Mr. May und das Flüstern der Ewigkeit

Mr. May und das Flüstern der Ewigkeit





Große Zurückhaltung

Es gibt so seltsame Berufe, die sich nur im Kino wunderbar zelebrieren lassen. Das ist der Ort, an dem man erfährt, womit ein Beerdigungsbeamter sein Geld verdient: Ein Funeral Officer macht eigentlich eine sehr schöne Arbeit. Das weiß man, wenn man in "Mr. May und das Flüstern der Ewigkeit" gesehen hat, wie Mr. May an seine Aufgaben geht.

Er ist ein ernster Mann mit hängenden Schultern, gleichwohl nicht deprimiert oder deprimierend. Der Herr in dem grauen Mantel ist ein freundlicher. Sein Leben ist so übersichtlich wie das von "Walter Mitty", der Anfang des Jahres aus seiner Tristesse gerissen wurde. Doch wo Ben Stiller im Film eine Weltreise unternahm, will John May (Eddie Marsan, bisher ein Mann für präzise gespielte Nebenrollen) eigentlich nur so weitermachen wie bisher: akribisch seine Fälle lösen. Im Auftrag der Londoner Stadtverwaltung kümmert er sich um Alleinstehende, um Menschen, die einsam gestorben sind.

May geht in deren Wohnung, findet Gegenstände, erahnt, was eine Rolle in deren Leben spielte, und aus diesen Schnipseln bastelt er eine Rede, um Abschied zu nehmen von einem Toten, für den sich sonst keiner interessiert. Hier und da rührt sich nun bestimmt der erste Widerstand: Was soll denn das? So sieht das auch der Chef von Mr. May und streicht die Stelle. Noch ein letztes Mal darf May agieren, einem gewissen Billy Stoke die letzte Ehre erweisen. Stoke wohnte gegenüber von unserem Protagonisten und sicher berührt er ihn deshalb auch besonders. Denn auch Mr. May ist einsam. Von daher wird nicht viel gesprochen in dieser langsam erzählten Geschichte über einen gar nicht so leblosen Mann.

Uberto Pasolini hat sich von zwei Seiten diesem Film genähert. Einmal war da das Interview mit einem Funeral Officer, das ihn nachdenklich stimmte. Wieso werden so viele Menschen vergessen? Die Einsamkeit in Zusammenhang mit dem Tod beschäftigte den Regisseur, und wie so oft fielen die Gedanken auf besonders fruchtbaren Boden, weil die Situation passte. Pasolini war gerade geschieden worden, und nach 20 Jahren erlebte er das Gefühl, abends in ein dunkles, stilles Haus zu kommen.

Er fühlte sich allein, machte in allen Zimmern das Licht an, ließ das Radio laufen. Und dann war der Weg nicht mehr weit zu dem Gedanken, einsam zu sterben. Dennoch ist "Mr. May" kein trauriger, sondern höchstens ein melancholischer Film. Kein Film über den Tod, sondern einer über das Leben, wie der Regisseur betont. Und es stimmt. Auch wenn der Alltag des Funeral Officer ein wenig exzentrisch anmutet, so ist man doch nach und nach sicher, dass er diesen Beruf gerne macht und dass es ein schöner Job ist. Denn es lohnt sich bei jedem Leben genau hinzuschauen, sogar beim eigenen.

Quelle: teleschau - der mediendienst