Töchter

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Familie im Kapitalismus?

Gegen Ende der Dreharbeiten zu ihrem vieldiskutierten Familiendrama "Madonnen" (2007) drückte jemand der Regisseurin Maria Speth ein faszinierendes Buch über junge Ausreißer in die Hand. Speth, die vorhatte, die Geschichte der ältesten Tochter aus "Madonnen" weiterzuerzählen, begann im Ausreißermilieu zu recherchieren. Dabei lernte die Regisseurin auch eine junge Ausreißerin kennen, die sie zu der Hauptfigur ihres neuen Films inspirierte: eine intelligente, höchst trotzige Frau, die auf der Straße lebt. Diesem beschädigten Mädchen musste sie nur noch eine Mutterfigur gegenüberstellen - und das Drama "Töchter", das im Forumsprogramm der diesjährigen Berlinale seine Premiere feierte, war geboren.

Man sieht dem Film vom ersten Bild an deutlich an, dass die Regisseurin zur sogenannten Berliner Schule zählt - und das nicht nur, weil der Film in einem extrem hässlich wirkenden Berlin spielt. Für die kargen Bilder möchte man Speths Stammkameramann Reinhold Vorschneider die Schulnote eins erteilen.

Die Lehrerin Agnes (Corinna Kirchhoff) ist in die kalt und anonym wirkende Hauptstadt gereist, da man bei einer toten Ausreißerin den Ausweis ihrer Tochter gefunden hat. Doch was zunächst wie eine von den weniger harmlosen "Tatort"-Folgen beginnt, nimmt eine ganz andere, recht unkonventionelle Wendung: Obwohl es sich bei der Leiche nicht um ihre vermutlich schon längere Zeit vermisste Tochter Lydia handelt, beschließt die extrem unnahbar und verhärmt wirkende Frau, noch in der Stadt zu bleiben und ihre Tochter zu suchen. Dabei überfährt sie angetrunken beinahe die junge Obdachlose Ines (Kathleen Morgeneyer), die die Chance nutzt, sich bei der von Schuldgefühlen geplagten Frau im Hotel einzunisten.

Die beiden sehr unterschiedlichen Frauen, die von ihrer Familiengeschichte offensichtlich tief traumatisiert sind, scheinen einem schwachen Impuls in ihrem Inneren zu folgen, der sie zur jeweils anderen hinzieht. Hin und wieder, doch viel zu selten, blinkt zwischen den Frauen, die als Mutter und Tochter "versagt" haben, ein spannender, utopischer Raum auf, in dem ihre alte Rollenmuster und ihre auf Angst und Misstrauen begründeten Verhaltensweisen ad acta gelegt werden könnten. Doch irgendwann beginnt das gelegentlich manieriert wirkende Spiel der allzu versierten Theaterschauspielerinnen einfach nur zu nerven. Das liegt eindeutig daran, dass dem Zuschauer rigoros die Möglichkeit verwehrt wird, mit den Protagonistinnen mitzufühlen oder gar mitzuleiden. Etwa, weil man so gut wie keine Informationen über die Vorgeschichte der beiden Frauen erhält.

So verfolgt man zunehmend katatonisch zwei völlig ichbezogene Frauen, die letztlich ums Verrecken nicht aus ihrer Haut können. Nicht nur wegen des beständig kalten Dauerlichts auf den nächtlichen Straßen Berlins und im Hotelzimmer fühlt man sich wie in einer Zahnarztpraxis und ist froh, die Örtlichkeiten nach der Behandlung verlassen zu können. Auch wenn das zur beinahe undurchdringlichen Maske erstarrte Gesicht der Mutter, die den Verlust ihrer Tochter zu verkraften hat, noch eine Weile nachweht.

Ines, die Ausreißerin, zitiert gern pathetisch aus dem Buch "Angst im Kapitalismus" von Dieter Duhm. Wenn diese Angst ein Gesicht hätte, dann sähe es ganz gewiss dem des äußerst unangenehm berührten Zuschauers ähnlich, nachdem er dieses deprimierende Filmdrama überstanden hat.

Quelle: teleschau - der mediendienst