Chakuza

Chakuza





Im Schmerz liegt Wahrheit

Er hat das "Monster in mir" - so der Titel seines 2010er-Albums - inzwischen zumindest ansatzweise besänftigt. Rapper Chakuza, einst Straßenrapper und bei Bushidos Label ersguterjunge unter Vertrag, leitete im vergangenen Jahr einen musikalischen Kurswechsel ein: Auf "Magnolia" verkündete er zu düsteren Soundlandschaften schmerzhafte persönliche Wahrheiten. "Mir war es wichtig, meine Musik zu verändern, um selbst wieder klarzukommen", erklärt der 33-Jährige im Gespräch. Der Imagewandel geht nun weiter: Auch für sein neues Album "Exit" (VÖ: 05.09.) nahm sich der gebürtige Linzer und Wahlberliner die "Freiheit zur Veränderung". Im Interview spricht der Österreicher aber nicht nur über seine neue Platte, sondern auch über Kritik, Alkohol und Stadtflucht.

teleschau: Ein Song auf dem neuen Album heißt "Gegenwind". Offensichtlich gibt es also immer wieder Dinge, gegen die Sie ankämpfen müssen. Nervt Sie das?

Chakuza: Das ist halt so. Mittlerweile motze ich aber zurück, wenn es mir gegen den Strich geht. Warum soll ich mich immer kommentarlos kritisieren lassen? Wenn mir irgendwelche Facebook-Kommentare auf den Sack gehen, dann sage ich den entsprechenden Leuten auch, dass sie ihr Maul halten sollen. Ich bin schließlich kein Zirkusaffe, der sich alles gefallen lässt. Ich verstehe auch deren Motivation nicht. Wenn die mich nicht mögen, sollen sie sich mein Zeug doch nicht anhören und mich in Ruhe lassen.

teleschau: Eines der Übel der sozialen Medien. Früher hätten die Leute zu einem hingehen müssen, aber ins Gesicht sagt einem natürlich niemand, wenn er einen nicht mag. Heute, mit der Anonymität des Internets, fühlen sich die Kritiker sicher.

Chakuza: Ich habe ja auch nichts gegen Kritik, aber der Ton macht die Musik. Und wenn man mich auch noch persönlich angreift, werde ich irgendwann sauer. Das hat dann nichts mehr mit meiner Musik zu tun, und das lasse ich mir nicht gefallen. Niemals.

teleschau: Sie sagten mal, dass Sie sich mit Ihrem Vorgängeralbum "Magnolia" komplett gedreht und Ihre Musik dadurch noch einmal neu entdeckt hätten. Welche Dinge waren das konkret?

Chakuza: "Magnolia" war der Startschuss für etwas Neues. Heute kann ich mir die Platte aber nur noch schwer anhören, weil ich weiß, wie schlecht es mir damals ging. Bei "Exit" fand ich jetzt hingegen genau den Weg, den ich einschlagen wollte. Das ist für mich annähernd ein perfektes Album geworden.

teleschau: Für die Aufnahmen gingen Sie nach Holland und arbeiteten mit dem Indie-Kollektiv In Vallis zusammen - was wäre denn passiert, wenn Sie diese Leute nicht kennengelernt hätten?

Chakuza: Wahrscheinlich würde ich immer noch ohne Platte zu Hause sitzen. (lacht) Ich war einfach komplett abgeturnt von allem und jedem und hatte keine Lust mehr, Mucke zu machen. Nach "Magnolia" fiel ich in ein richtig tiefes Loch.

teleschau: Aber warum denn? Die Verkaufszahlen waren gut und die Resonanz größtenteils auch.

Chakuza: Ja, das stimmt. Aber wenn ich "Magnolia" heute höre, dann weiß ich eben auch, wie es mir zu der Zeit ging. Das war ein kompletter Seelenstrip für mich. Ich kann mich auch gar nicht mehr richtig an die Zeit erinnern, als ich die Platte schrieb. Das ist ein bisschen so, wie wenn man weiß, dass man etwas geträumt hat, aber nicht mehr weiß, was es genau war. Ich erinnere mich nur noch an Leere.

teleschau: Was war denn los?

Chakuza: Erst starb meine Mutter, dann ein Onkel, dann meine Großeltern. Binnen kürzester Zeit brachen mir 80 Prozent meiner Familie weg, und das warf mich natürlich krass aus der Bahn. Den Schmerz darüber kann ich immer noch aus der Platte heraushören. Hinzu kommt: Wenn es mir nicht gut geht, flüchte ich mich schnell in den Alkohol. Damit habe ich es damals leider auch ein bisschen übertrieben.

teleschau: Trinken Sie heute auch noch viel?

