Ein Genie in Unterhosen

Ein Genie in Unterhosen





Anton Corbijn führte Regie bei "A Most Wanted Man", einem der letzten Filme mit Philip Seymour Hoffman

Nach einem Musiker-Biopic ("Control") und einem Thriller ("The American", mit George Clooney) nun also eine Romanverfilmung: John le Carrés Bestseller "A Most Wanted Man" (Start: 11.9.) wählte der Niederländer Anton Corbijn, der als Fotograf und Musikvideoregisseur den Look von Bands wie Depeche Mode oder U2 mitprägte, als sein drittes Kinoprojekt aus. Seinen in Hamburg spielenden Polit-Thriller widmete der 59-Jährige seinem Hauptdarsteller Philip Seymour Hoffman, der am 2. Februar 2014 in New York starb.

teleschau: Herr Corbijn, was interessiert Sie an Spionen?

Anton Corbijn: Ich finde die gar nicht so aufregend. Eher schon diese Situation nach dem 11. September ...

teleschau: Was meinen Sie genau?

Corbijn: Es geht darum, wie polarisiert die Welt seitdem ist. Eine Welt, die sich in Schwarz und Weiß aufteilt: Entweder gehörst du zu den Guten oder zu den Bösen. Dazwischen bleibt nur noch wenig grau. Das ärgert mich sehr. Der von Philip Seymour Hoffman gespielte Agent Bachmann betrachtet in "A Most Wanted Man" die Geschehnisse um ihn herum in dem Glauben, dass es immer noch grau gäbe. Der Film entstand im Jahr 2012, das Buch 2008, natürlich sind die Geschehnisse von 2001 ein Thema. Nie war die Situation aktueller als heute. Die Pole sind noch ausgeprägter. Das ist eine sehr beunruhigende Entwicklung. Die Welt würde davon profitieren, wenn sich jemand auf die Suche nach Lösungen für einige dieser Probleme konzentrieren würde.

teleschau: Hängt dieser "War on Terror" mit der Furcht vor Unbekanntem zusammen?

Corbijn: Unbedingt, darum geht es auch im Film. Da ist nichts, wovor man sich fürchten müsste, aber alle befürchten, dass etwas passieren könnte. Dabei gibt es keinen Bösewicht.

teleschau: Wie landete "A Most Wanted Man" eigentlich bei Ihnen?

Corbijn: (schmunzelt) Per Kurier. Sobald Regisseure mit der Postproduktion ihres aktuellen Filmes beginnen, bekommen sie allmählich neue Bücher geschickt, da die Produzenten annehmen, dass sie bald weiter arbeiten wollen. Während ich "The American" schnitt, erreichten mich viele Bücher und Drehbücher, darunter "A Most Wanted Man". Ich mochte es, mochte das Thema.

teleschau: Sie sind einer der letzten Regisseure, der mit Philip Seymour Hoffman zusammenarbeitete. Was hat diesen Schauspieler so Besonders gemacht?

Corbijn: Er kannte keine Ängste. Er war am Höhepunkt seines Schaffens angelangt. Er konnte einen Durchschnittstypen, wie diesen Günther Bachmann, in eine außergewöhnliche Figur verwandeln. Er brachte dieser Rolle so viel bei, entwickelte eine Sprache und eine Körpersprache für ihn. Er fand Antworten und verlieh ihm Tiefe. Es gibt in seiner Generation keinen anderen Schauspieler mit seinen unglaublichen Fähigkeiten.

teleschau: Stimmt es, dass Hoffman nur Unterhosen trug, als Sie ihn kennenlernten?

Corbijn: Das stimmt. Ich war morgens als Fotograf für eine "Vogue"-Fotoshooting mit ihm verabredet und nachmittags wollte ich ihn als Regisseur treffen. Durch Zufälle fielen die beiden Termine an einem Tag zusammen. Weil bei diesem großen Shooting eine Hose nicht optimal passte, musste die kurzfristig geändert werden und er saß in Unterhose da. So kam es, dass wir zu zweit im Raum zurückblieben, und er fragte mich, ob wir uns nicht über den Film unterhalten wollen. Die Situation war absurd.

teleschau: Wie lief die Zusammenarbeit am Set?

Corbijn: Es gibt sehr unterschiedliche Wege, Regie zu führen. Ich bin kein Diktator. Ich versuche bei meiner Arbeit ein Umfeld zu erschaffen, in dem Schauspieler ihre volle Kraft zeigen können. Philip nahm das sehr gut an und präsentierte mir schnell Dinge, über die wir nicht gesprochen hatten. So entwickelten sich einige Szenen einfach von selbst. Wenn du einen Schauspieler seines Kalibers dazu bringst, das zu tun, profitieren alle.

teleschau: Hätten Sie gern wieder mit ihm gedreht?

