Luke Evans

Luke Evans





Ein hart arbeitender Soul Man

Luke Evans ist einer der neuen Hollywood-Shootingstars. Bis vor wenigen Jahren kannte man den heute 35 Jahre alten Waliser nur aus dem Londoner Westend. Dort spielte er Theater und sang in Musicals. Auf der Leinwand wird es für den offen schwul lebenden Schauspieler nun deutlich düsterer. Im anvisierten Blockbuster "Dracula Untold" (Start: 02.10.), der die Vorgeschichte von Draculas Vampirwerdung erzählt, spielt Evans die Titelrolle. Der Stoff ist auf Fortsetzung angelegt. Im Interview überrascht der im Film mit halblanger Mähne agierende Beau mit einem typisch britischen Kurzhaarschnitt - zum körperbetonen Strickpulli. Eigentlich würde er so auch einen guten James Bond abgeben. Doch das ist eine andere Geschichte.

teleschau: Was war Ihr erster Gedanke, als Sie hörten, dass Sie der neue Dracula sind?

Luke Evans: Ich dachte an all die tollen Schauspieler, die Dracula gespielt haben: Bela Lugosi, Christopher Lee, Gary Oldman. Eigentlich fand ich mich ein bisschen zu jung, um Dracula zu spielen. Als ich das Skript las, verstand ich, dass es in diesem Film um den Mann hinter der literarischen Figur geht. Nicht um den Vampir, den wir aus Bram Stokers Buch kennen. Ich spiele einfach einen jungen König, Vater und Ehemann. Wenn ich es so sehe, ist es nicht mehr ganz so beängstigend.

teleschau: Haben Sie sich die anderen Dracula-Darsteller im Rollenstudium noch mal angesehen?

Evans: Das habe ich getan. Und das baut schon einen gewissen Druck auf. Vor allem, wenn man bedenkt, dass dies meine erste Hauptrolle in einem großen Hollywoodfilm ist. Ich trage das Ding fast alleine, bin in beinahe jeder Szene des Films, und mein Gesicht ist auf den Plakaten - puh. Aber wie gesagt: Ich spiele ja eine andere Geschichte, das hilft.

teleschau: Den Fantasy-Part einmal abgezogen, wie sehr entspricht die Filmerzählung den historischen Fakten?

Evans: Vlad III. herrschte tatsächlich zehn Jahre lang in Frieden über das Fürstentum Walachei. Das ist die Zeit, in die der Film einsteigt. Und wie dort erzählt, wurde Vlad von den Türken erzogen, denn sein Vater musste ihn dem Sultan des Osmanischen Reichs als Faustpfand überlassen, um den Frieden sicherzustellen. Diese historischen Fakten stimmen. Tatsächlich lernte Vlad von den Türken auch all jene Foltertechniken, für die er in seinem späteren Leben berühmt und berüchtigt wurde.

teleschau: Sie spielen nicht nur den jungen Dracula, sondern auch einen, der so viel kämpfen muss wie keiner Ihrer Vorgänger. Es war eine körperlich fordernde Rolle, oder?

Evans: Das kann man so sagen. Ich spielte zwar schon in einigen Actionfilmen, aber dieser war bisher der anstrengendste, den ich gedreht habe. "Dracula Untold" ist in Nordirland entstanden. Ich war sieben Wochen vor Beginn der Dreharbeiten bereits in Belfast. Nur mit dem Regisseur, dem Stunt Koordinator und den Stuntman. Jeder Tag dieser sieben Wochen verlief wie folgt: Vormittags probten wir immer wieder eine Stunt- oder Kampfszene bis zum Mittag. Nach dem Lunch ging ich ins Fitnessstudio und am Nachmittag gingen wir die Stunts vom Vormittag noch einmal durch. Am nächsten Morgen ging es mit einer neuen Szene weiter. Es war so viel Stoff, dass Kopf und Körper die ganze Zeit auf Hochtouren liefen. Dabei hatte ich noch keine einzige klassische Spielszene geprobt oder gedreht. Ich bin stolz auf mich, alles geschafft zu haben. Als Hauptdarsteller muss man eben ein bisschen mehr tun.

teleschau: Wollten Sie immer schon Hauptdarsteller sein?

Evans: Ja, natürlich. Ich habe viele Hauptrollen auf der Bühne im Londoner Westend gespielt. Seit 2001 spiele ich in Produktionen dort. Wenn man dann auf die Leinwand wechselt, will man ja nicht wieder mit kleinen Rollen anfangen ...

teleschau: War Schauspieler zu werden immer Ihr großer Traum?

Evans: Die Bühne war mein Traum, ich wollte eigentlich Sänger werden. Schon als Junge sang ich die ganze Zeit. Später tat ich es auf der Bühne. In meinem Leben gab es keinen doppelten Boden. Ich verließ mit 16 die Schule, nahm Gesangsstunden und ging zum Vorsingen für Stipendien. Ich gewann eins und zog mit 17 nach London um zu studieren. Seitdem bin ich dort als Schauspieler und Sänger. Ich habe neun Jahre nur Theater gespielt.

teleschau: Haben Sie das Singen mittlerweile aufgegeben?

