Kristina Bach

Kristina Bach





Visionärin mit Gefühl

Seit fast 25 Jahren gehört Kristina Bach zu den erfolgreichsten deutschen Schlagersängerinnen. Ihren größten Hit gab sie aber einer anderen: Aus ihrer Feder stammt Helene Fischers Superhit "Atemlos durch die Nacht". Jetzt veröffentlicht Bach ihr neues Album "Leben ist Liebe!", auf dem eine englischsprachige Version des Stückes zu hören ist. Denn die Komponistin will sich nicht auf deutschen Schlager reduzieren lassen, wie die 52-Jährige bei Bratwurst und Apfelschorle beim Interview in Hamburg deutlich macht. Sie erklärt aber auch, was ein guter Schlagersong haben muss, spricht darüber, wie sie den Kult um "Atemlos" empfindet und wie ihr Verhältnis zu Helene Fischer wirklich ist.

teleschau: Sie haben für Helene Fischer das Lied "Atemlos durch die Nacht" geschrieben. Nun erscheint der Song als englische Version unter dem Titel "Take A Breath" auf Ihrem eigenen neuen Album. Warum?

Kristina Bach: Weil er im Original auch in Englisch war! Ich hatte für Helene bis dahin Texte geschrieben, die Kompositionen stammten aber immer von Jean Frankfurter. Deshalb war ich sehr überrascht, als Helene mich nach einem gemeinsamen Auftritt fragte, ob ich einen Song für sie hätte. Ich hatte keinen und erteilte ihr erst mal eine Absage. Aber ich hatte gerade jede Menge Melodien für mein eigenes Album komponiert. Die Möglichkeit zu haben, auch mal mit einer eigenen Komposition auf ihrem Album vertreten zu sein, fand ich sehr verlockend. Und ich sagte mir: OK, schick ihr mal ein Klavierdemo. Auf das Instrumental hat dann noch schnell einer meiner Chorsänger etwas Denglisches drauf gesungen.

teleschau: Wie kam das Lied dann zu seinem deutschen Text?

Bach: Helene erkannte sofort die Substanz des Songs. Ich hatte bereits vier andere Texte für ihr Album "Farbenspiel" geschrieben. Ganz zum Schluss textete ich dann "Atemlos". Zuerst hatte ich nur die Refrainzeile. Dann entstand der Text Stück für Stück.

teleschau: Sie arbeiten schon länger mit Helene Fischer zusammen. Gibt es eigentlich eine Freundschaft zwischen Ihnen?

Bach: Wir haben einen guten Draht zueinander.

teleschau: Wie wird man eigentlich Schlagerautorin?

Bach: Ich wollte immer schon ein zweites Standbein haben, falls es mit der Gesangskarriere mal vorbei ist. Ich machte mir zunächst als Texterin mit Michelle einen Namen. Dann war ich als Komponistin erst mal nur für mich selber, später auch für andere tätig. Und irgendwann hatte ich mein eigenes Label und trat als Produzentin in Erscheinung. Da kam peu à peu mit den Jahren immer mehr dazu.

teleschau: Warum?

Bach: Es gibt ja viele Sänger, die Songs selbst schreiben, aber mit Verlaub, das sind dann Album-Nummern so nach dem Motto: "Lass den Künstler mal schreiben, damit der zufrieden ist." Ich hatte einen anderen Anspruch. Ich wollte Hits schreiben. Also musste ich auch als Autorin Erfolge nachweisen. Für Jeanette Biedermann schrieb ich zwölf Top-Ten-Hits in Folge - und das auf Englisch. "Atemlos" ist jetzt mein 13. Top-Ten-Hit.

teleschau: Welches Ego ist denn mittlerweile größer: das der Texterin und Komponistin oder das der Sängerin Bach?

Bach: Das Ego der Autorin ist schon ausgeprägt. Ich möchte ja gern ein Musical schreiben. Das ist mein nächster Plan!

teleschau: Also selbst das Gesicht für den Hit hinzuhalten, ist Ihnen gar nicht mehr so wichtig?

Bach: Doch schon, es muss halt passen.

teleschau: Was ist Ihre Lieblingszeile aus "Atemlos"?

Bach: Mir gefällt das Bild mit dem Liebestattoo ganz gut, auch wenn das in dem Song nur ein Fragment ist. Ich bin eher der metaphorische Typ.

teleschau: Worte wie "Atemlos" und "Nacht" kommen auch auf Ihrem eigenen Album ein paar Mal vor. Gibt es bestimmte Worte, die im Schlagerbereich gut kommen?

Bach: Die deutsche Sprache ist ja keine Singsprache wie Italienisch, Englisch oder Französisch. Sie ist eher eckig, aber Gott sei Dank vielfältig genug, um gute Synonyme zu finden für das, was man ausdrücken will. Ich bin immer bemüht, neue Bilder und Wortspiele zu finden. Es gibt durchaus Neuschöpfungen auf meiner Platte.

teleschau: Zum Beispiel?

