Jens Lehmann

Jens Lehmann





Rückkehr des Unbequemen

In seiner aktiven Karriere galt Jens Lehmann als kantiger Individualist. Das kann in seinem neuem Job nicht schaden. Der Ex-Nationaltorhüter ist Experte beim Sender RTL, der ab Sonntag, 07.09., 19.45 Uhr, die Qualifikationsspiele der deutschen Nationalmannschaft für die EM 2016 in Frankreich sowie die WM 2016 in Russland überträgt. Vor dem ersten Heimspiel, das in Dortmund gegen die Auswahl Schottlands bestritten wird (Anpfiff: 20.45 Uhr), spricht der 44-jährige Ex-Profi im Interview über den unerwarteten Rücktritt Philipp Lahms, das Loch, das Profis zu verschlingen droht, wenn sie mit Fußball aufhören, und welche Pläne er für die Zukunft hegt.

teleschau: Wird RTL die Spiele der deutschen Nationalmannschaft anders zeigen, als man es gewohnt ist?

Jens Lehmann: RTL wird sich sicherlich in der Darstellung etwas einfallen lassen. Aber, um ehrlich zu sein, bin ich da genauso neugierig und werde hier und da wahrscheinlich ebenso überrascht sein wie die Zuschauer - weil ich einiges auch noch nicht gesehen habe.

teleschau: Das heißt, Sie sind in den Planungen zur Sendung nicht eingebunden?

Lehmann: Ich weiß, wie das Studio aussieht, dass wir dort mit virtuellen Elementen arbeiten und mit wem ich moderiere. Ich weiß auch, dass wir nicht alles aus dem Studio machen werden. In jede Detailplanung zum Ablauf muss ich nicht involviert sein.

teleschau: Wie bereiten Sie sich auf Ihren Part vor?

Lehmann: Indem ich mich mit den Spielern beschäftige. Vor allem mit denen, die man nicht so häufig in Deutschland sieht. Damit meine ich sowohl die Schotten, als auch die deutschen Nationalspieler im Ausland. Unter dem Strich geht es natürlich ums Spiel. Es geht darum, den Zuschauern Dinge nahe zu bringen, die man als ehemaliger Fußballspieler vielleicht sieht. Außerdem geht es, wie bei allen anderen Dingen auch, darum, dass man den Leuten etwas erzählt, das glaubwürdig ist und verständlich.

teleschau: Sie sind ja nicht nur ehemaliger Spieler, sondern mittlerweile auch Trainer. Welche Ausbildung haben Sie gemacht?

Lehmann: Ich habe die Pro-Lizenz. Das bedeutet, ich habe alle Scheine, die man braucht. Ich bin sozusagen Fußballlehrer.

teleschau: Waren Sie auf der Kölner Fußballlehrer-Schule?

Lehmann: Nein, ich habe das in Wales gemacht. Von der UEFA wird diese Ausbildung überall anerkannt. Ich glaube trotzdem nicht, dass es die gleiche Ausbildung ist wie in Deutschland. Meine war deutlich praxisbezogener. Ich war nie in Köln an der Schule, deshalb kann ich es nicht vergleichen. In Wales waren neben mir viele ehemalige englische Nationalspieler, aber auch Leute wie Didi Hamann oder Marcel Desailly, der jetzt Trainer in Everton ist.

teleschau: War das eine strategische Entscheidung, nach Großbritannien zu gehen. Würden Sie lieber dort als Trainer arbeiten?

Lehmann: Ich könnte mir das vorstellen, aber ich bin diesbezüglich ganz offen. Ich weiß nur mittlerweile, dass ich in den aktiven Fußball zurückkehren möchte. Ob als Trainer oder Sportdirektor, wird sich zeigen.

teleschau: Sie haben Ihre Spielerkarriere 2011 beendet. Waren Sie erleichtert oder eher traurig?

Lehmann: Das erste Gefühl war Erleichterung. Ich war froh, aus dieser Mühle der immer gleichen Abläufe heraus zu sein. Schließlich war ich sehr lange Profi - über 20 Jahre. Man darf nicht vergessen, dass es ein körperlich sehr anstrengender Job ist, dem man da nachgeht. Klar, es gibt nichts Schöneres in diesem Alter, als den Fußball zum Beruf zu machen - wenn man die Möglichkeit dazu hat. Irgendwann wird es trotzdem auch ein bisschen zur Routine. Deshalb die Erleichterung. Nach ein, zwei Jahren kam in mir dann das Gefühl hoch, dass ich mich wieder fordern will - und das im Fußball.

teleschau: Tickt man als Trainer anders, wenn man früher Torwart und eben nicht Feldspieler war?

