Christopher Lee

Christopher Lee





Der Charismatische

"Nein, haben Sie nicht", lautete seine Lieblingsantwort, wenn jemand behauptete, all seine Filme gesehen zu haben. Das habe nicht einmal er selbst. Knapp 70 Jahre lang arbeitete Christopher Lee ohne Unterlass, bis er selbst den Überblick verlor, wie viele es nun tatsächlich waren. Knapp 300, habe man ihm einmal gesagt. Und doch wird der britischen Schauspiellegende, die nun im Alter von 93 Jahren in London verstarb, vor allem als "Dracula"-Darsteller gedacht werden.

"Dracula hat mir fast alles Blut ausgesaugt", behauptete Christopher Lee einst. Zwar habe der Vampirfürst, den er erstmals 1958 in "Dracula" spielte, ihn berühmt gemacht, andererseits wurde Lee durch ihn auf einen Rollentyp festgelegt. Wer erinnert sich schon an die Filme, in denen Christopher Carandini Lee den gutherzigen Liebhaber spielte? Mit seinem zynischen Lächeln, der Größe eines Goliaths (1,95 Meter) und seiner prägnanten Stimme schien der Brite wie geschaffen dafür, den sinistren Schurken zu geben. Dabei hätte er mit Dracula im Grunde doch nur eines gemein gehabt, beklagte Lee einmal im "Guardian": "Wir waren beide das peinliche Familienmitglied einer großen und noblen Familie."

Tatsächlich soll seine Mutter, eine Contessa aus einem alten Adelsgeschlecht, alles andere als begeistert gewesen sein, als ihr Sohn nach seiner Rückkehr aus dem Zweiten Weltkrieg die Künstlerlaufbahn einzuschlagen gedachte - obwohl ihre eigene Großmutter Marie Carandini doch in Australien als Opernsängerin berühmt geworden war. Auch Christopher Lee versuchte es zunächst an der Oper, mit mäßigem Erfolg. 1947 stand er für "Im Banne der Vergangenheit" zum ersten Mal vor der Kamera. Es folgten Kurzauftritte in Filmen wie "Der rote Korsar" oder "Panzerschiff Graf Spee" (1956) - bis man ihm 1958 die Rolle des Monsters in "Frankensteins Fluch" und die ses Dracula anbot. Die Horrorikone Lee war geboren.

Derweil träumte Lee, der sich im Laufe seines langen Lebens viele Sprachen aneignete, von ganz anderen Projekten: "Man hat mir sogar Rollen in 'Dallas' und 'Denver Clan' angeboten - aber das mag ich nicht. Ich träume von Don Quichote, und Iwan den Schrecklichen würde ich auch gerne spielen." Erfüllt wurden ihm diese Wünsche nicht, nicht einmal sein allergrößter - den Dracula einmal so darzustellen, wie ihn Bram Stoker in seinem Roman beschreibt. Nur dann, so erklärte Lee einmal, könnte er endgültig von der Vampir-Rolle Abschied nehmen. Doch in Francis Ford Coppolas werkgetreuer Verfilmung bekam nicht er die Rolle, sondern der wesentlich jüngere Kollege Gary Oldman.

Gut beschäftigt sollte Lee, der seit 1961 mit dem dänischen Ex-Model Birgit Kroencke verheiratet war und eine Tochter hat, dennoch sein Leben lang bleiben: Allein für Tim Burton stand er seit 1990 fünfmal vor der Kamera, Peter Jackson engagierte ihn für seine "Der Herr der Ringe"- und "Hobbit"-Trilogien, Bille August für eine Rolle in "Nachtzug nach Lissabon". Einen seiner größten Erfolge feierte er 2002 und 2005, als er als "Count Dooku" Teil der neuen "Star Wars"-Saga wurde. Schauspielerei im Alter bereite ihm keine Probleme, betonte er noch als 91-Jähriger - er müsse dabei nun nur öfter sitzen.

Seine zweite Leidenschaft galt der Musik. Lee war ausgebildeter Opernsänger, veröffentlichte einige CDs und lieh immer wieder Metal-Bands seine markante, tiefe Stimme.

In der Schauspielbranche indes wird Christopher Lee vor allem als eine der freundlichsten und bescheidensten Erscheinungen seiner Zunft in Erinnerung bleiben. Allüren, so wird stets erzählt, seien ihm fremd gewesen. "Als Star", sagte er einmal, "habe ich mich nie gesehen. Ein Star ist für mich ein echter Gigant, aber ich frage mich schon, wo heute diese Giganten sein sollen. Die Tracys, die Coopers, die Flynns."

Sir Christopher Lee, den Titel trug er seit Mitte 2009, als er von Königin Elisabeth II. in den Rang eines Knight Bachelors erhoben wurde, starb in einem Krankenhaus in London an den Folgen einer Atemwegserkrankung.

Quelle: teleschau - der mediendienst