Liam Neeson

Liam Neeson





"Wie Schiffe, die nachts aneinander vorbeifahren"

Selten trifft man Menschen, deren äußere Erscheinung und Charakter so weit auseinanderdriften wie bei Hollywood-Star Liam Neeson. Gemächlich bewegt er seine riesige und breit gewachsene Gestalt in den Sessel eines Empfangszimmers im Berliner Adlon. Neugierig blickt der 62-Jährige mit funkelnden Augen und verschmitztem Lächeln um sich, hört aufmerksam und interessiert zu. Neeson, auf Werbetour für seinen neuen Film "Ruhet in Frieden - A Walk Among The Tombstones" (Start: 13.11.), bildet den größtmöglichen Kontrapunkt zum schnelllebigen Medien- und Filmgeschäft. Bedächtig wählt der Vater zweier Jungen seine Antworten, um schließlich, beseelt von beinahe meditativer Ruhe und bisweilen kaum hörbar, zu sprechen. Was allerdings auch an der Erkältung liegen kann, die der 62-Jährige hör- und sichtbar mit sich herumschleppt.

teleschau: Wie geht es Ihnen?

Liam Neeson: Ach, etwas angeschlagen bin ich, die Flüge machen krank, vor allem die Luft, die man dort atmet ...

teleschau: Die Luft aus der Klimaanlage?

Neeson: Nein, ich meine eher, dass man in Flugzeugen sechs oder sieben Stunden lang die Luft aller Passagiere einatmet. Es braucht nur eine erkältete Person, und schon geht das Ganze wieder los.

teleschau: Erleben Sie das jedes Mal?

Neeson: Meistens schon. Obwohl ich immer Kräuter und das ganze Zeug nehme, damit es besser wird. Naja, es geht immer auch wieder vorbei. Aber ich habe mich ja nicht nur körperlich schlecht gefühlt. Wirklich unangenehm war es auf dem Filmfest Zürich. Ich stellte meinen neuen Film vor, unglaublich viele Fans waren vor Ort. Normalerweise gebe ich auf diesen Festivals gern Autogramme, aber diesmal hielt mich das Fieber davon ab. Ich wollte niemanden berühren, um meine Bakterien nicht zu verbreiten. Deshalb habe ich einige Buh-Rufe bekommen, was mich wirklich sehr geärgert hat. Alles was ich tun konnte, war dort zu stehen und der Presse zu sagen: "Bitte schreibt etwas darüber, dass es mir wirklich leid tut und dass ich eigentlich immer Autogramme gebe."

teleschau: Normalerweise sind Sie aber gern bei Festivals?

Neeson: Ja, ich mag diese Zusammentreffen wirklich, sie setzen einen Fokus auf das Filmgeschäft und feiern das Kino also solches ebenso wie neue Ideen. Aus diesem Grund wirken Festivals für alle aus dem Filmgeschäft so unterstützend.

teleschau: Haben Sie bei solchen Besuchen und Promotion-Touren eigentlich Zeit, die jeweiligen Städte kennenzulernen?

Neeson: Das ist sehr schwierig. Die Zeitpläne sind so komprimiert, vor allem durch die Interviews. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich mag es, Interviews zu geben. Aber nachher fliegen wir nach Paris und dort geht das Ganze von vorne los. Von Berlin werde ich nicht viel sehen. Aber ich komme seit 20 Jahren her, und ich kenne mich ein bisschen aus.

teleschau: Was gefällt Ihnen am besten?

Neeson: Dass die Stadt so jung ist, sie scheint immer jünger zu werden. Sie ist voller Energie und so lebhaft. Nur kurz nach dem Fall der Mauer habe ich nahe Potsdam einen Film gedreht, da gab es hier ein ganz anderes Gefühl. Es hat sich einfach sehr gewandelt.

teleschau: Alles verändert sich sehr schnell ...

Neeson: Manche haben mich gefragt, wie das Nachtleben hier so ist. Aber ich gehe eigentlich nachts nicht wirklich aus, vielleicht in ein paar Restaurants. Doch Kollegen von mir, die in Clubs gehen, sagen, das Nachtleben sei fantastisch.

teleschau: Treffen Sie viele Kollegen bei Festivals oder unterwegs?

Neeson: Tja, in Zürich wusste ich beispielsweise, dass Diane Keaton da ist, aber ich hatte keine Gelegenheit sie zu treffen, ebenso wenig wie John Malkovich und Peter Fonda. Wir sind wie Schiffe, die nachts aneinander vorbeifahren. Das ist unglücklich gelaufen, auch weil ich mich mit dem Fieber ja so miserabel fühlte. Bei jeder Gelegenheit, die sich bot, kroch ich wieder ins Bett.

teleschau: Wie bekämpfen Sie Ihre Erkältung?

Neeson: Viel Wasser trinken. Und auf Reisen nehme ich immer so eine Vitamin-B12-Flüssigkeit, die man für zehn Sekunden unter die Zunge legen muss. Die gibt's in Großbritannien. Dadurch bekomme ich immer neue Energie. Apfelessig hilft mir sehr gut, ebenso kalte Ölkompressen. Ich versuche alles. Manchmal funktioniert es, manchmal nicht.

teleschau: Sie haben ja auch nicht wirklich die Möglichkeit zu sagen: "Ach, heute melde ich mich krank" ...

