Peter Weck

Peter Weck





Das Alter macht Ernst

In seiner österreichischen Heimat ist Peter Weck eine Theaterlegende. Der 84-Jährige war Schauspieler, Regisseur und Produzent. Oft spielte er im Gegensatz zu seinen "leichten" Rollen in deutschen Filmen und Serien auf der Bühne durchaus schwere Stoffe. Hierzulande sorgte die 80er-Jahre Serie "Ich heirate eine Familie", bei der er auch Regie führte, für Wecks Legendenstatus. 1966 lernte der Wiener das Mannequin Ingrid Muttone lernen, ein Jahr später heiratete das Paar, der Ehe entsprangen zwei Kinder. Im April 2011, nach 44 Jahren Ehe, starb Peter Wecks Frau überraschend an einem Herzinfarkt. Danach zog sich der Schauspieler völlig aus der Öffentlichkeit zurück. Nun kehrt er mit einer Rolle zurück, die seinem TV-Image völlig entgegensteht. Im bösartigen Wiener "Tatort: Paradies" (Sonntag, 31. August, 20.15 Uhr, ARD) spielt Peter Weck den verzweifelten Insassen eines Altersheims.

teleschau: In Ihrem "Tatort" sagt ein Kommissar, dass alte Leute gefährlich sind, weil sie nichts mehr zu verlieren haben. Stimmt das?

Peter Weck: Für diesen "Tatort" mag das stimmen. Eigentlich glaube ich jedoch nicht daran. Die meisten Menschen werden im Alter eher milder.

teleschau: Der Fall ist, wie es sich für einen österreichischen "Tatort" gehört, ziemlich grimmig. Sie haben ein Leben lang unterhaltsame, leichte Stoffe gespielt. Warum nun dieser späte Wandel?

Weck: Das war ja eben der Reiz. Die leichten Rollen habe ich auch nur im Fernsehen gespielt. Im Theater war ich weitaus dramatischer. Im Film bekam ich früh das Mäntelchen des sympathischen, guten Menschen umgehängt. Dabei spielte ich immer lieber das Dramatische. Man kann den Dingen nicht immer entkommen, mit denen man bedacht wird...

teleschau: Der nette Peter Weck hat Sie selbst genervt?

Weck: Na ja, was heißt genervt? Ich war nie unglücklich damit. Aber natürlich hätte ich vor der Kamera gern mehr miese Typen verkörpert. Hin und wieder ist es mir geglückt, zum Beispiel in den Filmen "Die Mutprobe" oder "Aimée und Jaguar". Ansonsten waren es eben immer wieder Familienväter. Dieses Image hat sich in Zusammenhang mit meiner Person offensichtlich eingebrannt in den Köpfen jener Menschen, die in den Besetzungsbüros sitzen.

teleschau: An diesem Image ist natürlich "Ich heirate eine Familie" schuld. Warum blickt man heute immer noch in glückliche Gesichter, wenn man diese 30 Jahre alte ZDF-Serie erwähnt?

Weck: Ja - ich weiß, das ist tatsächlich eine Kultsendung geworden. Ich denke, es lag daran, dass die Geschichte aus dem Leben gegriffen war. Die Drehbücher von Curth Flatow, daran war nichts konstruiert. Und ich habe versucht, es auch so zu inszenieren. Ich erinnere mich, dass sich die Schauspieler alle sehr identifizieren konnten mit ihren Rollen. Der Zuschauer erkennt all diese Qualitäten, da bin ich mir sicher. Deshalb wurde die Serie auch so oft wiederholt und ist heute noch in gutem Gedächtnis.

teleschau: Vor vier Jahren haben Sie eine Biografie veröffentlicht. Der Titel lautete: "War's das?". Wie würden Sie die Frage heute beantworten?