Lehmann: Ich glaube ohnehin, dass die meisten Trainer anders ticken als ich. Was man aber als Torwart besonders gut einschätzen kann, ist, wie man Tore verhindert und auch wie man sie schießt. Mit diesen beiden Dingen hat man sich in der aktiven Karriere am intensivsten auseinandergesetzt. Sicher kann ein Mittelfeldspieler noch etwas besser beurteilen, wie ein Mittelfeld organisiert wird und wie es funktioniert. Andererseits sind heute immer mehr Spitzentrainer selbst gar keine überragenden Fußballer gewesen. Dies spricht dafür, dass es auf andere Dinge ankommt als auf persönliche, aktive Erfahrung.

teleschau: Auf was kommt es denn an?

Lehmann: Man muss viel Detailwissen besitzen, über alle Bereiche des Fußballs. Und: Man muss dieses Wissen gut zusammensetzen können. Es hilft einem als Trainer, aber auch im Job des Sportdirektors. Dazu kommt, dass man eine Mannschaft organisieren können muss. Das wiederum war schon als Spieler mit meine größte Stärke.

teleschau: Wie überrascht waren Sie vom Rücktritt Philipp Lahms aus der Nationalmannschaft?

Lehmann: Genauso überrascht wie die meisten anderen auch.

teleschau: Haben Sie es verstanden?

Lehmann: Ich denke, er kennt seinen Körper am besten. Er kennt die Beanspruchung, und es ist ja nicht schlecht, mit einem Weltmeistertitel aufzuhören.

teleschau: Sie glauben also, dass die Gründe rein persönliche, sportliche waren und dass eventuelle atmosphärische Störungen dabei keine Rolle spielten?

Lehmann: Ich glaube, atmosphärisch war das eine der besten Nationalmannschaften aller Zeiten. Wäre es anders gewesen, hätten sie den Titel nicht geholt.

teleschau: War man vielleicht auch deshalb so überrascht von Lahm, weil die meisten Spieler erst dann aufhören, wenn der Zenit überschritten ist? Ist Fußball eine Sucht, von der man schwer loskommt?

Lehmann: Als Sucht würde ich es nicht bezeichnen. Es ist eine Leidenschaft. Dazu kommt das Adrenalin vor und während eines wichtigen Spiels. Es ist ein Zustand, den man in einem normalen Beruf sicher nicht so oft hat. Fußball ist ein sehr anstrengender und doch wahnsinnig schöner Beruf. Philipp hatte das Glück, durch seine Leistung über viele Jahre immer auf Top-Niveau gespielt zu haben. Wenn ich ihn treffe, werde ich ihn fragen, was genau der Grund war. Aber ich finde das gar nicht so rätselhaft. Er ist immerhin schon 30. Wenn man sich anschaut, dass die Top-Spieler heute immer jünger werden, ist 30 schon ein Alter, in dem es nicht einfacher wird, dieses Top-Niveau zu halten.

teleschau: Aber ist es nicht auch so, dass Spieler heutzutage auch länger dieses hohe Niveau halten können? Durch professionellere Lebensweise oder Fortschritte in der Medizin und Trainingslehre?

Lehmann: Wenn man genauer hinschaut, sind es nur ganz wenige ältere Spieler, die noch dieses ganz hohe Niveau haben. Man täuscht sich da manchmal, weil diese Spieler oft außergewöhnlich sind und deswegen auch auffällig. Dennoch dünnt es sich über 30 stark aus.

teleschau: Auch Sie haben sehr lange gespielt ...

Lehmann: Sicher, ich war 40, als ich aufhörte. Dann gab es noch dieses kurze Comeback bei Arsenal. Aber das war eigentlich nur schön, weil ich damals schon nicht mehr unter Druck stand. Ehrlich gesagt glaube ich, dass ich heute auch noch spielen könnte. Trotzdem muss man ja irgendwann mal aufhören.

teleschau: Sind Sie in ein Loch gefallen, als das letzte Spiel vorbei war?

Lehmann: Ein kleines Loch gab es sicherlich. Ich kann mir kaum vorstellen, dass man in diesem Beruf Schluss macht und dann ganz sachlich zum nächsten Punkt im Leben übergeht. Ich hatte das Glück, dass ich mich für genug Sachen interessiere, auch abseits des Fußballs, mit denen ich mich beschäftigen konnte. Das hat mir geholfen.

teleschau: Welche Dinge waren das?

Lehmann: Ich genieße sehr, dass ich über Dinge, die ich abseits des Fußballs mache, nicht unbedingt reden muss (lacht). Das empfinde ich als großen Fortschritt in meinem heutigen Leben.

teleschau: Manche Profis nehmen sich nach der Karriere erst mal bewusst für die Familie Zeit. Auch weil sie vorher viel unterwegs waren, eventuell bei den Kindern einiges verpasst haben. Hatten Sie solche Gedanken?

Lehmann: Die erste Zeit hatte ich dieses Bedürfnis ziemlich deutlich. Da war ich in der Tat viel daheim. Trotzdem ist es normal, dass man nach einiger Zeit das Gefühl bekommt, wieder einer täglichen Beschäftigung nachgehen zu wollen. Das könnte bei mir auch demnächst im Fußball passieren. Lassen Sie sich überraschen!

Quelle: teleschau - der mediendienst