Nowitzki - Der perfekte Wurf

Nowitzki - Der perfekte Wurf





"Wie ein Bruder ..."

Eins, zwei, drei. Die Sportschuhe quietschen auf dem Hallenboden. Eins, zwei, drei. Dirk Nowitzki geht mal drei Schritte nach vorne, mal drei zur Seite, mal dreht er sich um die eigene Achse. Und immer wieder steigt er nach oben und wirft den orangen Ball in den Korb. Stundenlang, jeden Sommer das gleiche Ritual in einer kleinen Halle in der fränkischen Provinz. Rattelsdorf - da klingelt's bei jedem deutschen Basketball-Fan. In der Gemeinde bei Bamberg wurde und wird noch heute an einem der besten Basketballer aller Zeiten geschliffen. Seit fast 20 Jahren. Auch das macht diesen Dirk Nowitzki so ursympathisch. Er ist ein Arbeiter, "einer von uns". Sebastian Dehnhardt begleitet für seine Dokumentation "Nowitzki - Der perfekte Wurf" den Superstar auch dorthin, wo der Grundstein gelegt wurde.

Holger Geschwindner ist Dirk Nowitzkis langjähriger persönlicher Trainer und Berater. Wer all die Geschichten über den "verrückten Professor" (O-Ton von Nowitzkis Ex-Kollegen Michael Finley) noch nicht kannte, wird nicht glauben, dass dies der Ernst des 68-Jährigen sein kann. Dass er mit solchen Methoden den aktuell zehntbesten NBA-Korbschützen aller Zeiten formte. Nowitzki musste sich zu Jazz bewegen, Froschsprünge durch die ganze Halle machen und nach Geschwindners mathematischen Berechnungen den "perfekten Wurf" trainieren. Um "Krümmungsradien" geht es dabei. Der studierte Mathematiker und ehemalige Kapitän der deutschen Basketballnationalmannschaft erklärt seine Theorien später in die Kamera - mithilfe seines selbstgeschriebenen Computerprogramms. Man kann darüber den Kopf schütteln, man kann aber auch köstlich darüber lachen.

Wer bereits davon gehört hat, wer Nowitzkis Karriere bis hierhin verfolgte, der bekommt nun endlich auch Bilder zu all diesen Geschichten geliefert. Es ist die Bestätigung dieses "angewandten Unsinns" in Farbe. Und das macht "Nowitzki - Der perfekte Wurf" so besonders: Fans des Sports, Fans des "Blonden", dürfen sich 106 Minuten lang zurücklehnen und genießen, nochmals alle Stationen einer großen Karriere abklappern, von den verlorenen NBA-Finalspielen 2006 bis zur erfolgreichen Revanche gegen die Miami Heat fünf Jahre später. Der Film zeigt die Entwicklung eines 14-jährigen sportbegeisterten Jungen bis hin zum weltberühmten und dennoch bescheidenen Familienvater.

Unbedarfte bekommen dagegen eine Geschichte von einem Riesen erzählt, die mit jedem gesprochenen Wort ein warmes Gefühl vermittelt. Regisseur Sebastian Dehnhardt ("Klitschko") begleitete über zwei Jahre hinweg den Würzburger, interviewte prominente Begleiter wie die Basketball-Stars Kobe Bryant, Steve Nash und Jason Kidd, die Verantwortlichen von Nowitzkis Team, den Dallas Mavericks, sowie die Familie des Fahnenträgers des deutschen Olympia-Teams 2008.

Genügend Leute also, eingeladen zum Bauchpinseln. Genügend auch, um den Zuschauer etwas den Überblick verlieren zu lassen. Aber schöne Worte gehören zu einer solchen Starverehrung genauso wie schöne Bilder. Ohnehin wird es bei Dirk Nowitzki schwierig gewesen sein, auch nur einen zu finden, der etwas Schlechtes zu sagen hätte. Ehemalige Sportlehrer, enge Freunde, Journalisten - alle sind sich einig über den 2,13-Meter-Mann. Selbst die unliebsamen Episoden, etwa die über Nowitzkis Ex-Verlobte, die sich als Betrügerin entpuppte, ändern daran nicht viel.

Es ist ein schönes Gemälde mit musikalischen Farbtupfern aus mal ranzigem Blues-Rock, der den weißen Basketballer sogar ungewohnt cool dastehen lässt, oder lustig-fipsigen Tönen, die dem Provinziellen in den Rattelsdorf-Szenen ein Augenzwinkern verleihen. Ohne das kommen auch die vielen Blicke zurück nicht aus. Zum Beispiel der auf einen jungen Kerl mit fiesem Mittelscheitel und Ohrring, der vom neuen Verein eine Ziehmutter verpasst bekommt, weil er scheinbar nicht weiß, wie man Gehaltsschecks einlöst: "Er ist für alle wie ein Bruder. Er lässt die Menschen an sich ran", sagt die gute Seele heute über Nowitzki. In den USA, wo (Basketball-)Stars gerne den abgehobenen Pfau geben, hat man das längst begriffen. Wird also Zeit, dass Nowitzkis Geschichte auch hierzulande mal groß erzählt wird. Und da darf das Quietschen des Rattelsdorfer Hallenbodens einfach nicht fehlen.

Quelle: teleschau - der mediendienst