Schiller statt Stasi

Schiller statt Stasi





Wie gut sind die Oscarchancen von "Die geliebten Schwestern"?

Schiller soll es also richten: "Die geliebten Schwestern" wird im Oscarrennen für Deutschland an den Start gehen, entschied die Fachjury, die in den vergangenen Tagen in München beriet. Dominik Grafs Liebesdrama über eine Dreiecksbeziehung Friedrich Schillers "überzeugt durch seine Schauspielerführung, die lichtdurchfluteten Bilder und seine kluge und eigenwillige Komposition", begründet die Expertenrunde ihre durchaus nachvollziehbare Wahl. Aber wird das für eine Auszeichnung am 22. Februar 2015 reichen?

Leicht fiel der neunköpfigen Jury um den Produzenten Peter Herrmann die Entscheidung sicherlich nicht: 17 Filme standen in diesem Jahr zur Debatte, die Bandbreite reichte von Edgar Reitz' Monumentalfilm "Die andere Heimat - Chronik einer Sehnsucht" über Johannes Nabers bitterböse Komödie "Zeit der Kannibalen" bis hin zu Christian Theede knallbuntem Singspiel "Im weißen Rössl - Wehe du singst". Was aber fehlte, war der große Favorit, der Film, der nicht nur bei internationalen Festivals lief, sondern dort auch Preise einfuhr. Ein Film wie "Das weiße Band - Eine deutsche Kindergeschichte" eben, der 2009 von Cannes bis Toronto die Kritiker verzückte.

Zwar mag eine Goldene Palme noch keinen Oscar garantieren - Michael Hanekes Meisterwerk etwa zog 2010 überraschend gegen den argentinischen Krimi "In ihren Augen" den Kürzeren -, doch die Siegerfilme der letzten Jahre zeigten, dass Vorschusslorbeeren immer wichtiger werden: "La Grande Bellezza - Die große Schönheit" (Auslandsoscar 2014) räumte bei der Vergabe des europäischen Filmpreises ab, "Liebe" (Auslandsoscar 2013) auf so ziemlich jedem Festival, auf dem Haneke sein Drama zeigte, und "Nader und Simin - Eine Trennung" (Auslandsoscar 2012) hatte einen Goldenen und zwei Silberne Bären im Rücken, als Asghar Farhadi damit in den Wettbewerb um den Auslandsoscar ging.

Zwar mögen "Die geliebten Schwestern" bei der Berlinale gut aufgenommen worden sein. Ausgezeichnet wurde von der internationalen Festivaljury jedoch ein anderer deutscher Wettbewerbsbeitrag, nämlich "Kreuzweg" von Dietrich Brüggemann: Er und seine Schwester Anna erhielten den Silbernen Bären für ihr mutiges Drehbuch. Zu mutig vielleicht für die Academy of Motion Picture Arts and Sciences, die am 15. Januar 2015 verkünden wird, welche fünf Filme letztlich in der Kategorie "Bester fremdsprachiger Film" nominiert sind: Mit einer modernen Passionsgeschichte wäre man bei den amerikanischen Filmschaffenden vermutlich zu sehr angeeckt.

Dennoch ist die Auswahl von "Die geliebten Schwestern" gewagter, als man auf den ersten Blick annehmen könnte: Am besten fuhr Deutschland im Oscarrennen nämlich bisher mit Einreichungen, die sich kritisch mit der eigenen Geschichte auseinandersetzten. Die letzten deutschen Filme, die die Academy vor "Das weiße Band" mit einer Nominierung bedachten, waren das RAF-Drama "Der Baader Meinhof Komplex" (Nominierung 2008), der Stasifilm"Das Leben der Anderen" (Oscar 2006) sowie "Sophie Scholl - Die letzten Tage" (Nominierung 2005), "Der Untergang" (Nominierung 2004) und "Nirgendwo in Afrika" (Oscar 2002), die sich allesamt mit der NS-Zeit beschäftigten. Mit den Kriegsfilmen "Lauf Junge lauf" und "Wolfskinder" oder Holocaust-Aufarbeitungen wie "Der letzte Mentsch" und "Hannas Reise" hätte man auch in diesem Jahr versuchen können, daran anzuknüpfen.

Mit den letzten beiden deutschen Hoffnungsträgern, den DDR-Dramen "Zwei Leben" und "Barbara", ist das jedoch nicht geglückt. Will die Filmwelt von Deutschland mittlerweile etwas anderes sehen, andere Geschichten erzählt bekommen? Nach vier Jahren ohne Nominierung scheint die Zeit wieder reif, etwas Neues zu versuchen: Schiller statt Stasi, Liebe statt Krieg. Und vielleicht gibt es dafür kein besseres Jahr als dieses, in dem die Favoritenrolle im internationalen Wettbewerb sicherlich anderen Filmnationen zufallen wird.

Die Türkei reichte den Cannes-Gewinner "Winter Sleep" ein, der mittlerweile dritte Oscarkandidat von Nuri Bilge Ceylan. Ungarn legte sich bereits auf "White God" fest, Kornél Mundruczó siegte damit in der Cannes-Nebenreihe Un Certain Regard. Und Polens Beitrag "Ida" von Pawel Pawlikowski sammelte Preise nicht nur im Heimatland, sondern unter anderem auch in London, Toronto und Seattle. Bis 1. Oktober nimmt die Academy noch Vorschläge aus aller Herren Länder entgegen, zu Beginn des kommenden Jahres wird sie das Teilnehmerfeld erst auf neun und letztlich auf fünf Kandidaten reduzieren. Dann wird sich zeigen, ob Dominik Graf Recht behält: "Schiller goes to Hollywood!", freute sich der Regisseur von "Die geliebten Schwestern", als er von der Wahl seines Films erfuhr.

Quelle: teleschau - der mediendienst