The Gaslight Anthem

The Gaslight Anthem





Für immer abgestempelt?

Tattoos sind auch nicht mehr das, was sie einmal waren. Scheinbar jeder darf sie nun leicht sichtbar durch die Straßen umhertragen, vom pubertierenden Teenie-Chick bis zum asketischen Dorfkaplan, wo sie doch einst ausschließlich Erkennungszeichen von zwielichtigen Gestalten, weltenbummelnden Matrosen oder gestandenen Rockern waren. So sind auch The Gaslight Anthem nicht die harten Typen, die ihre teils volltätowierten Körper vor 20, 30 Jahren noch hätten vermuten lassen - spätestens das sehr emotionale neue Album "Get Hurt" macht das klar. Es wird eben immer schwieriger, Menschen einen Stempel aufzudrücken. Dennoch verbrauchten Kritiker im Laufe der letzten acht Jahre fast so viel Tinte, um die Rocker abzustempeln wie die Band für ihren Körperschmuck.

Zum einen wäre da ein dickes, fettes Punk-Rock-Siegel, mit dem The Gaslight Anthem seit den ersten Band-Tagen versehen werden. Ganz klar, alle vier - Sänger Brian Fallon, Bassist Alex Levine, Schlagzeuger Benny Horowitz und Gitarrist Alex Rosamilia - entstammen der Punk-Szene. Auch nach der Band-Gründung 2006 suchte man noch für einige Zeit die Nähe zu deren Heroen. So supportete man Bands wie Social Distortion und arbeitete mit Dicky Barrett von den Mighty Mighty Bosstones oder Chris Wollard von Hot Water Music zusammen. Das führt dazu, dass noch heute in vielen Artikeln und Rezensionen das Attribut "Punk-Rock-Band" benutzt wird. Doch die Farbe dieses Stempels scheint langsam zu verblassen. Punk-Rock machen die vier Jungs aus New Jersey nämlich keinen.

Zu pathetisch, zu verkopft für Punk-Rock ist die Musik von The Gaslight Anthem. Ohnehin fand sich schnell ein anderes Charakteristikum, das spätestens seit dem ersten Band-Erfolg, ihrem zweiten Album "The '59 Sound" (2008), als prägend betrachtet wird. The Gaslight Anthem werden ständig mit Bruce Springsteen verglichen, die "New York Times" machte Sänger Fallon 2012 sogar zum Erben des Meisters. Auch heute gibt es eigentlich kein Interview, bei dem sich Fallon nicht zu Springsteen äußern muss. Für einen Songtexter und Sänger aus New Jersey, von wo auch der "Born In The USA"-Sängers stammt, natürlich eine große Ehre.

Zwischenzeitlich nahm der 34-Jährige es aber auch als Fluch wahr und reagierte teilweise schnippisch auf die Vergleiche. Doch mittlerweile geht er recht souverän damit um, wenn er auf das Thema angesprochen wird: "Wenn jemand findet, dass wir uns anhören wie der oder der, finde ich das vollkommen okay. Wir werden nicht anfangen und uns verändern, nur um diese Vergleiche zu umgehen", sagte er 2012. Der 34-Jährige scheut sich auch nicht davor, Springsteen als Idol zu preisen. Dabei gehe es ihm aber weniger um dessen Musik, sondern vor allem um die Strahlkraft des Rockstars: "Er hat eine gewisse Weisheit, die man nicht in vielen Menschen findet. Wenn es darum geht, eifere ich ihm nach", verriet Fallon erst kürzlich dem "Vice"-Magazin.

Um musikalisch aber auch diesen Stempel endlich auszuradieren, hatte man mit dem neuen Album "Get Hurt" Großes vor. "Ich habe mir viele Künstler angehört, die eine Zeitenwende in ihrer Karriere einlegten, die sich irgendwann einfach erweitert haben", sagte der Sänger dem "Red Bull"-Magazin. Als Beispiel nannte er die Entwicklung von U2 zwischen "Joshua Tree" und "Achtung Baby!" oder die Sprünge zwischen den Beatles-Alben "White Album", "Abbey Road" und "Let It Be". Ein durchaus ehrgeiziges Vorhaben.

Dafür arbeitet die Band weiterhin mit verschiedenen musikalischen Spielrichtungen. Auf "Get Hurt" ist Barroom-Blues, Grunge, Folk, Pop und eben der "Boss"-artige Heartland-Rock zu hören. Die Varianz kann sich durchaus sehen lassen, doch war diese schon bei den Vorgängern vorhanden. Was sich dann doch etwas abhebt von den älteren Platten, sind die immer weiter ins Emotionale abdriftenden Texte Fallons. Die früheren bildhaften Geschichten sind ihm beinahe völlig abhanden gekommen. Figuren, die Alltägliches durchleben, findet man keine. In dieser Hinsicht hebt man sich durchaus von Springsteen ab. Will man sich so von all den Vergleichen emanzipieren?

Wohl eher nicht. Denn all der geäußerte Herzschmerz hat einen nachvollziehbaren Grund: Ohne es vorher medial an die große Glocke gehängt zu haben, verarbeitet Fallon mit seiner charakteristischen Reibeisenstimme die Trennung von seiner Frau Hollie, mit der er zehn Jahre lang verheiratet war. Der gläubige Christ - ein Stempel, der gerade in Europa auf ihm haftet, nachdem er sich in einem Interview als Kreationist outete - teilt auf der Platte seine Trauer mit dem Zuhörer. Er singt von der Angst, alleine zu sterben, davon, loslassen zu müssen und von offen liegenden Wunden.

Doch der Titel "Get Hurt", so behauptet Fallon, habe auch etwas Positives: Schmerz erfahren sei wichtig, um sich selbst kennenzulernen und sich weiterzuentwickeln. Fallons Bandkollege, Drummer Benny Horowitz, bezeichnet im "Vice"-Interview das Album auch als Katharsis des Sängers, also als seelische Reinigung, gerade weil sein Vorsteher für gewöhnlich nicht so viel über solche Themen sprechen mag: "Ich glaube, für ihn war einfach noch mehr im Spiel. Vielleicht war das Schreiben auch nötig, dass er sich besser fühlt."

Welche Stempel-Abdrücke sich nach "Get Hurt" extra für The Gaslight Anthem formen lassen, wird man in den nächsten Wochen beobachten können. Das Stichwort "Emo" wird sicherlich das ein oder andere Mal fallen und die Band länger begleiten. Was soll's. Stempel-Farbe verblasst früher oder später - genauso wie der Herzschmerz Fallons. Auf ewig bleibt nur die Tattoo-Tinte auf dessen Haut.

The Gaslight Anthem auf Deutschland-Tournee:

29.10., Düsseldorf, Mitsubishi Electric Hall

31.10., Berlin, Columbia Halle

01.11., Hamburg, Sporthalle

05.11., Saarbrücken, E-Werk

07.11., München, Zenith

13.11., Stuttgart, Porsche Arena

14.11., Frankfurt, Jahrhunderthalle

Quelle: teleschau - der mediendienst