Corbijn: Selbstverständlich. Wir fanden eine so gute Arbeitsgrundlage, dass Philip unbedingt wieder mit mir arbeiten wollte. Wir blieben in Kontakt und wurden Freunde. Wir mochten uns ungemein ...

teleschau: Hoffman starb an einem Drogencocktail. Was glauben Sie: Warum entwickeln so viele große Schauspieler und Musiker Süchte?

Corbijn: Diese Menschen wollen Künstler sein. Sie lassen sich mehr als andere darauf ein, zu sehen, wie sie selbst funktionieren. Sie suchen nach Wegen abseits der üblichen. Einige gehen sehr weit, um herauszufinden, wie sie noch bessere Sachen erschaffen können. Ich habe eine Menge Menschen fotografiert, die mittlerweile verstorben sind. Das waren viele Menschen, für die das Leben sehr schwer war und die gleichzeitig sehr beeindruckende Künstler waren. Niemand sollte deshalb sterben müssen. Ich habe daran überhaupt kein makaberes Interesse. Ich denke an viele sehr interessante Menschen, die es einfach nicht geschafft haben, ihr Leben zu genießen. Das ist sehr schwierig und traurig.

teleschau: Vor zwei Jahren erschien Klaartje Quirijns "Anton Corbijn Inside Out". Eine Dokumentation, die Sie als einen Menschen zeigt, der beinahe rastlos und immer unterwegs ist. Was treibt Sie an?

Corbijn: Keine Ahnung, vielleicht meine protestantische Arbeitsethik? Ich mag es, zu erschaffen. Das wollte ich immer tun. Der Film zeigt mich eher als Menschen und weniger als Künstler. Das ist nicht das, was ich wollte. Aber das, was daraus wurde.

teleschau: In der Dokumentation gibt es einen sehr bewegenden Moment. In diesem erzählt Ihnen Ihre Mutter, dass Ihr Vater nicht der Mann ist, den sie immer liebte.

Corbijn: Menschen, die wie sie an Alzheimer erkranken, verwandeln sich wieder ein Stück weit in Kinder - und sagen die Wahrheit. Ich wusste nichts davon. Das ist so verrückt. Mir tat es unheimlich Leid für sie, dass sie mit jemand so lange lebte, der nicht ihre größte Liebe war. Dank der Doku gibt es nun Filmmaterial von meiner Mutter und mir, das ich vorher nicht hatte. Das ist ein Schatz für mich.

teleschau: Es gibt dieses Zitat von Metallica-Sänger James Hetfield, das Ihre Arbeit als Fotograf auf den Punkt bringt: "Er kann jeden cool aussehen lassen." Hat er recht?

Corbijn: Ich bin mir nicht sicher, ob ich Leute cool aussehen lassen kann, aber ich bemühe mich, interessante Fotos zu schaffen, die den Menschen und dessen Persönlichkeit reflektieren. Es ist die Kombination von Dingen, wie beim Malen. Es geht um die Materialien, die du benutzt, den Moment, den richtigen Look und all das. Daraus entsteht die Handschrift des Fotografen, denn wir arbeiten alle mit den gleichen Kameras.

teleschau: Damit haben Sie eine ganze Reihe großer Bands der Musik-Historie geprägt. Nehmen wir Depeche Mode: Der Look, den Sie für sie kreierten, ist unheimlich wichtig, um die Musik zu unterstreichen.

Corbijn: Depeche Mode ist tatsächlich ein Sonderfall für mich, da ich bei denen viel mehr in die Band integriert war als bei allen anderen Bands, mit denen ich gearbeitet habe. Mehr als etwa bei U2. Die brauchten jemand, der sich um Dinge kümmert. Gerade diese visuelle Seite war bei Depeche Mode unterentwickelt, als ich bei ihnen anfing. Ich brachte da viel ein und erschuf ein Bild von einer Band, das heute viele mit mir teilen.

teleschau: Wie begleitet Musik Ihr Leben?

Corbijn: Musik ist großartig, um Stimmungen zu erschaffen. Gestern hörte ich Ennio Morricone, und das veränderte sofort meine Laune. Aber Musik spielt nicht mehr ganz die Rolle, die sie spielte, als ich jünger war. Da ging es immer um Leben und Tod. Ich habe aber immer noch ein Problem damit, wenn Leute Musik als "nett" beschreiben. Musik war nie "nett" für mich. Musik ist für mich ein ernstes Thema, sie hat mir immer mehr als das bedeutet. Sie hat mich motiviert, das zu tun, was ich heute tue. Sie hat mir eine Idee von der Welt da draußen vermittelt. Die war viel interessanter, als das Leben in dem Dorf auf der kleinen Insel, auf der ich geboren wurde.

teleschau: Wie entstand die Filmmusik zu "A Most Wanted Man"?

Corbijn: Ich habe die Musik zusammen mit Herbert Grönemeyer ausgesucht. Wir konzentrierten uns auf wenige Songs von Deutsch Amerikanische Freundschaft, weil ich dachte, dass die perfekt passen. Das werden nicht viele bemerken, aber die, denen es auffällt, werden das Gefühl teilen.

Quelle: teleschau - der mediendienst