Weck (lacht): Jetzt kann ich natürlich sagen - das war's noch nicht! Als ich das Buch schrieb, war ich mir sicher, dass ich der Erste in unserer Familie bin, der abtritt. Doch das Schicksal wollte es anders. Nach all dem Glück, das ich in meinem Leben hatte, holte es gegen Ende meines Lebens noch mal richtig aus, um mich zu beuteln. Manche Leute sagen, ich sollte eine Fortsetzung des Buches schreiben, aber das will ich nicht. Das Thema ist für mich abgeschlossen.

teleschau: Sie verloren im Frühjahr 2012 überraschend Ihre Frau, danach zogen Sie sich aus der Öffentlichkeit zurück...

Weck: Ich brauchte etwa zwei Jahre, um mit dieser Situation klarzukommen. Um all die Gefühle und Gedanken zu durchleben. Es war richtig, dass ich es so gemacht habe. Trotzdem musste ich mich dann irgendwann neu programmieren. Die Rolle im "Tatort" ist das Erste, was ich seitdem gemacht habe. Ich bin froh über diesen Schritt, denn das Drehen machte mir sehr viel Freude. Das kann ich nicht von jedem meiner früheren Projekte behaupten.

teleschau: Wie kam es überhaupt zu dieser "Tatort"-Rolle?

Weck: Mit dem Autor Uli Brée habe ich früher ab und zu gearbeitet. Er schrieb Dinge, die ich inszenierte. Als er einen "Tatort" schrieb, der im Altersheim spielt, dachte er offenbar an mich (lacht). Die meisten Leute meinten und sagten ja: "Der Weck, der will nicht mehr!" Uli Brée aber rief mich einfach an, um mir zu sagen, dass er beim Schreiben dieser Rolle immer an mich gedacht hatte. Als ich das Buch las, musste ich nicht lange nachdenken.

teleschau: Der "Tatort" behandelt auch das Thema Altersarmut. Kennen Sie viele ältere Schauspieler, denen es so schlecht geht wie den Figuren in diesem "Tatort"?

Weck: Grundsätzlich kann es jeden treffen, dass man im Alter mittellos dasteht. Man kann entlassen werden oder plötzlich nicht mehr gefragt sein. Armut ist immer eine Geschichte, die aus dem Leben gegriffen ist. Egal welchen Beruf man ausgeübt hat oder wie viel Geld man irgendwann einmal hatte. Und ein Leben im Altersheim ist ohnehin immer eine zwiespältige Geschichte.

teleschau: Wie meinen Sie das?

Weck: Viele Menschen sehnen sich danach, in die Pension zu gehen und dann nur noch vor sich hin zu träumen. Ich bin da absolut gegenteilig gepolt (lacht), ich bin ein Kämpfer. Solange mich keine schwere Krankheit wie Alzheimer trifft, will ich weiterarbeiten. Momentan sieht es ganz gut aus. Das Textlernen funktioniert noch ausgezeichnet, auch körperlich fühle ich mich wohl. Ich kokettiere also nicht mit dem Altersheim. Ausschließlich unter alten Menschen zu leben, ist eine triste Angelegenheit. Auch ich möchte andere Menschen nicht ausschließlich mit meinem Alter belasten.

teleschau: Empfinden Sie das Alter als vorwiegend melancholische Zeit?

Weck: Nein, überhaupt nicht. Man muss es nur durchleben, dann kann das Alter genauso spannend sein, wie jeder andere Lebensabschnitt auch. Es ist mir nicht gegeben, mich alt und abgeschlossen zu fühlen, das will ich auch nicht. Es gibt genauso viele Anforderungen und Aufgaben im Alter wie früher auch. Man muss sie nur erledigen. Was allerdings nicht funktioniert, ist der Versuch, ewig jung sein zu wollen. Der Taxameter läuft immer weiter - und die Zahlen in Klammern hinter dem eigenen Namen werden mehr. Dennoch gibt es in jedem Lebensalter Dinge, in denen man sich beweisen kann. Es geht darum, diese Herausforderungen anzunehmen.

teleschau: Schaffen Sie das, was viele Philosophien fordern und was dennoch so vielen Leuten schwerfällt - immer im Moment zu leben?

