Nicole Marischka

Nicole Marischka





Eine träumende Spätzünderin

Als Tochter eines Schauspieler-Paares war die Münchnerin Nicole Marischka seit jeher vorbelastet. Sie wusste schon in Kindertagen, dass sie einmal in die Fußstapfen der Eltern treten würde. Ihre erste Rolle spielte die heute 46-Jährige noch zu Schulzeiten, nach dem Abitur ging es ans Max-Reinhardt-Seminar in Wien. Engagements auf deutschen Bühnen (etwa am Landestheater Tübingen), im TV ("Hochzeiten") und Kino ("Alle Anderen") folgten. Nun ist Nicole Marischka bereits in der vierten Staffel als Gerichtsmedizinerin Heike Steinbeck an der Seite von Kriminalhauptkommissarin Vera Lanz (Katharina Böhm) zu sehen. Die ZDF-Serie "Die Chefin" wird ab 5. September (freitags, 20.15 Uhr) mit neuen Folgen fortgesetzt. Wir haben mit der Single-Mutter während ihrer Auszeit auf Mallorca gesprochen - über Frauenpower, Schwesternliebe und Homosexualität.

teleschau: Chef-Ermittlerin, Pathologin, nicht selten Täterin - bei "Die Chefin" haben eindeutig die Frauen das Sagen. Sind Sie eine Verfechterin von weiblicher Führungskraft?

Nicole Marischka: Absolut. Früher steckte ich in der Falle zu glauben, das wäre gleichbedeutend mit Härte. Mittlerweile denke ich, das hat mit Klarheit zu tun, mit Weisheit und mit Weichheit. Weibliche Stärke wird nicht umsonst in unserer Zeit immer mehr zum Thema. Sie wird gebraucht - in der Politik, in der Wirtschaft, in der Kunst. Aber nicht auf Kosten der Männer, sondern zugunsten aller Menschen. Ich beobachte das häufig: Wenn Frauen entspannt sind und sich gut fühlen, dann sind sie am liebevollsten und klarsten. Sie lassen keinen Blödsinn durchgehen und sind trotzdem nicht biestig. Ideal wäre für mich eine ausgewogene Zusammenarbeit zwischen Mann und Frau.

teleschau: Die von Ihnen verkörperte Serien-Figur Heike Steinbeck ist ebenfalls ziemlich entspannt - und krempelt stets anstandslos die Ärmel hoch. Sind Sie persönlich auch so praktisch veranlagt?

Marischka: Nein. Ich bin chaotisch und verträumt und ganz bestimmt keine klassische Hausfrau. Bei den praktischen Dingen im Leben halte ich es wie Oscar Wilde, der einmal sagte: "Man umgebe mich mit Luxus. Auf alles Notwendige kann ich verzichten." Und um gleich die Frage vorweg zu nehmen: Ich würde niemals als Gerichtsmedizinerin arbeiten wollen. Allein schon wegen des Geruchs nicht.

teleschau; Was auf den ersten Blick gar nicht auffällt: Ihre Rolle ist homosexuell!

Marischka: Das stört mich ein wenig, dass sie lesbisch ist und es zu wenig Raum gibt, das zu zeigen. Ich würde es schön finden, wenn ihre sexuelle Orientierung mal in einer Folge stärker zum Tragen kommen würde. Das habe ich mir für die nächste Staffel vorgenommen: mehr Sinnlichkeit auszustrahlen.

teleschau: Können Sie was zwischenfrauliche Erotik betrifft auf einen privaten Erfahrungsschatz zurückgreifen?

Marischka: Ich hatte nie was mit einer Frau. Eine Freundin hat mir mal von solch einem Erlebnis erzählt. Sie meinte, das wäre eine Natürlichkeit, ein Sich-Erkennen, eine Entspanntheit gewesen, die sie vorher nicht gekannt hatte. Nach diesem Gespräch dachte ich, das kann ich mir gut vorstellen, das mal auszuprobieren.

teleschau: Würde Sie das auch darstellerisch reizen?

Marischka: Ja, warum nicht? Diesbezüglich habe ich aber schon Erfahrung. Bislang war ich - warum auch immer - stets der männliche Part.

teleschau: Beruflich gesehen ging bei Ihnen zunächst ebenfalls alles ganz straight, dann haben Sie sich kurzzeitig von der Schauspielerei verabschiedet. Was haben Sie gemacht - und warum?

Marischka: Das war nicht lange nach meinem Abschluss an der Schauspielschule. Ich dachte mir damals, ich müsste erst jemand werden, um einem Autor, einem Regisseur, einem Stück gerecht zu werden. Ich bin für ein Jahr zum Studium nach Paris gegangen. Ab da war ich selbstständig. Im Anschluss bin ich zweieinhalb Jahre mit einer Kleinkunst-Gruppe durch Deutschland getingelt. Wir spielten eine Mischung aus Gesang und Comedy. Parallel dazu habe ich eine Coaching-Ausbildung gemacht. Weil ich gemerkt hatte, dass meine Fähigkeit, mit Menschen zu kommunizieren optimiert werden konnte. Im Zuge dessen war ich überwältigt von der Tiefe, die man erreichen kann, von der Ehrlichkeit und Nähe die möglich sind.

teleschau: Wo lagen Ihre Defizite in der Kommunikation?

Marischka: Ich habe in meiner eigenen Welt gelebt, viel rumgeträumt. Und habe dann gemerkt, dass man allein damit nicht weiterkommt. Ich wollte lernen, wie man für sich selber spricht, wie man eine Sache vertritt. Und auch ganz wichtig, wie man richtig zuhört. Das ist eine Kunst, in der ich mich noch immer übe.

teleschau: Haben diese neuen Fähigkeiten auch Ihr Schauspiel verändert?

