William Fichtner

William Fichtner





Ein Amerikaner in Prag

William Fichtner, 57-jähriges Charaktergesicht aus Hollywood, dürfte fast all seinen Schauspielkollegen etwas voraus haben: Er studierte tatsächlich Kriminalistik. Gute Voraussetzungen also für die Hauptrolle in einer Cop-Serie wie "Crossing Lines" (neue Folgen ab 04.09., donnerstags, 21.15, bei SAT.1). In der geht es freilich mehr um paneuropäisches Reisen vor explosionsgeröteten Kulissen denn um hochkomplexe Ermittlungsarbeit. Dennoch verleiht Fichtner, der in Filmklassikern wie "Strange Days", "Black Hawk Down" oder "Heat" brillierte, auch der international produzierten Serie um eine europaweit agierende Polizeieinheit eine gewissen Klasse. Der New Yorker, der zwei Söhne aus zwei Ehen hat, entschloss sich im Zuge seiner Serienrolle gar zu einem für Hollywood-Verhältnisse drastischen Schritt: Er zog mit der gesamten Familie nach Prag um.

teleschau: "Crossing Lines" ist eine europäische Fernsehserie. Erkennen Sie Unterschiede zu einer amerikanischen Produktion?

William Fichtner: Grundsätzlich sind es immer dieselben Faktoren, die eine Serie in ihrer Qualität beeinflussen. Zuallererst natürlich: Wie gut ist die Story? Dann: Geben sich die Schauspieler wirklich Mühe? Und: Hast du eine Crew zusammen, die das Ganze in gute Bilder übersetzt? Wenn ich heute in Prag oder Paris drehe, stellt sich diese Frage genauso wie in Hollywood. Es macht also keinen großen Unterschied. Dazu wird "Crossing Lines" in englischer Sprache gedreht. Nein, ich erkenne wirklich keinen Unterschied.

teleschau: Da die Serie von einem europäischen Polizeiteam erzählt, kommen Sie ziemlich herum. Wie darf man sich Ihre Arbeit vorstellen?

Fichtner: Ich lebe mittlerweile in Prag. Wir drehen dort gut die Hälfte der Episoden, unser Team ist vorwiegend tschechisch. Die restlichen Episoden einer Staffel drehen wir im europäischen Ausland, zuletzt zum Beispiel in Südfrankreich oder London. Das Herumreisen ist natürlich reizvoll. Sowohl für die Zuschauer als auch für mich als Schauspieler. Sehen Sie, nur in Südfrankreich kann man eine Szene drehen, die in Südfrankreich spielen soll. Nur dort hat man das besondere Licht und diese spezielle Atmosphäre. Und ich finde auch: Nur ein Amerikaner wie ich kann diesen entwurzelten Charakter darstellen, der durch Europa geschickt wird und doch im Kopf immer mit seinen eigenen Problemen beschäftigt ist.

teleschau: Eine gesamteuropäisch agierende Polizeieinheit wie jene, die in der Serie dargestellt wird, existiert aber nicht wirklich - oder?

Fichtner: Nein. Aber ich habe einige europäische Zeitungsartikel gezeigt bekommen, in denen auf unsere Serie im Sinne einer Gründung einer solchen Einheit hingewiesen wurde. Die Logik von "Crossing Lines" ist relativ einfach: Europa hat seine Grenzen geöffnet, das bringt Vorteile mit sich. Natürlich fällt es aber auch Kriminellen dadurch leichter, Grenzen zu überschreiten und internationale Organisationen aufzubauen. Polizeieinheiten wie Interpol oder Europol, das sagte mir meine Produzentin, haben nur koordinierende, verwaltende Aufgaben. Echte Polizisten, die auf europäische Anweisung hin eingreifen können, so etwas gibt es bisher nicht.

teleschau: Sie sagen, dass Sie mittlerweile in Prag leben. Ein ungewöhnlicher Schritt für einen Hollywood-Schauspieler wie Sie...

Fichtner: Eine Serie zu drehen ist ein Fulltime-Job. Die letzte Staffel haben wir von September 2013 bis März 2014 gedreht. Ich war aber schon etwas früher in Prag, damit mein jüngerer Sohn dort sein Schuljahr beginnen konnte. Nach Ende der Dreharbeiten blieben wir in Prag, bis das Schuljahr beendet war. Früher fand ich es okay, irgendwo zu drehen und in den Pausen meine Familie in Kalifornien zu besuchen. Bei einer Serie, die vorwiegend in der Tschechischen Republik gedreht wird, ist es etwas anderes. Da war mir von Beginn an klar, dass wir alle zusammen umziehen oder ich den Job ablehne.

teleschau: Wie hat Ihre Familie reagiert, als es hieß: Wir ziehen nach Prag!

