Another Me - Mein zweites Ich

Another Me - Mein zweites Ich





Der Weg zu Polanski

Polanski und Hitchcock nennt die spanische Regisseurin Isabel Coixet als ihre großen Vorbilder . Nun versucht sie, mit ihrem Teenager-Mystery-Thriller "Another Me - Mein zweites Ich" in deren Fußstapfen zu treten. Auf den ersten Blick scheinen sich die als viel zu groß erweisen. Schaut man jedoch genauer hin, beschleicht einen der Verdacht, dass die begabte Regisseurin, die großartige Filme wie "Mein Leben ohne mich" und "Das geheime Leben der Worte" drehte, eigentlich nur einen großen Fehler begangen hat. Und der bestand in der Wahl der Jugendromanvorlage von Cathy MacPhail, die Coixets Drehbuch zugrunde liegt.

Vielleicht hätte sich Coixet einfach nur die Grundidee von "Another Me" borgen sollen, die eigentlich schon genug Stoff für einen zeitlos spannenden Teenagerfilm böte: Geht es in dieser Phase des Lebens doch darum herauszufinden, wer man ist - was natürlich mit eingebildeten und real motivierten Ängsten einhergeht.

Ausgerechnet in diesem naturgemäß schwierigen Lebensabschnitt des Lebens ist die heile Familienwelt von Fay ("Game of Thrones"-Darstellerin Sophie Turner in ihrer ersten Kinorolle) zusammengebrochen: Der Vater (Rhys Ifans) sitzt seit einiger Zeit mit Multipler Sklerose im Rollstuhl, die einst so glückliche und unbeschwerte Familie wohnt nun in einer heruntergekommenen Wohnsiedlung in Wales. Zu allem Überfluss entdeckt Fay, die aus dem Off kommentiert, dass ihre Mutter (Claire Forlani) eine verzweifelte Affäre mit Fays Schauspiellehrer (Jonathan Rhys Meyers) hat. Hat Fay womöglich nur deshalb die Hauptrolle der Lady Macbeth an der Seite ihres Schwarms Drew (Gregg Sulkin) bekommen? Oder schlimmer noch: Wurde ihr die Rolle sozusagen als "Opferbonus" zugesprochen, wie ihre neidische Mitschülerin Monica (Charlotte Vega) behauptet?

Als Fay anfängt, sich beobachtet und verfolgt zu fühlen, liegt deshalb die Vermutung nahe, dieses besonders verunsicherte Teenager-Mädchen entwickle paranoide Züge wie einst die Tänzerin in Aronofskys "Black Swan". Doch Kameramann Jean-Claude Larrieu und Regisseurin Coixet mit ihrem untrüglichen Gespür für Atmosphäre legen bald noch eine zweite, gruselige Spur: Dass Fay wirklich von jemandem verfolgt wird, der ihr obendrein unheimlich ähnlich sieht.

Trotzdem will der Spannungsfunke einfach nicht richtig überspringen. Das liegt zum einen an den Bildern, die Fays vermeintlichen Verfolgungswahn veranschaulichen sollen: Schaukeln, die sich wie von Geisterhand bewegen, ein unheimlicher Tunnel, ein schauerlicher Fahrstuhl, flackerndes Licht, zerberstendes Glas - all das wirkt schon ein wenig verbraucht.

Zum anderen bleiben die Figuren so schablonenhaft, dass man sich mit ihnen kaum identifizieren kann: Selbst großartige Schauspielerinnen wie Geraldine Chaplin als schrullige Nachbarin und Hauptdarstellerin Sophie Turner, die durchaus in der Lage ist, den Film zu tragen, können kaum gegen platte Dialogzeilen anspielen. Auch scheinen viele Handlungsstränge, manche ohnehin nicht gerade originell, nicht zu Ende gedacht worden sein. Die Auflösung des Mystery-Films wirkt sogar schlichtweg hanebüchen. Das hin und wieder aufschimmernde Oszillieren zwischen paranormalen Phänomenen und Fays Paranoia werden letztlich von einem schlechten Drehbuch erstickt.

Einen guten Rat, den man Teenagern mit auf den Lebensweg geben kann, ist frei nach Samuel Beckett, dass man etwas versuchen muss - und wenn man gescheitert ist, es wieder versuchen muss. Um beim nächsten Mal besser zu scheitern. Bis zu Polanski ist es noch ein Stück Weg, aber auf jeden Fall darf man auf den nächsten Film der hochtalentierten Isabel Coixet wieder sehr gespannt sein.

Quelle: teleschau - der mediendienst