Volker Schlöndorff

Volker Schlöndorff





"Hitler war ein Wahnsinniger"

Fit ist Volker Schlöndorff mit 75 Jahren noch immer. Für einen kompletten Marathon mag es nicht mehr reichen, weil ihm die Zeit zum Vorbereitungstraining fehlt, aber einen Halbmarathon nimmt der gebürtige Wiesbadener "immer wieder mal" in Angriff: "Wenn ich einige Tage nicht laufe, ärgere ich mich darüber. Mein Ärger verfliegt beim Laufen." Und auch ohne das Filmemachen kommt Schlöndorff nicht aus: Nach seiner oscarprämierten Grass-Verfilmung "Die Blechtrommel" (1979), "Der neunte Tag" (2004) und "Das Meer am Morgen" (2011) setzt sich der Wahlpotsdamer einmal mehr mit dem Zweiten Weltkrieg auseinander. Mit "Diplomatie" (Start: 28.08.) kehrt er nach Paris zurück, eine Stadt, die den jungen Schlöndorff prägte.

teleschau: Herr Schlöndorff, was ist für Sie das Besondere an Paris?

Volker Schlöndorff: Paris ist die erste Großstadt, die ich in meinem Leben gesehen habe. Mit 15 fuhr ich das erste Mal mit meinem Vater dorthin. Bis dato kannte ich nur Wiesbaden und Mainz - und die lagen in Schutt und Asche. Das öffnete mir die Augen: So sieht also eine große Stadt aus. Und diese Menschen: Ich erinnere mich, wie wir in einem Café saßen und die Leute an uns vorübergingen. Frauen, die mir unheimlich elegant vorkamen. Das war eine Initialzündung. Von da an wollte ich nach Paris. Mit 17 kam ich dort an und blieb zehn Jahre. Ich habe die Schule dort beendet, gelernt, Filme gemacht und die Stadt zu Fuß erkundet. Ich glaube heute noch, dass ich jeden Straßenwinkel kenne, wenigstens vom alten Paris. In Paris war ich zum ersten Mal verliebt, habe eigentlich alles dort zum ersten Mal gemacht. Wie könnte ich nicht an der Stadt hängen?

teleschau: Auch Adolf Hitler war von der Stadt begeistert. Seine Konsequenz bestand darin, dass er versuchte, die Stadt in seinem "Groß-Berlin" nachzuahmen.

Schlöndorff: Er war ja, wenn man das glaubt, Maler und Möchtegern-Architekt. Mit Speer entwickelte er all diese Pläne. Eines der für ihn schönsten Gebäude war die Pariser Oper, die für mich eher eine barocke Torte ist. Nachdem Hitlers Plan nicht aufging und Berlin ein Trümmerfeld war, sollte auch Paris in Trümmern liegen. Strategisch und militärisch war der Befehl, Paris zu zerstören, vollkommen unsinnig.

teleschau: Was verrät uns das über die Person Hitler?

Schlöndorff: Er war ein Wahnsinniger. Am Ende steckte er völlig in seinem Wahn. Anfangs litt er unter einem Frankreichkomplex, er hasste Frankreich, weil er im Ersten Weltkrieg dort gekämpft hatte und verwundet wurde. Er konnte sich nicht auszeichnen. Das wollte er später nachholen. Er war besessen wie ein Piefke, überall das Größte und Schönste haben zu müssen. Sein Schönheitsbegriff war merkwürdig, man schaue sich nur seine Modelle für Berlin an: Die sind alle scheußlich, aber immer groß. Der größte Rundbau, die längsten Säulen ... ein amerikanischer Supermarkt-Geschmack.

teleschau: Am Zweiten Weltkrieg arbeiten Sie sich mit Ihren Filmen seit vielen Jahren ab.

Schlöndorff: Das ist ein Generationsproblem. Nachdem ich mit 17 nach Frankreich kam und aus der Perspektive der Franzosen gesehen habe, was wir Deutschen im Zweiten Weltkrieg angestellt haben, blieb immer wieder die gleiche Frage: Wie war das möglich? Die habe nicht nur ich mir gestellt, auch all meine Schulkameraden und überhaupt alle Menschen fragten: Was habt ihr Deutschen euch dabei gedacht? Ihr seid doch ein zivilisiertes Volk. Auf diese Frage suche ich immer noch die Antwort. Nicht mit jedem Film, aber das Thema ist immer da.

teleschau: Und konnten Sie sich einer Antwort nähern?

