Mea Culpa - Im Auge des Verbrechens

Mea Culpa - Im Auge des Verbrechens





Mein Papa, der Held

Der kleine Théo, gespielt vom französischen Nachwuchsstar Max Baissette de Malglaive, sieht einfach zu viel rohe Gewalt. Insofern passt der Titelzusatz "Im Auge des Verbrechens", den der deutsche Verleih Fred Cavayés Thriller "Mea Culpa" angedeihen ließ. Als Zeuge eines Bandenmordes wird Théo von einem behelmten, schwarz gekleideten Motorradfahrer über Marseiller Höfe bis in eine aufgegebene Fabrikhalle gejagt. Bevor das Messer des Killers Théo erwischt, kann dessen Vater Simon (Vincent Lindon) den Angreifer niedergeschlagen. Doch das ist erst der Anfang eines erbitterten Zweikampfs. Umso größer die Irritation, dass Simon seinem Sohn bloß zuruft: "Versteck dich!" statt: "Lauf weg!" Wie Theo aus dem Versteck der grausamen Auseinandersetzung zuschaut, erscheint sensationsheischend und fragwürdig.

Dabei besteht zunächst für Bedenken wenig Anlass, braucht der Film doch eine Weile, um auf der Blutspur Fahrt aufzunehmen. Vorgestellt werden vereinsamte Menschen. Nach einem Verkehrsunfall in angetrunkenem Zustand mit tödlichen Folgen für eine junge Mutter und ihr Kind musste Simon den Polizeidienst quittieren. Erdrückt von seiner Schuld, verlässt er seine Frau Alice (Nadine Labaki) und schlägt sich als Wachmann durch. Alice jobbt als Kellnerin und erzieht Théo mit Unterstützung von Simons ehemaligem Kollegen Franck (Gilles Lellouche).

So weit, so trist. Zwischen Nahaufnahmen von Vincent Lindons melancholisch-markigem Gesicht vor grauen Regenvorhängen, Alice' Stress mit ungehobelten Gästen und Théos Fragen nach seinem Vater werden allerdings ein paar Morde eingeschoben, fast Exekutionen. Einen davon sieht Théo, und er wird zur Zielscheibe der russischen Mafia. Weil die Polizei seinen Sohn nicht schützen kann, stiehlt Simon für sich und Franck schwere Waffen von seiner Sicherheitsfirma und eröffnet das Feuer auf die Gangster - egal, ob auf der Straße, in einem Zug oder in der Disco.

Allerdings ist Thriller-Routinier Fred Cavayé, der mit Lindon und Diane Kruger zum Beispiel "Ohne Schuld" gedreht hat, der hierzulande nur auf DVD herauskam, im Kugelhagel weniger zu Hause als bei der tödlichen Umklammerung. Wenn bluttriefende Männer einander die Kehle abdrücken oder aufschlitzen wollen, hat der Regisseur auch die Zuschauer im Griff. Jenseits des nervenzerfetzenden Nahkampfs stolpern sie jedoch über Klischees vom verpfuschten Leben, gravierende Inszenierungsfehler, mangelnde Plausibilität und eine mehr als zweifelhafte Glorifizierung vom Papa als tüchtiger Held, der die Bösen ausradiert.

Mit unschöner Regelmäßigkeit muss Théo hautnah mit ansehen, wie sein Vater das Handwerk des Tötens vollbringt. Einmal umarmt ihn dabei sogar seine Mutter. Fast sieht es aus, als hielte sie seinen Kopf wie im Schraubstock, damit er auch ganz genau hinsieht und stolz sein darf. An diesen Stellen rutscht "Mea Culpa - Im Auge des Verbrechens" in die unterste Schublade des Exploitation-Kinos. Blut mag dicker als Wasser sein - aber eignet sich Blutzoll als Kitt einer gestörten Vater-Sohn-Beziehung?

Nicht auf den Schuldkomplex Simons vertrauend, eben jene "mea culpa" des Originaltitels, wird Gewalt undifferenziert als Beweis von Männlichkeit und väterlicher Sorge zelebriert. Die Penetranz, mit der Fred Cavayé dabei zu Werke geht, lässt an der Absicht keinerlei Zweifel. Man wünscht dem durchaus talentierten Regisseur und Autor das rechte Maß zurück, das "Ohne Schuld" auszeichnete.

Quelle: teleschau - der mediendienst