Michael Kessler

Michael Kessler





"Austauschbares verpufft"

Hat man es geschafft, wenn eine Sendung unter dem eigenen Namen startet? Diese Frage quittiert Schauspieler Michael Kessler zunächst mit einem interessierten "Oh", dann aber doch mit einem kaum euphorischen "Na ja". Schaffen sei relativ, sagt Kessler mit der ihm eigenen Distanz zum persönlichen Werk. Dieser Mann, Komiker, Schauspieler und Theaterregisseur, 47 Jahre alt, findet wirklich, dass sein Beruf mit einer Bringschuld verbunden ist. Was er sagt, meint er auch, Phrasen sind ihm fremd. Bekannt wurde er durch "Switch" und "Switch reloaded", seit 2010 fährt er in den neuen Bundesländern über Land, spricht mit Leuten und schaut mit "Kesslers Expedition" immer aufs Neue einfach mal, was so passiert. Er, der wieder "ein wenig mehr Begeisterung fürs Fernsehen entfachen" will, ist gerade wieder mittendrin in einem spannenden Projekt. "Kessler ist ..." heißt eine hochanspruchsvolle Personality-Doku, die ab Donnerstag, 4. September, 22.05 Uhr, bei ZDFneo mit sechs Folgen läuft. Dabei schaut Kessler sich seinen Gast lange an und wird schließlich zu dessen Spiegelbild.

teleschau: Ihre neue Show heißt "Kessler ist ..." - Hat man es geschafft, wenn ein Format unter dem eigenen Namen startet?

Michael Kessler: Na ja, das mit dem Schaffen ist relativ. Ich bin dafür da, etwas anzubieten, das dem Publikum gefällt. Dafür gibt es den Beruf des Schauspielers, dessen Aufgabe es ist, die Zuschauer zum Lachen, Nachdenken oder zum Weinen zu bringen. Viele Kollegen vergessen, dass es unseren Beruf ohne Publikum nicht gäbe. Und wenn sich die Leute für das interessieren, was ich tue, dann habe ich es geschafft. Was nicht heißt, dass ich dem Publikum nach dem Mund rede.

teleschau: Was tun Sie stattdessen?

Kessler: Ich würde gerne wieder ein wenig mehr Begeisterung fürs Fernsehen entfachen. Das Verhältnis des Publikums zum Medium Fernsehen ist nicht mehr das Beste. Viele insbesondere junge Menschen haben sich abgewendet, deswegen ist es wichtig, vieles anders zu machen, Neues zu wagen.

teleschau: Bei "Kessler ist ..." beobachten Sie einen Prominenten, verwandeln sich in die Person und beantworten Fragen, die der Prominente quasi sich selbst stellt. Es geht weniger um eine perfekte optische Kopie, sondern um den Menschen und Inhalte.

Kessler: Mir wurde das Format vor einem Jahr vorgestellt, es existiert auch in Schweden und Holland, kommt aber ursprünglich aus Israel, wo die Rolle von einem bekannten Journalisten und nicht von einem Schauspieler übernommen wird.

teleschau: Das Format passt so gut zu Ihnen, dass man denken könnte, es sei für Sie entworfen worden.

Kessler: Vielleicht ergeben "Kesslers Expedition" (seit vier Jahren im rbb, d. Red.) und mein Mitwirken bei "Switch" in Kombination eine ideale Mischung. Denn man brauchte für die Produktion jemanden, der einerseits Gespräche führen kann und andererseits in verschiedene Figuren schlüpft.

teleschau: Die Sendung vermittelt den Eindruck, dass Sie unendlich viel Zeit haben, eine Sache gut zu machen.

Kessler: Wir drehen die 30 Minuten in vier Tagen, und ich habe rund zwei Wochen Zeit, mich mit einem Prominenten zu beschäftigen. Dabei mache ich mir zunächst als stummer Beobachter viele Notizen und denke über mögliche Themen nach, die mich interessieren. Ich tauche so tief ein wie mich der Prominente lässt.

teleschau: Mit dieser plötzlichen Nähe gehen die Gäste vermutlich recht unterschiedlich um.

Kessler: In der Tat. Das ist sehr interessant, aber ich betreibe keinen Sensationsjournalismus, der Dinge enthüllen soll. Der Prominente hat vielmehr die Chance, sich selbst anders zu sehen und eventuell etwas über sich zu lernen. Der eine ist dafür offener, der andere weniger.

teleschau: Müssen Sie aufpassen, dass das Eintauchen nicht in Pedanterie ausartet?

