A Most Wanted Man

A Most Wanted Man





Nicht von dieser Welt

Um in schwierigen Fällen Verdächtige zur Kooperation zu bewegen, genügen bei Herrn und Frau Kommissar vom "Tatort" meist sehr bestimmtes Auftreten und eine süffisante Wortwahl. Für die große Leinwand hingegen sieht sich der Geheimdienst-Thriller "A Most Wanted Man" zu größerem Aufwand genötigt. Da muss an der Hamburger Außenalster eine Radfahrerin von einer angeblichen Studienkollegin angesprochen werden, während ein Agenten-Kollege der Dame einen schwarzen Sack über den Kopf zieht und sie zappelnd in einen Kleinlaster bugsiert. Und alles nur, um ihr ein Angebot zu machen, das sie ohnehin nicht ablehnen kann. Die internationale Verfilmung von John le Carrés Roman "Marionetten" versucht sich mit solchen Exzessen ein Stück weit über das Niveau steriler TV-Ästhetik zu heben, der sie die übrige Zeit huldigt.

Bildlich gesprochen, so sagt Geheimdienst-Mann Günther Bachmann (Philip Seymour Hoffman) zu den Berliner Politikern und ihren amerikanischen Freunden, wolle er mit einem kleinen Fisch einen großen fangen. Die Chance dazu ergibt sich, als der illegal nach Deutschland eingereiste muslimische Tschetschene Issa Karpov (Grigoriy Dobrygin) in Hamburg auftaucht. Sein Vater ist ein verstorbener russischer Kriegsverbrecher und Waffenhändler, der ihn zeugte, als er eine Tschetschenin vergewaltigte. Von ihm erbte Issa zehn Millionen Euro.

Viel Geld, denken sich Bachmann und seine Assistentin Irna Frey (Nina Hoss), mit dem man einen mutmaßlichen Drahtzieher des islamistischen Terrors wie den scheinbar redlichen Geschäftsmann Abdullah (Homayoun Ershadi) ködern könnte. Unter Druck gesetzt von CIA-Agentin Martha Sullivan (Robin Wright), bereiten Bachmann und sein Team zusammen mit Banker Tommy Brue (Willem Dafoe) eine Falle vor. Dabei muss aber auch Issas linke Anwältin Annabel (Rachel McAdams) mitspielen.

Kopfschütteln über das zynische Blinde-Kuh-Spielen der Geheimdienste löst die Lektüre von John le Carrés Thriller beim gemeinen Leser aus, Kopfkratzen aber wohl beim Filmproduzenten: Wie bringe ich die vielen Perspektiven unter einen Hut? Als Moritat über die grausame Maschinerie der Sicherheitsdienste? Oder als empathisches Drama? Regisseur Anton Corbijn ("The American") will sich im Format des Fernsehkrimis aus der Affäre stehlen.

Vielleicht hat Drehbuchautor Andrew Bovell für den Post-9/11-Thriller aber auch zu viele deutsche und dänische Krimireihen gesehen. Monitor-Überwachung von ganz Hamburg, fleißige Nachwuchskräfte (darunter auch Daniel Brühl), Scherze und Flirts mit leicht bitterem Unterton, Alkohol-Probleme, Desillusionierung - das Team von Günther Bachmann sieht aus wie abgekupfert aus "Tatort", "Protectors - Auf Leben und Tod" oder "Der Adler".

Die Berührung mit einer durchaus explosiven Wirklichkeit geht dabei genauso verloren wie durch die allzu karge Hamburg-Bebilderung. Wo nur funktional die Handlung abgefilmt wird, fehlt die reizvolle Reibung zwischen Alltagsleben und Geheimnis. Die Stars haben derweil nur ein bekanntes Gesicht, aber keine Charaktere.

Gerade um die letzte dramatische Rolle des viel zu früh verstorbenen Oscarpreisträgers Philip Seymour Hoffman ist es schade. Wenn sein Bachmann in der bewegendsten Szene des Films unvermittelt aus dem Auto aussteigt und zu Fuß weitergeht, weiß man, was der Inszenierung fehlt: frische Luft. "A Most Wanted Man" ist deshalb alles andere als ein "Most Wanted Film".

Quelle: teleschau - der mediendienst