Caroline Peters

Caroline Peters





Das Herz bleibt verrückt

2007 änderte sich das Leben der Theaterschauspielerin Caroline Peters dramatisch. Damals begannen für die im Fernsehen weitgehend unbekannte 35-Jährige die Dreharbeiten zur neuen ARD-Serie "Mord mit Aussicht". Peters spielte die Hauptrolle der in die Eifel versetzten Kölner Kommissarin Sophie Haas. Heute ist "Mord mit Aussicht", die ebenso ironische wie menschliche Erzählung über das defizitären Leben in der Provinz, eine der ganz wenigen deutschen Serien, die sowohl beim Publikum als auch bei der Kritik gut ankommen. Caroline Peters spricht im Interview zum Start der dritten Staffel (ab 09. September, dienstags, 20.15 Uhr, ARD) über innere Veränderungen in sieben Serienjahren, ihre eigene Schüchternheit und die unterschätzten, starken Gefühle von Menschen mittleren Alters.

teleschau: Sie spielen seit sieben Jahren Sophie Haas. Was haben Sie in der Zeit gelernt - als Schauspielerin und als Mensch?

Caroline Peters: Als Schauspielerin auf jeden Fall eine ganze Menge. Wir drehten das erste Mal im Juli 2007. Das sind sieben Jahre unseres Lebens, die wie im Flug vergangen sind. Als ich mit der Serie anfing, war ich wenig kameraerfahren. Ich hatte vorher hauptsächlich Theater gespielt. Mit Serien hatte ich schon gar nichts am Hut. Dass man über eine lange Zeit einfach mal 14 Stunden täglich an einer solchen Serie arbeitet, dass dabei immer 40 Leuten zusehen und man sich dennoch die ganze Zeit voll konzentrieren muss - all das war eine enorme Veränderung für mich. Mich hat es am Anfang irre angestrengt. Heute bin ich abends zwar genauso müde wie damals, aber ich fühle mich viel wohler und sicherer bei dieser Arbeit und mit meiner Rolle. Ich bin viel selbstbewusster geworden. Als Hauptdarstellerin einer lang laufenden Serie wächst man in eine besondere Art der Verantwortung hinein.

teleschau: Werden Sie heute oft erkannt und angesprochen?

Peters: Seit zwei, drei Jahren habe ich das Gefühl, dass es erheblich mehr geworden ist. Meistens sind die Leute sehr nett, weil ihnen die Serie gefällt. Dass sie mir das sagen, ist ja auch völlig okay. Dennoch waren solche Gespräche anfangs nicht einfach. Ich bin eher schüchtern veranlagt, keine große Meisterin im Small Talk. Wenn ich irgendwo hingehe, zum Beispiel auf eine Party, habe ich oft das Gefühl, dass in den Augen der Menschen gerade Sophie Haas angekommen ist. Manchmal fühle ich mich auch wie eine dritte Person - sozusagen eine Mischung aus Sophie Haas und mir.

teleschau: Wenn man Sie, zum Beispiel auf einer solchen Party, näher kennenlernt - müssen Sie dann gegen Vorurteile ankämpfen, weil Ihre Gesprächspartner zu wissen glauben, wie Sie ticken?

Peters: Ja, manchmal schon. Aber ich glaube, dass es heute vielen Menschen so geht. Weil man ja fast jeden, den man trifft, vorher googeln kann. Es passiert kaum noch, dass sich zwei Menschen verabreden, die nicht schon vorher viel über sich zu wissen glauben, weil sie schon im Internet über den anderen ein bisschen recherchiert haben. Ich finde diesen Zustand seltsam. Ich muss mich an dieses Zeitphänomen immer noch gewöhnen.

teleschau: Werden Sie auch manchmal komplett mit Ihrer Rolle verwechselt?

Peters: Ja, das passiert überraschend oft. Wenn mich Leute im Supermarkt beobachten, habe ich manchmal das Gefühl, die sehen tatsächlich Sophie Haas in mir. Und als im Flughafen mal das Gepäck irgendwelcher Leute weg war, kamen die zu mir und sagten: "Hey, Sie sind doch Polizistin, können Sie da nicht was machen?"

teleschau: Sie leben wegen Ihrer Theaterarbeit vorwiegend in Wien. Wie bekannt ist Sophie Haas dort?

