Ob mit oder ohne Polanski ...

Ob mit oder ohne Polanski ...





Auch ohne Stargast hatte das 67. Internationale Filmfestival von Locarno ein umfangreiches Programm

Die Nachricht traf den Festivalleiter Carlo Chatrian schwer. Seit dem vergangenen Jahr im Amt, musste er nach der Absage Roman Polanskis, der aufgrund der Proteste der christdemokratische Partei CVP nicht in die Schweiz reisen wollte, doch einen der Höhepunkte des 67. Internationalen Filmfestivals von Locarno aus dem Programm streichen. Es war für ihn "der schwärzeste Tag, seit ich gebeten wurde, Direktor des Festivals zu sein", sagte der Mailänder, der in diesem Jahr ein eher durchwachsenes Wettbewerbs- und Piazza-Programm bot. Favoriten auf den Goldenen Leoparden, der am Samstag, 16. August, vergeben wird, gibt es nur wenige.

Roman Polanski sollte auf der Piazza einen Ehrenpreis entgegennehmen, zusammen mit seiner Ehefrau Emmanuelle Seigner. Der gemeinsame Film "Venus im Pelz" lief im Spätprogramm auf der Piazza. Anderntags hätte eine "Masterclass", ein Publikumsgespräch mit dem Regie-Altmeister und Oscarpreisträger folgen sollen. Solche Begegnungen gab es in diesem Jahr immerhin mit der mittlerweile 86-jährigen Regisseurin Agnès Varda, einer der Vorbotinnen der französischen Nouvelle Vague, und mit dem russischen Regisseur Alexander Sokurow. Auch Schauspieler wie Armin Mueller-Stahl oder Mia Farrow unterhielten sich mit den Besuchern des offenen A-Festivals.

Nicht nur Polanskis Absage an Locarno darf als Reaktion auf die Meinungsbildung rechtskonservativer Politiker gelten. Gleich mehrere Filme aus der heimischen Schweiz versuchten, sich gegen die hier um sich greifende Einwanderungsangst zu wenden. Rührend, wenn in Peter Luisis "Schweizer Helden", einer Koproduktion mit dem Schweizer Fernsehen, ein schwarzer Einwanderer auf der Altdorfer Bühne in die Rolle des Apfelschützen Tell steigt und sich mit seinem Treffer - "Es ist geschafft!" - in die Herzen der Zuschauer stiehlt. Eine naiv-emsige Fremdenbetreuerin und selbsternannte Gruppentherapeutin hat ihn und seine Freunde in mühseliger Kleinarbeit zu diesem Theatererfolg gebracht. Ein Heimatfilm, der sich ganz und gar auf seine moralische Gutbotschaft verlässt, durchsetzt mit teils freiwilligem, teils auch unfreiwilligem Humor, und somit alles in allem schon wieder schön.

Ähnliches hat auch der Westschweizer Fernand Melgar im Sinn, der sich bereits in mehreren preisgekürten Dokumentarfilmen um die Belange der Asylanten gekümmert hat - zuletzt in "Vol spécial" über die "Ausschaffung" unerwünschter Migranten. In "L'Abri" (deutsch: der Bunker) beobachtet er die allabendliche Sortierung der Obdachlosen in einem Lausanner Bunkerasyl. Und wieder zeigt er, welchen Zwängen auch die Angestellten der Notunterkunft selbst unterworfen sind.

Die Kunst des russischen Regisseurs Yury Bykov besteht dagegen darin, politische Strukturen aus nächster Nähe in einem nahezu dokumentarischen Spielfilm zu zeigen. In "Durak" kämpft ein einsamer Held, Ingenieurstudent und Hausmeister eines umkämpften Wohnblocks nebenbei, gegen korrupte Kommunalpolitiker einer Kleinstadt nahe Moskau. Nicht frei von Längen, ist Bykovs Film von geradezu Eisensteinscher Wucht, wenn er "die da unten" und "die da oben" aufeinanderprallen lässt.

Während die asiatischen Filme des Wettbewerbs, die vor allem aus Südkorea kamen, diesmal wenig Eindruck hinterließen, überzeugte ein leiser, kleiner Film aus Brasilien. "Ventos de Agosto" von Gabriel Mascaro spielt fast stumm 77 Minuten lang zwischen zwei Menschen auf einer Kokosfarm an der brasilianischen Küste. Ein Film, der aus kleinen, komischen Szenen besteht, aber auch aus tiefsinniger Mythologie - ein federleichtes Spielfilmdebüt aus Brasilien.

Ein gern gesehener Gast auf Festivals von Venedig bis Cannes und bereits vielfach preisgekürt ist der 1958 geborene Fillipino Lav Diaz, der in Locarno mit "Mula sa kung ano ang noon" vertreten ist: ein bildkräftiger fünfeinhalb-Stunden-Opus über die Zeit vor und während der Marcos-Diktatur auf dem flachen Lande. Gleich zu Beginn des Festivals wurde der Anspruch auf den Hauptpreis des Festivals mehr als deutlich.

Nicht viele Beiträge des Wettbewerbs, dem ja noch ein eigener Nebenwettbewerb für erste und zweite Filme angeschlossen ist, werden überdauern. Umso erfreulicher, dass es auf der Piazza mit ihren leider immer umkämpfteren Plätzen doch manches Juwel zu entdecken gab. Neben Blockbuster-Previews wie dem SciFi-Actionfilm "Lucy" lockten vor allem die israelisch-palästinensische Romeo-und-Julia-Story "Dancing Arabs" von Eran Riklis, deren Start beim Jerusalemfestival bekanntlich just in die beginnenden Auseinandersetzungen um Gaza fiel und daher dort zurückgezogen wurde. Eine Tragikomödie, die Zeitlosigkeit für sich beanspruchen kann - ebenso wie "A la vie".

Jean-Jacques Zilbermann lässt hier anno 1961 drei ehemalige Insassinnen des Konzentrationslagers Auschwitz in einem französischen Seebad wieder zusammentreffen. Und es wird deutlich, dass die Befreiung von damals noch lange nicht zu Ende ist. Noch gilt es, viele Missverständnisse auszuräumen und manche Wahrheiten aus der Versenkung hervorzuholen. Doch Julie Depardieu, Suzanne Clément und Johanna Ter Steegen machen das so gut, dass es an einem glücklichen Fortgang beim künftigen alljährlichen Wiedersehen an der See keinen Zweifel geben kann.

Dem deutschen Piazza-Film "Hin und weg" (Kinostart: 23.10.) fehlte diese Leichtigkeit. Zu sehr wird das Augenmerk auf den bevorstehenden freiwilligen Tod eines unheilbar Kranken (Florian David Fitz) gelenkt, als dass hier Heiterkeit noch wirklich eine Chance hätte. So gerät dessen letzte Bitte an seine Freunde, eine gemeinsame Fahrradtour nach Belgien, eher zu einem Partyspiel auf Rädern als zu einem melancholischen Roadmovie, das eine letzte Reise mit viel Sympathie begleitet.

Dennoch gab es für Christian Züberts Beitrag viel Beifall in Locarno. Auch das Wetter spielte bei der Vorführung mit - viele andere Crews konnten sich nicht so glücklich im Freien auf der großen Bühne präsentieren wie die deutschen Darsteller Florian David Fitz, Julia Koschitz und Jürgen Vogel. Denn diesmal gab es viele dunkle Tage - nicht nur den einen nach der Absage von Roman Polanski. Aber auch er hätte, wenn er gekommen wäre, viel Sonnenschein gehabt.

Quelle: teleschau - der mediendienst