Evans: Nein, um Gottes willen. Das Singen gibt man niemals auf. Ich singe derzeit nur nicht von Berufs wegen. Ich singe für mich oder auf Wohltätigkeitsveranstaltungen.

teleschau: Man hat Ihnen also bisher kein Musical angeboten?

Evans: Nein, aber ich muss auch nicht unbedingt eins machen. Wenn ich ein Musical drehen würde, müsste es eine interessante Rolle mit wirklich guter Musik sein. So viele gute Musicals gibt es heutzutage nicht. Da lohnt es sich, auf das richtige Projekt zu warten. Ich leide nicht darunter, wenn ich im Film nicht singen darf.

teleschau: Welche Musik bevorzugen Sie privat?

Evans: Mein Lieblingssong ist "First Time Ever I Saw Your Face" von Roberta Flack. Meine derzeitige Lieblingssängerin ist Adele. Ich mag viele Arten von Musik, aber Soul ist wahrscheinlich meine emotionale Heimat.

teleschau: Sie haben Ihre erste Filmrolle mit 30 gespielt. Hat eine Hollywood-Karriere, die später beginnt, auch Vorteile?

Evans: Für meine persönliche Entwicklung sage ich: Ja. Andererseits habe ich fast ein Jahrzehnt sehr hart auf der Bühne gearbeitet. Und es war nicht immer leicht, meine Rechnungen zu bezahlen. Einmal hatte ich ein ganzes Jahr lang keinen Job. Eigentlich deutete nichts auf meine Filmkarriere hin, sie kam quasi aus dem Nichts. Trotzdem empfand ich sie als Belohnung für die Zeit davor. Ich war sehr bereit dazu, auch wenn viele Dinge neu waren. Hätte mir damals jemand weisgesagt, dass ich in wenigen Jahren um die Welt fliege, um Interviews zu meinem neuen Film zu geben, ich würde die Wahrsagerin als völlig verrückt bezeichnen.

teleschau: Gab es denn einen Moment des Durchbruchs für Sie?

Evans: Ja, das war 2008 das Stück "Small Change" von Peter Gill im Donmar Warehouse Theatre in London. Es ist ein Vierpersonenstück und alle Schauspieler sind zweieinhalb Stunden ohne Unterbrechung auf der Bühne. Die Inszenierung bekam gute Kritiken, viele Caster und Filmleute kamen vorbei, um es sich anzusehen. Die meisten hatten mich vorher noch nie gesehen. Das Stück war mit Sicherheit der Grund, warum ich heute Filmschauspieler bin.

teleschau: "Dracula" ist ein Stoff, der mit vielen Ängsten des Menschen spielt. Wovor haben Sie Angst?

Evans: Ich habe Spinnenangst, ziemlich ausgeprägt sogar. Und neulich war ich im Urlaub schnorcheln. Dabei stellte ich fest, dass ich es nicht mag, ins Wasser zu blicken und keinen Boden zu sehen. Ich hatte immer automatisch die Musik von "Der weiße Hai" im Ohr. Dieser Film hat mir den unbeschwerten Aufenthalt im Wasser für immer verdorben. Ich glaube, ich könnte niemals richtig tauchen gehen. Ansonsten habe ich keine großen, bedeutenden Ängste, was das Leben betrifft.

teleschau: Das Ende von "Dracula Untold" weist deutlich auf eine Fortsetzung hin. Steht schon fest, ob es sie geben wird?

Evans: Wenn ich jetzt mal so reden darf wie ein Produzent, würde ich sagen: Unser Job ist jetzt erst mal, diesen Film erfolgreich zu machen. Die Story hat natürlich enormes Potenzial. Sie kann fortgesetzt werden. Wenn der Film erfolgreich ist, wird es eine Fortsetzung geben, denke ich. Das gleichermaßen Faszinierende wie Traurige an der Figur Dracula ist, dass sie die Jahrhunderte überdauert, während die anderen Menschen sterben. Allein schon aus diesem Grund ist Dracula eine reizvolle schauspielerische Aufgabe. Ich kann mir vorstellen, ihn noch öfter zu spielen.

teleschau: Was sind Ihre nächsten Projekte?

Evans: Ich rühre noch eine Weile die Werbetrommel für "Dracula Untold", der in England erst im Dezember in die Kinos kommt. Wahrscheinlich werde ich Christopher Lee zur Premiere in London treffen. Er hat angekündigt zu kommen, es wäre großartig. Im Dezember startet auch der letzte Teil der drei "Hobbit"-Filme, in dem ich wieder Bard der Bogenschütze bin. Im dritten Teil wird dieser Charakter eine viel größere Rolle spielen als im zweiten. Außerdem wird gerade darüber verhandelt, ob es eine Neuauflage von "The Crow" geben wird. Wenn es klappt, würde ich auch da die Hauptrolle spielen.

teleschau: Sie würden auch eine guten Bond abgeben. Wurden Sie schon einmal für die Rolle ins Spiel gebracht? Hätten Sie Interesse daran?

Evans: Die Bond-Rolle abzulehnen ist ziemlich schwer. Es ist eine absolute Ehre - dazu ein fantastischer Charakter für einen Schauspieler. Aber ich habe nicht gehört, dass Daniel Craig aufhören will. Und: Er hat den Standard für die Rolle sehr hoch gesetzt. Ich finde wirklich, er ist ein großartiger Bond.

Quelle: teleschau - der mediendienst