Marischka: Total. Wenn man sich selber besser kennt, weiß man zu unterscheiden, was nehme ich von mir in eine Figur rein und wo verlasse ich meine Persönlichkeit. Im Flur des Max-Reinhardt-Seminars hängt ein Spruch vom Schulgründer, der besagt: "Nicht Verstellung ist die Aufgabe des Schauspielers, sondern Enthüllung." Ich finde, man kann nur vom Leben erzählen, wenn man es selber ein bisschen erkannt hat.

Marischka: Da hilft natürlich auch Lebenserfahrung. Andererseits soll es ja für Schauspielerinnen ab 40 besonders schwierig sein, gute Angebote zu bekommen...

Marischka: Mit dieser Thematik beschäftige ich mich bewusst nicht. Ich würde nur trübsinnig werden, und das bringt auch nichts. Ich frage mich lieber: Was sind die Möglichkeiten? Was ist noch drin? Und da gibt es ganz vieles. Denn wenn ich mir die Realität anschaue, kann ich sagen: Ich bin gut dabei. Im Grunde fängt es jetzt erst richtig an. Ich bin eben eine Spätzünderin.

teleschau: Gibt es mehr Gutes, wenn ein paar zusätzliche Kerzen auf der Geburtstagstorte brennen?

Marischka: Bei mir ja. Ich habe überhaupt kein Interesse mehr an Drama. Früher dachte ich, Drama habe Intensität und habe es gesucht. Mittlerweile finde ich, es birgt eine große Mühe und Langeweile in sich. Und einen solchen Lärm, dass man das, was wirklich da ist, nicht richtig wahrnehmen kann. Weil man sich in dem wahnsinnigen Strudel verliert. Inzwischen weiß ich: Die Realität ist aufregend, interessant, nicht selten schmerzhaft, aber sie ist nicht dramatisch. Das ist eine Unterscheidung, die ich mit dem Älterwerden kapiert habe. Als junger Mensch war ich hochdramatisch. Liebe musste wehtun.

teleschau: Und was macht die Liebe heute?

Marischka: Als Mutter von zwei Kindern erlebe ich bedingungslose Liebe. Das Ideal-Bild einer Mutter, die immer um ihre Kinder herumscharwenzelt, musste ich aber revidieren, So was verursacht nur Schmerz, weil mein Leben einfach anders aussieht.

teleschau: Noch mal zurück zum Drama: lieber Theater oder Film?

Marischka: Da kann ich nur sagen: Ich habe Scheiß-Theater und Super-Theater gemacht, und ich habe blöde Filme und tolle Filme gedreht. Es kommt nicht auf das Medium an, sondern auf die Menschen, mit denen man arbeitet. Auf die Qualität dessen, was man macht. Und auf den Part, den man verkörpert. Und die Lust, ihn zu füllen.

teleschau; Wie stehen Sie zu Serien oder anders gefragt: Wie sehr haben Sie sich über Ihr Engagement bei "Die Chefin" gefreut?

Marischka: Es ist eine kleine Rolle, aber sie ist kontinuierlich. Für den Herbst steht wieder eine Folge an, in der Heike mehr im Fokus stehen wird. Ich mag, dass es am Wurln ist. Die Macher geben keine Ruhe. Sie sagen nicht: Jetzt haben wir ein Format und fertig. Die entwickeln ständig weiter. Dazu kommt: Die Charaktere menscheln. Sie sind mal stark, mal schwach, haben ihre Ecken und Kanten und Falten, das ist gewollt. Es ist nicht auf schön getrimmt. Sondern eher auf das, was das Leben mit sich bringt. Es wird nicht verhehlt, dass die Darsteller keine 25 mehr sind.

teleschau: Wie haben Sie sich auf Ihren Part vorbereitet?

Marischka: Ich habe mich mit einer Gerichtsmedizinerin unterhalten und Filmmaterial geguckt. Ansonsten schaue ich pro Fall, was es zu tun gibt. Das Berufliche steht nicht im Vordergrund. Viel wichtiger ist die Beziehung zu den Kollegen und zum Leben. Dafür habe ich mir bei ein paar Leuten aus meinem Umfeld was abgeguckt. Heimlich. Weil ich eigentlich privat gar nicht bin wie Heike. Ich bin weder eine Partynudel, noch besonders laut.

teleschau: Ihr Charakter hat schon mal Kopf und Kragen riskiert, um der Schwester aus der Bredouille zu helfen. Können Sie das nachvollziehen?

Marischka: Schon, ich habe ja selber zwei Schwestern. Wobei da ist es eher umgekehrt. Meine ältere Schwester hat mir aus dem Schlamassel geholfen, als es mir nicht so gut ging. Beide sind wahnsinnig loyal. Auch wenn wir unterschiedlich sind, sind unzertrennbare Bande da. Man würde sich nie über Lappalien streiten.

teleschau: Wo wird man Sie demnächst sonst sehen können?

Marischka: Ich spiele im Film "Besser spät als nie". Darin geht es um eine Frau, die in einem Alter, wo man denkt, alle Züge sind schon abgefahren, doch noch auf einen aufspringt und endlich ihr Traum-Studium beginnt. Ich agiere als ihre beste Freundin, die scheinbar alles fest im Griff hat, bis auch bei ihr die Fassade bröckelt. Und: Ich werde von München nach Berlin übersiedeln. Seit ich diesen Entschluss gefasst habe häufen sich die Anfragen aus der Hauptstadt. Das kann doch kein Zufall sein?

Quelle: teleschau - der mediendienst