Bach: Zeilen wie: "Wir sind gaga, das mit Stil. Visionäre mit Gefühl." Aus meinem Lied "Traumtänzerball".

teleschau: Im Internet gibt es unzählige Parodien von "Atemlos". Gefällt Ihnen das eigentlich?

Bach: Das ist schon verrückt. Es ist ein Phänomen, das nicht nur den Song feiert. Ich war mal im "Bierkönig" auf Mallorca, und da wird immer die Version "Hackevoll durch die Nacht" gesungen und alle grölen mit. Und danach spielen sie direkt das Original.

teleschau: Wiener Polizisten auf Streife haben "Atemlos" im Auto zum Youtube-Hit gemacht. Auch schon mal auf Youtube verfolgt, was es da so alles gibt?

Bach: Nee, ich bin eher retro. Ich kann ja nicht mal mein Handy anständig bedienen und würde es am liebsten ins Meer werfen. Ich sehne mich nach den Telefonzellen zurück, für die man nur Groschen haben musste. Ich bin nicht so der große Internetsurfer. Ich habe vor kurzem erst meinen Facebook-Account gelöscht.

teleschau: Ihre Fans haben das ja teilweise als Zeichen der Arroganz gewertet!

Bach: Ich weiß! Aber ich will das nicht mehr. Ich will nicht mehr ständig online sein müssen. Es ist ein Bedürfnis nach Ruhe vorhanden.

teleschau: Obwohl das natürlich unklug ist, wenn man gerade ein Album auf den Weg bringen will.

Bach: Ich habe das einfach unabhängig vom Album entschieden.

teleschau: Nerven Sie denn auch diese ständigen Vergleiche mit Andrea Berg und Helene Fischer?

Bach: Ich bin zufrieden mit dem, was ich habe und darstelle.

teleschau: Weil Sie unabhängig sind?

Bach: Genau! Das war ich schon immer. Ich sorgte, seitdem ich 18 bin, immer für mich selbst. Ich war immer autark und unabhängig. Und das half mir letztlich in einer Männerdomäne wie dem Musikgeschäft, mich zu behaupten.

teleschau: Sie haben mal gesagt, ein Künstler sollte polarisieren! Aber solche Künstler gibt es im Schlagerbereich doch kaum!

Bach: Wenn ein Jürgen Drews nicht polarisiert, wer dann?

teleschau: Aber den liebt doch heute jeder!

Bach: Dennoch polarisiert er. Es gibt immer noch viele, denen er nach wie vor suspekt ist, weil er so verrückt ist - liebenswert verrückt. Die Meinungen müssen ja nicht immer total weit auseinanderklaffen, um zu polarisieren. Auch Jeanette Biedermann hat polarisiert, weil sie als Soapstar immer künstlerisch in Frage gestellt wurde. Was eigentlich ungerecht war.

teleschau: Aber Helene Fischer ist momentan doch wirklich Everybody's Darling!

Bach: Früher polarisierte grundsätzlich jeder Schlagersänger. Jetzt, wo Helene den Schlager gesellschaftsfähig gemacht hat, schämt man sich nicht mehr, man findet es einfach cool.

teleschau: Wenn sich Helene Fischer für eine Popkarriere entschieden hätte, hätte sie das wohl nicht erreicht.

Bach: Wer weiß! "Atemlos" ist ja eigentlich ein Popsong, deutschsprachiger Europop! Was ich seit Jahren mache und schreibe, ist weniger schlagerhaft. Aber die Leute denken immer nur in Schubladen und sagen: Das ist Schlager! Dass durch Helene diese Musik sozusagen als neuer deutscher Pop-Schlager gefeiert wird, ist eine gute Entwicklung. Aber wie gesagt, ich mach das schon ganz lange.

teleschau: Heißt das im Umkehrschluss, dass es Helene Fischer gebraucht hat, um den Song so populär zu machen? Oder hätte das auch mit einer anderen Sängerin funktioniert?

Bach: Fakt ist ja, dass der Fokus auf der ersten Single, die ihr Album angekündigte, ja viel größer war - und das war "Fehlerfrei" und nicht "Atemlos". Es muss also auch an dem Song liegen. Ein Hit muss ja erst mal geschrieben werden, um ein Hit werden zu können.

teleschau: Hätte das Lied etwa zu einer Andrea Berg genauso gepasst?

Bach: Ich könnte mir vorstellen, dass das mit Andrea Berg auch sehr erfolgreich geworden wäre. Aber für Helene war es auf den Punkt. Ein Hit spiegelt immer den Zeitgeist wider, er muss immer zur richtigen Zeit vom richtigen Interpreten performt werden. Ich glaube, dass man in letzter Konsequenz einen Hit nicht planen kann. Man kann den sicher gut vermarkten, aber schlussendlich entscheidet das Publikum über einen großen Erfolg.

Quelle: teleschau - der mediendienst