Neeson: Nein, man muss es durchziehen. Und das möchte ich ja auch. Schließlich bin ich auf meinen neuen Film wirklich sehr stolz.

teleschau: Der Charakter, den Sie in "Ruhet in Frieden" verkörpern, ähnelt zunächst Ihren vorherigen Rollen, entwickelt sich dann aber ganz anders, ruhiger und weniger actionreich.

Neeson: Das stimmt, der Charakter erinnert mich an die Anti-Helden aus dem Kino, mit denen ich aufgewachsen bin. Beispielsweise Robert Mitchum, der in den 40er- und 50er-Jahren ein berühmter Hollywood-Star war. Bekannt wurde er in seiner Rolle als Philip Marlowe, er spielte diese Art antisozialen Privatermittler in den düsteren Schwarz-Weiß-Filmen dieser Zeit. Als ich ein Teenager war, wirkten diese Charaktere sehr anziehend auf mich, sie waren so freudlos und zwielichtig, hatten immer einen Fuß in der kriminellen Unterwelt und bewegten sich in moralischen Grauzonen. In den 60-ern spielte dann Steve McQueen einige dieser Rollen, in den 70er- und 80er-Jahren war es Clint Eastwood, insbesondere in "Dirty Harry". Die sind sich alle ähnlich: einsam und mysteriös.

teleschau: Auch wenn Ihr Charakter diesmal nicht der ballernde Action-Typ ist, nehmen Sie doch immer wieder diese Art von Rollen an. Wie kommt das? Könnte man Ihnen auch mal, sagen wir, mit einem Superhelden-Part kommen?

Neeson: Naja, ich habe immerhin schon einen Jedi gespielt. Sicher, es war ein einsamer Jedi, der auch actionreich kämpft. Aber viel besser, als einen Jedi zu spielen, wird es wohl nicht. Einen Jedi, der zudem der Mentor von Obi-Wan Kenobi und dem aufsteigenden Darth Vader ist. Das ist schon ziemlich cool, würde ich sagen. Außerdem habe ich in letzter Zeit keinerlei wirklich funkelnden Rollen zu Gesicht bekommen.

teleschau: Wie sehen denn Ihre Pläne in nächster Zeit aus?

Neeson: Es stehen zwei oder drei weitere Thriller an, die wir hoffentlich in den nächsten zwei Jahren produzieren werden und dann lass ich es erst einmal ruhiger angehen.

teleschau: Sie haben in den vergangenen Jahre wirklich viel gedreht und waren dauernd unterwegs. Wie organisiert man so etwas?

Neeson: Man tut es einfach. Meine zwei Söhne sind jetzt 18 und 19, die können mittlerweile auf sich selbst aufpassen. Die vergangenen paar Filme, also "Non-Stop", "Ruhet In Frieden" und einer namens "Run All Night", der im nächsten Jahr kommt, wurden alle glücklicherweise in New York gedreht. So konnte ich jeden Abend in meinem eigenen Bett schlafen und meine Jungen sehen. Was die anschließenden Promotion-Touren angeht: Ich mag es, das zu tun, schließlich bin ich ein Teil der Filme und kann vielleicht ein paar Leute dazu bewegen, sie sich anzuschauen. Das Kino ist schließlich immer noch ein wundervolles Erlebnis.

teleschau: Gerade, wenn man sich das bisweilen dürftige Fernsehprogramm ansieht.

Neeson: Ja, in den USA ist das auch so, dieser ganze Reality-TV-Kram. Andererseits, ich weiß nicht, wie das in Deutschland ist, aber die Kabelsender bei uns produzieren grandiose Drama-Serien. Eine davon habe ich vergangene Woche geschaut, an drei Tagen am Stück mit meiner kleinen genialen Apple-Box. "Fargo" heißt die Serie, basierend auf dem Coen-Film. Wenn Sie Gelegenheit haben, das zu schauen, tun Sie es! Wundervoll geschrieben, toll gespielt und es lässt einen die ganze Zeit im Ungewissen. Ich konnte abends nicht warten, wieder nach Hause zu kommen, um weiterzuschauen.

teleschau: Was schauen Sie noch so?

Neeson: Ich liebe "Game Of Thrones", es ist fantastisch, nicht zuletzt auch, weil es zum Teil in meiner Heimat Nordirland gedreht wurde. Sie haben es in den Titanic Studios umgesetzt, dort wo früher die Werft war, in der die Titanic gebaut wurde. Die Serie wurde zudem in vielen anderen Locations in Nordirland gedreht. Ich kann kaum auf die nächste Staffel warten. Mein ältester Sohn hat nun auch noch begonnen, die Bücher zu lesen, das habe ich nicht. Dafür kenne ich einige der Schauspieler. Es ist einfach unglaublich gut, Schwerter und Zauberei, naja, Sie kennen es ja.

Quelle: teleschau - der mediendienst