Peter Scholl-Latour

Peter Scholl-Latour





Der Erklärer

Peter Scholl-Latour ist tot. Der Journalist und Autor ist am Samstag in Rhöndorf am Rhein gestorben. Das teilten die Ullstein-Buchverlage mit. Er wurde 90 Jahre alt.

Scholl-Latour galt als der populärste Auslandsreporter der deutschen Nachkriegs-Geschichte. "Scholl auf Tour" wurde er früher genannt - nahezu jeden Flecken der Welt hat er in seiner über 60 Jahre dauernden Karriere besucht. Häufig war er im Irak und im gesamten Nahen Osten, dem ewigen Brennpunkt der politischen Welt. Zeit, sich aus dem Fernseh- und Reportergeschäft zurückzuziehen, fand er nie. "Warum soll ich meinen Lebensstil ändern, wenn ich dazu noch physisch in der Lage bin?"

Wo immer auf der Welt im Zusammenhang mit dem Islam Bomben hochgingen und bei jedem größeren militärischen Konflikt wurde Peter Scholl-Latour zu Rate gezogen. Bis zuletzt war er regelmäßiger Gast in der TV-Talkshows. Mit näselnder Stimme und schnellen Worten brachte er dann seine Ansichten und Einschätzungen auf den Punkt und trieb dadurch so manchem honorigen Islamwissenschaftler die Zornesfalten auf die Stirn.

"Es ist schwer, gegen den Strom zu schwimmen, aber es lohnt sich", hat er einmal sein Arbeits-Credo definiert. "Ich habe immer Anti-Positionen eingenommen und mir dafür viel Ärger eingefangen." Kritiker warfen ihm bisweilen vor, ein undifferenziertes Bild von komplexen Sachverhalten zu vermitteln und neue Feindbilder an die Wand zu malen. Doch meist trafen seine Prognosen ins Schwarze. Der Lohn dafür waren eindrucksvolle Verkaufszahlen seiner Sachbücher ("Der Tod im Reisfeld", "Das Schwert des Islam") und eine ungebrochene Medienpräsenz. Seine Fachkenntnis stellte niemand in Frage, seine Standpunkte und verwendeten Mittel hin und wieder schon.

Peter Scholl-Latour, der fließend Arabisch sprach, sah und erlebte zweifellos viel in seinem Leben. Dem Arztsohn, dessen Eltern aus Elsass-Lothringen stammten, wurde der Grenzgang quasi in die Wiege gelegt. In der französischsprachigen Schweiz besuchte er ein Jesuitenkolleg, machte 1943 in Kassel sein Abitur und diente bis 1947 als französischer Fallschirmjäger in Indochina. In den 50er-Jahren studierte er unter anderem Politik in Paris, machte dort seinen Doktor und arbeitete nebenbei als Journalist für verschiedene Zeitungen. 1960 wurde er Afrika-Korrespondent für die ARD, stand einige Jahre dem Pariser ARD-Studio vor und versuchte sich von 1969 bis 1971 sogar als Programmdirektor des WDR, bevor er zum ZDF wechselte und bis 1983 ebenso für die Mainzer das Pariser Studio leitete.

Nach einem kurzen Ausflug auf den Chefredakteursposten des "Stern", in turbulenten Zeiten war das, als das Magazin den Skandal um die gefälschten Hitler-Tagebücher zu verkraften hatte ("Immerhin habe ich es von Himmelfahrt bis Aschermittwoch geschafft", erklärte er damals in seiner Abschiedsrede den Mitarbeitern), verlegte er sich verstärkt auf das Schreiben von Büchern und das Drehen von Dokumentationen, vor allem über den Nahen Osten und Russland. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter das Bundesverdienstkreuz und den Henri-Nannen-Preis. WDR-Intendant Tom Buhrow würdigte Scholl-Latour in einer ersten Stellungnahme als großen Journalisten und Reporter: "Sein Tod berührt mich tief. Mit seinen Erfahrungen, Erlebnissen und Einschätzungen bereicherte Peter Scholl-Latour unsere Arbeit und unsere Sicht auf die Welt."

Peter Scholl-Latour gelang es als einem der wenigen Journalisten in den vergangenen Jahrzehnten, einem breiten Fernsehpublikum die Welt da draußen mitsamt ihren Konflikten ein Stück weit näher zu bringen. Er weckte das Interesse der Menschen an der Außenpolitik und führte auf diesem Wege auch stets einen Kampf für die Toleranz.

Gerade in jüngeren Jahren ging er dafür nicht selten ein hohes Risiko ein. Im Spätsommer 1973 wurde er mitsamt seinem Drehteam von Vietkong-Soldaten gefangen genommen und einige Tage festgesetzt. Anschließend berichtete er ausgewogen und journalistisch-neutral von einer "fairen Behandlung" - und einem eher merkwürdigen Vorfall: An ihrem letzten Abend in Gefangenschaft saßen sie mit den vietnamesischen Soldaten zusammen am Lagerfeuer, als diese ein Revolutionslied anstimmten. "Wir wollten nicht nachstehen, also haben auch wir gesungen", erzählte Peter Scholl-Latour. Weil ihnen damals nichts Besseres einfiel, bekamen die Bewohner des vietnamesischen Dschungels "Glühwürmchen, Glühwürmchen flimmere" zu hören.

Nach Angaben des Propyläen Verlags soll sein letztes Buch ("Der Fluch der bösen Tat. Das Scheitern des Westens im Orient") im September erscheinen. Über den Tod sprach Scholl-Latour stets sehr pragmatisch. So habe er, gab er einmal an, bereits ein Grab für sich und seine Frau in Rhöndorf bei Bonn gekauft: "Von dort aus hat man einen tollen Blick auf den Rhein." Scholl-Latour war zum zweiten Mal verheiratet. Er hinterlässt einen Sohn aus erster Ehe.

Quelle: teleschau - der mediendienst