Peters: Die Serie lief im ORF, daher kennt man mich auch dort als Fernsehschauspielerin. Insgesamt werde ich dort aber eher als Burgschauspielerin angesprochen.

teleschau: Es heißt, dass Deutsche und Österreicher einen gänzlich anderen Humor haben. Funktioniert dieser neue, ungewöhnliche deutsche Humor aus "Mord mit Aussicht" für die Österreicher?

Peters: Ja, die Serie lief dort sehr erfolgreich. Das hat mich ehrlich gesagt gewundert. Tatsächlich sind die Österreicher ja keine großen Fans der Deutschen. Geschweige denn, dass sie ihnen Humor zutrauen. In den Augen eines Österreichers, ich übertreibe ein wenig, sind die Deutschen steif und zu nichts zu gebrauchen, wenn es ums echte Leben geht (lacht). Die Österreicher finden es total gut, dass die Deutschen in "Mord mit Aussicht" über sich selbst lachen können. Darum geht es ja vorwiegend in der Serie. Um die eigenen Unzulänglichkeiten im Leben...

teleschau: Die Serie läuft sogar in Italien!

Peters: Ja, und da rede ich fließend Italienisch - ist das nicht toll? Ein Freund, zeigte mir einen Ausschnitt davon auf seinem Handy. Ich fand mich total sexy, so auf Italienisch (lacht).

teleschau: Sie fanden sich nicht amputiert, ohne eigene Sprache?

Peters: Nein, gar nicht. Ich fand es geil. Auch, weil ich gar nicht wusste, dass wir in Italien laufen.

teleschau: Woody Allen hat mal gesagt, als er seine deutsche Synchronstimme hörte, dass sie viel besser zu ihm passen würde, als die eigene ...

Peters: Ich kann das verstehen. Weil man sich selbst im Film ohnehin immer als jemand Fremdes sieht und hört. Jeder kennt doch dieses Phänomen, wenn man die eigene Stimme aufgezeichnet hört, dass man erst mal denkt: Was, das bin ich? Ich glaube, wir Menschen trauen uns immer erst mal nicht so recht, wenn wir uns selbst von außen sehen. Das ist selbst bei Schauspielern nicht anders.

teleschau: Sie sagen, dass Sie schüchtern sind. Haben es schüchterne Menschen im Schauspielberuf schwerer als selbstbewusste?

Peters: Nein. Ich glaube, sie haben es leichter. Ich habe neulich erst ein schönes Zitat von Robert Mitchum gelesen. Er sagte, Schauspiel sei die Rache der Schüchternen. Offensichtlich war er selbst schüchtern. Ich konnte diese Aussage gut verstehen. Du hast deine ganze Kindheit und Jugend damit verbracht, hinter den anderen zu verschwinden. Du hast natürlich wahnsinnig darunter gelitten. Und jetzt müssen einem diese Leute die ganze Zeit still zugucken - weil man auf der Bühne steht, eine Leinwand oder das Fernsehen ausfüllt (lacht). Ich glaube außerdem, dass auch mir dieser Beruf gut tut. Allein deshalb, weil ich mich immer wieder überwinden muss.

teleschau: Kommen wir ruhig noch mal auf "Mord mit Aussicht" zurück. Wie hat sich die Serie in diesen sieben Jahren verändert?

Peters: Unser Dorf hat unheimlich expandiert (lacht). Es gibt jetzt acht oder neun Kirchen, wir haben ein Schloss, eine Burg, einen Camping-Platz, eine Holländer-Siedlung. Sogar ein Villen-Viertel ist dazugekommen. Es gibt aber noch eine Sache, die auffällt: Sophie Haas bekommt immer mehr Probleme mit der Liebe. In der dritten Staffel taucht ein neuer Mann auf, aber es gibt auch noch den Tierarzt, den sie irgendwie liebt. Ich finde es toll, dass eine reifere, erwachsene Frau wie Sophie Haas derlei Probleme hat. Ich finde das so realistisch.

teleschau: Wie meinen Sie das?