Schlöndorff: Inzwischen weiß man, dass es auf die Frage nicht eine, sondern viele Antworten gibt. Eine Antwort war die des General Choltitz.

teleschau: Der widersetzte sich, wie Sie in "Diplomatie" zeigen, Hitlers Befehl, Paris zu zerstören.

Schlöndorff: Choltitz war einerseits preußischer Offizier, aber andererseits ein Junker mit kulturellem Horizont. Er muss erkannt haben, dass seine Taten Konsequenzen haben, die weit in die Zukunft reichen. Wäre Paris gesprengt worden, hätte es wohl keinen Handschlag zwischen De Gaulle und Adenauer gegeben. Die französische Versöhnung wäre schwer gefallen, genau wie die mit Polen. Ich wäre nie nach Frankreich gegangen, von daher bin ich auch ein Betroffener.

teleschau: In "Diplomatie" illustrieren Sie, wie der schwedische Konsul Raoul Nordling dem deutschen General ins Gewissen geredet haben könnte. Ein fiktionales Gespräch ...

Schlöndorff: Mein Choltitz ist nicht der echte Choltitz. Der Konsul ist nicht der echte Konsul. Es ist die Vorstellung von zwei Menschen, die sich in dieser Situation befinden. Viele klassische Theaterstücke sind so geschrieben, "Der Prinz von Homburg" oder "Maria Stuart" etwa. Sie sind alle Kunstfiguren - und trotzdem kommt eine Dokumentation nie so nah an den realen, lebenden Menschen ran wie diese Fiktion.

teleschau: Was glauben Sie, hat den General tatsächlich bewegt, sich gegen alles zu stellen, an das er bis dahin glaubtet?

Schlöndorff: Er hat an eine Sache geglaubt, nämlich an die Ehre der Offiziersfamilie. Er versuchte herauszufinden, ob er die Ehre dieser Familie mehr befleckt, indem er den Gehorsam verweigert - was das Schlimmste für einen Offizier ist - oder indem er Paris auslöscht. Aus dieser Zwickmühle kam er nicht heraus, das lähmte ihn. Deshalb zögerte sich seine Entscheidung so lang hinaus, bis er am Ende kaum noch eine Wahl hatte: Die Alliierten standen vor der Tür. Einen konkreten Moment, in dem er "Ja" oder "Nein" sagen musste wie im Film, gab es vermutlich nicht.

teleschau: Niels Arestrup, der General Dietrich von Choltitz in "Diplomatie" spielt, sagt über Sie: "Er hat uns Freiräume gegeben und es dabei geschafft, eine Atmosphäre des gegenseitigen Vertrauens herzustellen." Ist das Ihr Rezept, Schauspieler anzuleiten?

Schlöndorff: Ja, das hat sich aus meiner Erfahrung so ergeben. Es nützt nichts, einem Schauspieler die Motivation seiner Figur umständlich zu erklären. Man muss ihm helfen, an die eigenen Gefühle ranzukommen. Man soll nicht Schauspieler wie Kaninchen vor der Schlange betrachten, die hypnotisiert werden. Das ist nicht meine Sache.

teleschau: Sie schenken also Vertrauen?

Schlöndorff: Ich bewundere Schauspieler. Man sagt immer, sie müssten sich öffnen. Das heißt, sie müssen zulassen, dass man ihre innersten Geheimnisse zeigt, die wir doch alle im täglichen Leben verstecken wollen. Sie machen sich unglaublich verletzbar. Dazu sind Schauspieler nur bereit, wenn sie sich vom Regisseur beschützt fühlen, wenn sie sicher sein können, dass er ihre Würde nicht verletzt. Und man muss ihnen zuhören, wenn sie spielen. Der Regisseur ist ihr erstes Publikum und muss sensibel für ihre Schwierigkeiten oder ihre Ideen sein. Verwerfen kann man das immer noch. Es entsteht eine Offenheit durch diesen Schutz.

teleschau: In welchem Rahmen geschieht das bei einer Schlöndorff-Produktion?