Kessler: Ich bin von Natur aus pedantisch. Was aber nicht heißt, dass ich die letzte Zimmerecke im Haus von Joachim Llambi oder Michaela Schaffrath durchforste. Allerdings habe ich schon einen Anspruch: Ich möchte nicht übers Wetter reden. Das muss man manchmal durchaus mehrfach vermitteln.

teleschau: Sie sehen nicht unbedingt aus wie die ehemalige Pornodarstellerin.

Kessler: Nein, und man wird sicher erst mal lachen, wenn man mich so sieht. Selbst mithilfe der Maske kann ich mich nur annähern, aber die Optik tritt durch die Dynamik des Gesprächs in den Hintergrund. Der finale Moment hat einfach eine unglaubliche Spannung.

teleschau: Man könnte die Sendung aber nicht "Besessen von ..." nennen?

Kessler: Nein, es ist eine Reise: Ich lasse mich auf den Menschen ein, bin neugierig und visiere das Ziel an, so zu werden wie er. Aber besessen bin ich nicht von ihnen. Ich finde es gut, dass wir viele unterschiedliche Bereiche abdecken, vom Sportler Matthias Steiner über Moderator Markus Kavka bis zum Vollblutmusiker Heino. Wir suchten Menschen, die sich auf das Experiment einlassen, haben viele, viele Menschen gefragt ...

teleschau: Und sicher viele Neins gehört.

Kessler: Ja, viele waren sehr vorsichtig, wussten nicht, worauf Sie sich einlassen und wollten doch lieber erst mal sehen, was das werden soll. Ich kann das verstehen, aber bei "Kessler ist ..." braucht man keine Angst haben, veräppelt oder vorgeführt zu werden.

teleschau: Nein, es ist viel schlimmer: Man sieht und hört sich selbst. Diese Konfrontation mit dem eigenen Spiegelbild beinhaltet Momente, in denen man vor dem Fernseher den Atem anhält.

Kessler: Jedenfalls muss man nicht befürchten, parodiert zu werden. Aber es stimmt, das Interview am Ende ist ein ganz besonderer Fernsehmoment. Und es ist eine der schwersten Aufgaben, die ich in meinem Beruf bisher gemacht habe, weil ich auf so viele Dinge parallel achten muss. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie spannend das ist und wie aufregend - und zwar für mich und für den Prominenten.

teleschau: Wenn wir jetzt eine Kessler-Begegnung hätten, würden wir Ihnen zum Beispiel die Frage "Finden Sie sich lustig?" stellen.

Kessler: Könnte man machen, denn die Überschrift wäre "Wer ist Michael Kessler?" - und sicher wollen Sie jetzt auch eine Antwort. Da würde ich dann, glaube ich, mit Ja antworten.

teleschau: Könnte man so ein Format nicht ewig machen, weil es so viele Herausforderungen bietet und Spaß macht?

Kessler: Ewig kann man heute gar nichts mehr machen im Fernsehen, sondern nur solange wie der Zuschauer Lust hat, das zu sehen.

teleschau: Ordnen Sie Ihre Vorlieben immer sofort den herrschenden TV-Gesetzen unter?

Kessler: Ja, ich richte mich, wie anfangs erwähnt, immer nach dem Publikum und glaube, die Haltbarkeitswerte von Fernsehformaten sind heute viel kürzer als früher. Man möchte leider schnell wieder etwas Neues haben, und dem müssen wir uns anpassen.

teleschau: Sind Sie wirklich so uneitel?

Kessler: Für Schauspielerverhältnisse bin ich relativ uneitel. Wenn Sie sehen, wie ich bei der "Expedition" herumlaufe, mit ausgeleiertem T-Shirt und strubbligen Haaren ... Mir geht es eben darum, keine heiße Luft zu produzieren. Das soll das Publikum merken, das auf der Suche nach Inhalt, Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit ist. Damit versuche ich es ein bisschen zu versorgen in einer Zeit, in der das schwer ist, weil das Vertrauensverhältnis zwischen Publikum und dem Medium Fernsehen gestört ist. Aber ich bin sicher: Austauschbares verpufft, nur Qualität kann helfen wieder für das Medium zu begeistern.

teleschau: In "Kesslers Expedition" haben Sie erstaunlicherweise offenbar keinerlei Angst vor dem Unberechenbaren.

Kessler: Ich bin ja eigentlich ein ängstlicher Mensch (lacht), aber ich liebe es, mich da reinzuschmeißen und zu sehen, was passiert. Das ist ein Gefühl von Freiheit, verbunden mit dem Gottvertrauen, dass immer etwas passieren wird. Und es passiert ja auch immer was. Im Oktober schafft es "Kesslers Expedition" sogar in die ARD.

Quelle: teleschau - der mediendienst