Michael Pitt und Mike Cahill

Michael Pitt und Mike Cahill





Staunen und Ehrfurcht

Die Nacht zuvor war offensichtlich lang, die Anreise anstrengend: Ein bisschen albern und mit dem Schalk im Nacken tauchten Regisseur Mike Cahill ("Another Earth") und Hauptdarsteller Michael Pitt ("Funny Games U.S.", "Boardwalk Empire") beim Interviewtermin in München auf, um ihren Film "I Origins - Im Auge des Ursprungs" (Kinostart: 25. September) vorzustellen. Das unkonventionelle Mystery- und Science Fiction-Drama geht davon aus, dass Augen wirklich so etwas wie Fenster zur Seele seien. Wenngleich sich hinter der aufgekratzten Stimmung die Müdigkeit mehr als erahnen ließ, geben Pitt und Cahill gut gelaunt ihre Thesen über Wissenschaft und Spiritualität, über die Liebe und Wiedergeburt zum Besten. Erfrischend dabei: Sie wissen genau, was sie wollen, nehmen sich aber selbst nicht allzu ernst.

teleschau: Wie spirituell sind Sie eigentlich selbst?

Michael Pitt: Ganz ehrlich: Leute, die zu spirituell sind, regen mich genauso auf, wie Menschen, die alles wissenschaftlich erklären müssen.

Mike Cahill: Ich glaube, es gibt eine gesunde Mitte zwischen den beiden Polen: Ich wäre ganz aufgeregt, wenn mir jemand beweisen könnte, dass es Geister auf der Erde gibt. Aber es würde mich nicht überraschen. Das gilt auch für grüne Männchen und andere Aliens. Verstehen Sie, was ich meine?

teleschau: Ich denke schon: Auch "I, Origins" bewegt sich in der Mitte zwischen Spiritualität und Wissenschaftlichkeit.

Cahill: Manche Menschen meinen, dass Spiritualität und Wissenschaft wie Feuer und Wasser sind. Dabei ist Wissenschaft doch nur unsere Art, Fragen über die natürliche Welt zu stellen. Und Spiritualität kann Antworten darauf geben. Im Film gibt es eine Schlüsselszene: Als der Wissenschaftler Ian blinde Würmer genetisch so verändert, dass sie sehen können. Sie haben plötzlich einen neuen Sinn zur Verfügung, können die Welt ganz anders wahrnehmen. Wer sagt denn, dass unsere fünf Sinne das Ende der Fahnenstange sind?

Pitt: Bei der Vorbereitung auf den Film beschäftigte ich mich viel mit Richard Dawkins: ein englischer Evolutionsbiologe und Atheist, ein Wissenschaftler und strikter Gegner organisierter Religionen. Ich stellte mir vor, was passieren würde, wenn ein Mann wie er, einen kleinen Einblick in eine spirituelle Welt bekäme. Wie reagiert ein Wissenschaftler, der etwas erlebt, was er mit Fakten nicht erklären kann?

teleschau: Wenn Sie die Welt betrachten, sehen Sie da eher die wissenschaftlichen Fakten oder eher wundersame Zufälle?

Cahill: Die Bausteine der DNS formten sich vor 4,5 Milliarden Jahren irgendwie aus dem Urschleim. Das Leben entstand also als glückliche Fügung, aus einem Zufall heraus. Ich betrachte die Welt daher gerne mit Staunen und Ehrfurcht. Unser Film beantwortet nicht so viele Fragen, wie er stellt! Jeder Zuschauer darf sich seine eigenen Gedanken machen.

teleschau: Wenn es Reinkarnation wirklich gibt: Was waren Sie im vorigen Leben?

Pitt: Definitiv eine Frau.

Cahill: Und ich Deine beste Freundin.

teleschau: Und was wären Sie gerne im nächsten Leben?

Pitt und Cahill: Ein Baum!

teleschau: Wenn wir schon bei den großen Themen sind: Was ist Liebe?

Pitt: Ich habe im Moment ein wenig Angst vor der Liebe. Antworte Du.

Cahill: Es gibt verschiedene Arten der Liebe. Das haben im Laufe der Jahrhunderte alle Dichter festgestellt. Rein wissenschaftlich hat Liebe wohl etwas mit den Endorphinen zu tun, die man in Gegenwart eines anderen ausschüttet. Auch im Film hat die Liebe unterschiedliche Gesichter: Sie ist zunächst wild, leidenschaftlich und bedingungslos. Später ist sie tief und stark, steht auf einem stabilen emotionalen Gerüst.

Pitt: Liebe ist gefährlich.

teleschau: Wie wichtig sind die Augen?

Pitt: Jemandem direkt in die Augen zu schauen, ist eine ziemlich große Sache. Das traut man sich nicht immer, es ist auch nicht immer einfach. Man erfährt dabei viel über sein Gegenüber. Vielleicht zu viel.

Cahill: Schon Babys wissen, dass die Augen das Zentrum des Selbsts sind. Jedes Kleinkind glaubt, dass es unsichtbar ist, wenn es sich die Augen zu hält.

teleschau: Herr Cahill: Sie haben zwei Spielfilme gedreht, beides waren Science-Fiction-Werke. Was fasziniert Sie eigentlich am Genre?

Cahill: Science Fiction bietet die perfekte Möglichkeit, über Metaphern die Natur der Menschen zu ergründen. Indem man die Geschichten der aktuellen Lebenswelt enthebt, kann man einen intimen Blick auf menschliche Emotionen und Gefühle: Weil in Science Fiction alles möglich ist, und es keine Beschränkungen gibt.

Pitt: Für Science-Fiction-Filme braucht man nicht mal ein Riesenbudget. Man braucht aber eine Riesenidee. Das ist übrigens der Grund, warum ich mit Mike zusammenarbeiten wollte.

Cahill: Danke.

Pitt: Mein Vergnügen! In Amerika ist es nicht einfach, ein künstlerisch interessierter, vielseitiger Schauspieler zu sein. Das Filmbusiness ist darauf ausgelegt, Geld zu verdienen. Viel Geld. Wer mitmacht, wer mitmachen darf, ist fein raus. Wenn man aber über den Tellerrand schauen will, muss man sich strecken, um über die Runden zu kommen. Mein Rezept ist: Ich arbeite einfach unfassbar viel!

teleschau: Her Pitt: Sie sind nicht nur im Kino zu sehen, sondern auch in Serien, wie "Boardwalk Empire". Als Insider wissen Sie doch sicherlich, warum das Fernsehen im Moment ehrgeiziger ist als das Kino?

Pitt: Das hat verschiedene Gründe: Die Sehgewohnheiten haben sich durch das Internet drastisch verändert. Außerdem hat sich die technische Ausstattung in den Haushalten erheblich verbessert: Sie gehen weniger ins Kino, außer bei Events wie 3D-Filmen. Die Art, Filme zu schauen ändert sich, jetzt muss sich die Unterhaltungsindustrie neu erfinden.

Quelle: teleschau - der mediendienst