Schlöndorff: Ich komme zu den Schauspielern in die Garderobe und rede dort mit ihnen über alles. Nicht unbedingt über die kommende Szene, aber wir haben einen fließenden Übergang von unserem Gespräch bis zu unserer Arbeit. Es entsteht eine Natürlichkeit, die es unmöglich macht, unnatürlich zu spielen. Eine ganz diffizile Angelegenheit.

teleschau: Sie haben sich sowohl als Geschäftsführer der Filmstudios Babelsberg als auch als Filmemacher in den USA versucht. Beide Entscheidungen bezeichneten Sie in Interviews einst als Fehler. Was würden Sie heute anders machen?

Schlöndorff: Das weiß man nie, weil sich auch aus Fehlern häufig positive Dinge ergeben. Die Entscheidung für Babelsberg fiel getreu dem Motto: Einer muss es machen. Ich war vielleicht der Geeignetste. Das überall gepriesene Studio gäbe es heute sonst nicht mehr. Aus Karrieresicht hätte ich zu dieser Zeit aber besser in Amerika bleiben sollen, wo ich gerade angefangen hatte. Aber ich tat mich mit Hollywood schwer, ich konnte mit diesen Leuten nicht. Deshalb versuchte ich mein Glück in New York. Dort ist man aber in das Ghetto des Independentfilms verdammt. Das war alles vollkommen unbefriedigend. Ich merkte, dass ich in Europa bessere Arbeitsmöglichkeiten habe. Also begrub ich den Traum von Hollywood und arbeitete dort, wo ich es am besten konnte.

teleschau: Mittlerweile werden in Babelsberg Ihre Visionen umgesetzt.

Schlöndorff: Dass dort große Filme und nicht nur Fernsehen gedreht wird, war tatsächlich meine Absicht. Ich würde mir aber wünschen, dass die Filme, die dort entstehen, so groß wie die amerikanischen werden, allerdings mit europäischem Inhalt und Talent. Jetzt sind wir hauptsächlich Dienstleister. Ein Schritt weiter wäre noch besser.

teleschau: Hollywood scheint derzeit Probleme zu haben, Stoffe zu entwickeln. Wäre das nicht die Gelegenheit für das europäische Kino?

Schlöndorff: Wir dürfen das Problem nicht hierher importieren und denken, wir drehen jetzt Hollywoodfilme. Das muss organisch wachsen, von einer kleineren zu einer größeren Produktion, um irgendwann eine ganz große zu realisieren. Sonst bekommt man irgendwann dieselben Probleme. Da muss jetzt eine andere Generation ran. Ich kann keine Rezepte liefern. Einen großen Stoff aber hätte ich, an dem arbeite ich zurzeit. Vielleicht setze ich den dann in Babelsberg um.

teleschau: Worum soll es gehen?

Schlöndorff: Eine Mischung aus Satire, Komödie und höherem Ernst. Eine große Konferenz, die unter Bismarck in Berlin stattfand, in der Afrika mit dem großen Lineal auf der Landkarte aufgeteilt wurde. So wie es heute existiert. Das ist grotesk und himmelschreiend. Das wäre ein interessanter Stoff. Diese Grenzen sind heute immer noch spürbar. Es ist ja auch erst 130 Jahre her.

teleschau: In Ihren Filmen spielt Gerechtigkeit eine wichtige Rolle ...

Schlöndorff: Das ist ein Fimmel von mir. Wenn ich das Gefühl habe, das etwas ungerecht ist, muss ich mich einmischen. Das war schon in der Schule so. Diesen Impetus habe ich in mir. Der ist weniger politisch, als die Leute meinen. Meine niedrige Toleranzgrenze ist ganz konkret überschritten, wenn ein Mensch schlecht behandelt wird. Selbst im Tierreich mit seinen Hackordnungen gibt es keine willkürliche Ungerechtigkeit. Die wird nicht toleriert.

Quelle: teleschau - der mediendienst