Peters: Wenn man jünger ist, denkt man ja, dass ab einem gewissen Alter alles klar geregelt und geordnet sein müsste in Sachen Liebe. Dann kommen wir selbst in dieses Alter und müssen feststellen: Es ist nicht so. Wir stellen fest, dass man doch immer noch genauso verwirrt sein kann wie vor 20 Jahren. Ich kenne viele scheinbar stabile Ehen von erwachsenen Leuten, die in die Krise geraten: Wegen einer Jüngeren oder weil man plötzlich enorme Probleme mit den eigenen Eltern hat - dann, wenn die alt werden. Es gibt heute einfach massig Probleme, die man nicht hatte, als man jünger war. Nur die Vehemenz des Gefühls, der Liebesprobleme - das alles bleibt gleich. Wer das, vielleicht nach vielen Jahren der Ruhe, plötzlich erkennen muss - das ist dann oft ein ganz schöner Schock. Dass Sophie Haas eine erwachsene Frau ist, der man in der Liebe etwas Teenagerhaftes zugesteht, finde ich total richtig.

teleschau: Weil es die Befreiung von der klischeehaften Idee ist, dass wir alle ganz vernünftig sind, wenn wir erst erwachsen sind?

Peters: Genau! Das ist ein großer Irrglaube. Wir werden zwar älter, aber das Herz bleibt total verrückt. Ist ja auch kein Wunder, wenn man bedenkt, was der Mensch alles auszutragen hat zwischen 35 und 60. Da sollst du Karriere machen, Geld verdienen, Kinder bekommen und groß ziehen, dich um deine Beziehung kümmern und zunehmend auch um die eigenen Eltern. Wer soll dabei nicht verrückt werden? Ich denke, dass wir dieses Lebensgefühl bei Sophie Haas in Staffel drei ganz gut eingefangen haben.

teleschau: Schauen Sie eigentlich selbst gerne Serien?

Peters: Natürlich. Serien sind ja zu Recht in aller Munde, weil es seit einigen Jahren einfach viele hervorragende Sachen gibt. Zuletzt war ich begeistert von der dänischen Polit-Serie "Borgen". Die ist enorm spannend. Weniger spannend sind für mich Krimis, ich finde sie sogar meistens ziemlich langweilig. Trotzdem bin ich ein großer Fan von "Sherlock". Benedict Cumberbatch ist ein faszinierender Schauspieler, dem ich einfach stundenlang zusehen kann. Außerdem fällt mir noch einer meiner Lieblings-Schauspieler aus den USA ein: Ted Danson. Er spielt in einer kleinen HBO-Serie namens "Bored To Death", die ist ganz großartig. Sie steht wie "Mord mit Aussicht" so ein bisschen zwischen allen Genres, irgendwo zwischen Komödie, Krimi und Gesellschaftsstück. Vordergründig geht es um eine Männerfreundschaft und um zwei Typen, die klassische Detektivgeschichten lösen, obwohl sie das eigentlich nie gelernt haben. Die Serie ist auch filmisch sehr schön, weil sie gerne Bilder aus der "Schwarzen Serie" und anderen älteren Filmen zitiert. Hintergründig geht es in "Bored To Death" um die Frage, wie moderne Menschen, sagen wir Hipster, heute in Brooklyn leben. Richtig gut!

teleschau: Gibt es für Sie auch eine beste Serie aller Zeiten?

Caroline Peters: Ja, "Six Feet Under". Das ist ein in sich geschlossenes, geniales Werk. Mit einem monumentalen Spannungsbogen über alle Staffeln. Allein das schreit schon nach höchster Bewunderung für die Macher. Ich habe nach "Six Feet Under" nie mehr eine Serie gesehen, die mich derart elektrisierte. Vielleicht auch, weil das die erste dieser modernen Serien war, die ich gesehen habe. Wenn ich an deutsches Fernsehen denke, fallen mir die alten Mehrteiler ein, die ich auch großartig fand. Wenn man heute über Serien spricht, vergisst man gern so etwas wie "Heimat" von Edgar Reitz. Auch "Felix Krull" oder "Berlin Alexanderplatz" von Fassbinder. All das war Fernsehen auf höchstem Niveau, lange bevor jedermann von der Serie als Kunstform gesprochen hat. Und das kam sogar aus Deutschland!

Quelle: teleschau - der mediendienst