Weck: Ich schaffe es nicht immer, versuche aber, mich in diese Richtung zu disziplinieren. Eigentlich bringe ich nicht allzu viel Talent mit, im Moment zu leben. Ich habe ja sehr viel getan in meinem Leben, ein Projekt folgte dem anderen. Dabei waren auch viele Dinge, die man mit großer Euphorie begann, die sich dann aber als gruselig herausgestellt haben. Mal hat einem der Partner nicht gepasst, dann der Regisseur nicht. In solchen Fällen war ich im Kopf immer schon bei der nächsten Sache. Ich konnte eigentlich nie gut den Moment auskosten. Jetzt traf mich zum ersten Mal im Leben der Moment so hart, dass ich total gebremst wurde. Da ging dann auch nichts mehr. Ich konnte mich auf nichts konzentrieren, deshalb nahm ich auch keine Arbeit mehr an. Man kann sagen, ich habe spät gelernt, im Moment zu leben.

teleschau: Was hat Sie diese Zeit gelehrt?

Weck: Es war eine Zeit, die so sein musste. Anderseits habe ich gelernt, dass sich Abschotten und Nichtstun auf Dauer zu nichts führt. Man muss sich selbst am Leben beteiligen, um Freude daran zu haben.

teleschau: Es gibt also keinen Ausweg aus einer Zeit der Trauer, wenn man sie nicht in aller Härte durchlebt hat?

Weck: Ja, absolut. Man kann nach einem solchen Schlag nicht das eine Hemd ausziehen, ein anderes wieder an, und schon ist man wieder fein gebügelt. Wer einen geliebten Menschen verliert, fällt in ein sehr tiefes Loch. Da muss man gegen alle möglichen Dinge kämpfen und gegen manche auch nicht. Das braucht seine Zeit. Bei mir hat es zwei Jahre gedauert. Weg ist der Schmerz nie, aber er fühlt sich irgendwann anders an. Plötzlich habe ich gesehen, dass jetzt ein neuer Lebensabschnitt da ist. Einer, den ich auf andere Art erfüllen muss.

teleschau: Sie sehen das Leben vor allem als Pflicht?

Weck: Ja, aber Pflichten tun uns gut. Ich habe das vor allem daran gesehen, wie meine Kinder nach dem Tod meiner Frau mit mir umgegangen sind. Wenn man ein Hallodri ist und sein Leben so sieht, dass man von einem Event ins nächste fällt, wird man über das Wort Pflicht die Nase rümpfen. Doch ich war immer jemand, der sich gefragt hat, warum er auf der Welt ist. Mein Antwort war: Damit ich etwas machen kann. Etwas, das mich und andere erfüllt. Wenn man so denkt, ist die Pflicht nicht weit weg. Ich habe für mich erkannt, dass die Aufgabe, die ich übernommen habe, offensichtlich noch nicht zu Ende ist. Deshalb bin ich jetzt dabei, sie zu Ende zu führen.

teleschau: Sie planen neue Projekte?

Weck: Es gibt wieder Anfragen, die prüfe ich. Nach dem "Tatort" wissen die Leute, dass sie mich auch anders als früher einsetzen können. Das ist gut.

teleschau: Was tun Sie, wenn Sie nicht arbeiten?

Weck: Es gibt einen Leseabend, den ich immer wieder mal dazwischen mache. Zuletzt war ich in Berlin und Leipzig. Ich habe sogar schon fürs kommende Jahr einen Vorvertrag für ein Theaterstück in der Josefstadt.

teleschau: Jetzt haben Sie doch wieder die Arbeit erwähnt auf die Frage, was Sie tun, wenn Sie nicht arbeiten...

Weck: Stimmt (lacht). Das mag daran liegen, dass ich nichts anderes gewohnt bin. Ich bin im Leben, vielleicht zum Nachteil meiner Frau, nie ein großer Urlauber gewesen. Statt dessen stürzte ich von einem Projekt ins andere. Ich erhole mich bei der Arbeit. Dann, wenn sie gut ist. Das funktioniert viel besser als jeder Strand (lacht)!

Quelle: teleschau - der mediendienst