor zehn Jahren aufgeschrieben, 2011 wurde sie als gleichnamiger ARD-Zweiteiler verfilmt. Zum 80. schenkt die ARD dem Sänger nun einen Dokumentarfilm ("Der Mann, der Udo Jürgens ist", Mo., 29.09., 20.15 Uhr) und das ZDF eine Gala (Sa., 18.10., 20.15 Uhr) mit vielen Stars aller musikalischer Genres, mit denen Udo Duette singen wird.

Doch zurück zur Fitness des schlanken Mannes mit vollem, dunklen Haar, dessen Alter sich lediglich in einer gegenüber der Zeit von vor 30 oder 40 Jahren etwas bedächtigeren Art zu gehen niederschlägt. Fit hält er sich seit Jahrzehnten im Wasser. Im Bauch seiner Villa an der Algarve gibt es einen Pool von nennenswerter Größe. "Da schwimme ich jeden Tag einige 100 Meter". Gesund gelebt habe er meistens, aber keineswegs immer. "In den 70-ern wurde unglaublich viel getrunken und gefeiert, dem konnte man sich kaum entziehen." Nun - offenbar ist Jürgens gut aus dieser Nummer rausgekommen. Nach zwei gescheiterten Ehen lebt er heute abwechselnd in der Schweiz und in Portugal.

Im November 2013 verriet er, nach seiner letzten Scheidung im Jahr 2006 wieder liiert zu sein. Weitere Auskünfte gibt es dazu nicht. Viel lieber spricht er über seine beiden offiziellen Kinder aus der Ehe mit dem Fotomodell Erika "Panja" Meier: John und Jenny, die mittlerweile auch schon 50 und 47 Jahre alt sind. Im ARD-Dokumentarfilm loben sie den Vater, wenn auch durchscheint, dass er früher nicht oft daheim war. "Wenn ich da war", sagt Udo Jürgens, "dann allerdings zu 100 Prozent". Zum 80. wird ihn sein Sohn besuchen. Seine Tochter, die Schauspielerin ist, muss an diesem Tag drehen.

Auf die kluge Frage an den notorischen Womanizer, ob er in seinem Leben genug geliebt habe, sagt er entschieden: "Mit Sicherheit nicht. Ich bin zweimal geschieden, das sagt doch eigentlich alles." Offenbar hat Jürgens zwischenmenschliches Scheitern durchaus als Niederlage verbucht, was ihn bei allem Selbstbewusstsein der Superstars sympathisch macht. "Früher dachte ich, dass ständiger Sex Glück bedeutet", bilanziert er. "Heute weiß ich, dass das Glück immer ein flüchtiger Vogel bleibt und man sich für vergangenes kurzes Glück später nichts mehr kaufen kann."

Das Schwerste im Leben, sagt Udo Jürgens, sei ohnehin, den Alltag zu bewältigen. Dann beieinander zu bleiben, wenn Zeiten und Gefühle alles andere als rosig sind und die Mühen der Ebene im Leben anstehen. Aus diesen Worten spricht die Angst des exzessiven Bühnenmenschen vor jenem Moment, da die Hotelzimmertür ins Schloss fällt und man alleine ist. Udo Jürgens hat das, trotz aller Groupies und zweier weiterer unehelicher Kinder, oft erlebt. Er ist aber auch sensibel und wach genug, sich an diese Momente zu erinnern.

Ebenso wie an die Tatsache, dass es nicht normal ist, mit 80 noch ein solches Pensum wie er zu schaffen. Vom 22. Februar bis zum 31. März 2015 geht es auf "Mitten im Leben"-Tour, 20 Termine stehen fest. Nach wie vor spielt der dann 80-Jährige in den größten Hallen, die Deutschland zu bieten hat. "Wenn du ein Abschiedslied, ein richtig gutes machst", sagt er in der ARD-Dokumentation von Hanns-Bruno Kammertöns und Michael Wech, "muss man den Tod durchhören durch das Lied". Derzeit könne er keine Abschiedslieder spielen, das ginge ihm zu nahe, gibt Udo Jürgens zu. "Das Alter ist vor allem eine Aufgabe", bilanziert der Superstar. Immerhin schlafe er heute gut, früher hatte er regelmäßig Albträume. Vielleicht ist der singende Begleiter mehrerer deutschsprachiger Generationen auf seiner Zielgerade doch ein wenig ruhiger und zufriedener geworden. Man möchte es diesem rastlosen, zweifelnden Sänger im Anzug fast gönnen.

Quelle: teleschau - der mediendienst