Chakuza: Nein, das sind bei mir immer Phasen. Beim Musikmachen schalte ich alles um mich herum ab, da befinde ich mich dann in einer Kreativphase, die gleichzeitig eine Selbstzerstörungsphase ist. Aber irgendwie brauche ich das auch, denn nur dann bin ich gut. Normalerweise mache ich viel Sport und ernähre mich gesund, aber sobald ich mich an ein Album ransetze, geht bereits das erste Bier auf.

teleschau: Dann brauchen Sie solche Rückschläge im Leben sogar, um eine Platte machen zu können?

Chakuza: So traurig das klingt: ja. Sobald etwas in meinem Leben passiert, das mich abfuckt, führt das gleichzeitig dazu, dass ich wieder eine Platte machen kann. Das ist immer der Startschuss: Ein großer Abfuck plus Alkohol ergibt ein Chakuza-Album. (lacht)

teleschau: Welcher "Abfuck" war das konkret bei "Exit"?

Chakuza: Verschiedene Dinge. Freunde haben mich abgefuckt, geschäftlich lief es nicht so, dann gab es den obligatorischen Stress mit dem Finanzamt, den so ziemlich jeder Künstler kennt. Da kam vieles zusammen. Irgendwann machte es dann "Peng", und ich konnte anfangen zu schreiben.

teleschau: Für Sie als Künstler wäre es also schlecht, wenn es Ihnen gut ginge?

Chakuza: Ja, dann bin ich komplett unkreativ. Es darf mir nicht gut gehen, um gute Musik machen zu können.

teleschau: Suchen Sie deshalb manchmal auch unterbewusst Stress?

Chakuza: Ja, leider. Und das nervt nicht nur mich selbst, sondern natürlich auch alle meine Freunde und Freundinnen, wenn ich mir selbst Probleme mache.

teleschau: Im Song "Drehscheibe" sagen Sie, dass Sie eigentlich mit 30 eine Familie, ein Haus und ein großes Auto haben wollten - das hat nicht so ganz geklappt. Sind das immer noch Ziele von Ihnen?

Chakuza: Das ist aus der Vergangenheit gesprochen, mittlerweile sind mir solche Dinge egal. Meine Freundin hat meine letzte Karre auch vor ein paar Wochen zu Schrott gefahren: Totalschaden. Ihr ist aber zum Glück nichts passiert. Die Familie wird aber kommen, wenn die Zeit dafür reif ist. Ich bin da ganz gechillt - und momentan eh viel zu beschäftigt, um mir darüber Gedanken zu machen.

teleschau: Zumindest ziehen Sie jetzt aus Berlin weg - nach Bayern. Wieso?

Chakuza: Ich bin seit zehn Jahren in Berlin, feierte dort jede Party und habe mittlerweile einfach keinen Bock mehr darauf - und was soll ich dann noch dort? Nun ziehe ich mit meiner Freundin zu meinen Schwiegereltern auf das Areal eines alten Gutshofs, um den ein paar Häuser herumstehen, und in einem von denen werden wir wohnen. Da gibt es auch ein paar Ställe, wo man sich Pferde oder Hunde halten kann. Das ist der Shit! (grinst)

teleschau: Auf dem nächsten Album rappen Sie dann also über Pferde, Hunde und Bienen?

Chakuza: (lacht) Nein, da muss man keine Angst haben. Ich bin ja viel unterwegs und behalte auch ein Zimmer in Berlin. Aber wenn mich die Stadt nervt, dann möchte ich wegkönnen. Mein Zimmer in Berlin und mein neues Zuhause in Bayern geben mir eine gute Balance. Außerdem: Mit dem Umzug setze ich das "Exit"-Motto auch im Privatleben um. Richtig gut - genau wie die Platte.

Chakuza auf Deutschland-Tournee:

09.12., Dortmund, FZW

10.12., Köln, Underground

11.12., Nürnberg, Hirsch

14.12., Berlin, C-Club

16.12., Leipzig, Täubchental

17.12., Hannover, Musikzentrum

18.12., Mannheim, Sellerei

21.12., München, Backstage

06.01.2015, Hamburg, Knust

07.01.2015, Bremen, Tower

08.01.2015, Stuttgart, Wagenhallen

09.01.2015, Augsburg, Kantine

10.01.2015, Fulda, Kreuz

11.01.2015, Karlsruhe, Substage

Quelle: teleschau - der mediendienst