Fichtner: Es gibt dazu eine schöne Vorgeschichte. Mein jüngerer Sohn war vier Jahre alt, da sagte meine Schwester zu mir: Ich nehme euch den Kleinen eine Woche ab. Überlegt euch was, du und deine Frau, wo ihr zu zweit hinfahren wollt, irgendein Traumziel. Wir waren total aufgeregt, dachten kurz nach und kamen beide auf die Idee: Wir wollen nach Prag! Das ist nun acht Jahre her, unser Sohn ist mittlerweile zwölf. Dazu kam, dass mein älterer Sohn, der studiert, sich für ein Auslandssemester in Prag angemeldet hatte - ein paar Monate, bevor ich zum ersten Mal ein Script von "Crossing Lines" in der Hand hielt. Er war ganz schön baff, als ich ihn anrief und sagte: Hey, ich will dir nicht in die Parade fahren, aber wir kommen ebenfalls nach Prag. Die Stadt scheint unsere Familie magisch anzuziehen.

teleschau: Wie leicht ist es für einen Amerikaner, sich dort zurechtzufinden?

Fichtner: Wissen Sie, ich habe schon einen größeren Kulturschock hinter mir. Ich stamme aus der Nähe von New York, habe 29 Jahre in New York City gelebt. Danach folgte der Umzug nach Los Angeles. Verglichen damit war das Einleben in Prag relativ einfach. Wir leben nun seit zwei Jahren die meiste Zeit dort. Ich bin großer Eishockey-Fan. Die Tschechen lieben diesen Sport über alles. In meiner Freizeit hänge ich die ganze Zeit bei Spielen von Sparta und Slavia herum. Wobei man leider nicht Fans von beiden Teams sein kann, das erlauben die Einheimischen nicht. Deshalb bin ich jetzt offiziell Fan von Sparta Prag.

teleschau: Aber Sie machen doch sicher noch etwas anderes in Ihrer Freizeit?

Fichtner: Ja, ich erlaube mir den Luxus, zu Fuß zu gehen. Ich habe es immer gehasst, dass man in L.A. ohne sein Auto nichts ist. Nun lasse ich es einfach stehen, um zu laufen. Zum Fitnessstudio beispielsweise oder einfach die Moldau entlang, ich erlebe Prag konsequent als Fußgänger. Für einen Amerikaner bin ich insofern wohl ein recht ungewöhnlicher Typ (lacht).

teleschau: In Hollywood werden Sie als Charakterdarsteller geschätzt. Ist es da nicht ein Rückschritt, wenn man plötzlich Star einer Action-Serie ist?

Fichtner: Das sehe ich anders. Auch wenn ein Film oder eine Serie viele Action-Szenen enthält - das Ganze wird nie überzeugend sein, wenn Charaktere und schauspielerische Leistung nicht hundertprozentig stimmen. Viele Schauspieler, die vor allem Action gemacht haben, sind hervorragend. Nehmen Sie Bruce Willis - ein großartiger Schauspieler! Seine Actionfilme wären niemals so einflussreich gewesen, hätte er sie nicht durch sein Schauspiel auf diese Stufe gebracht.

teleschau: Wenn Sie wie in "Crossing Lines" einen Polizisten spielen, haben Sie einen Vorteil gegenüber fast allen anderen Schauspielern: Sie haben mal Kriminalistik studiert. Was wollten Sie damals eigentlich werden?

Fichtner: Oh Gott, das war vor vielen Dekaden (lacht). Nein, ich wollte tatsächlich mal Polizist werden, merkte aber auf dem College bald, dass es nichts für mich ist. Weil mir aber das Studentenleben so gut gefiel, blieb ich die kompletten vier Jahre dort (lacht). Nach dem Studium zog ich dann nach New York und belegte Schauspielkurse.

teleschau: Mittlerweile zieht es immer mehr hervorragende Schauspieler zum Fernsehen. Alle Leute reden über die neuen Qualitätsserien. Gibt es etwas, das Sie begeistert?

Fichtner: Ich kann dazu nichts sagen, da ich mir keine Serien anschaue. Meine Frau macht das fast wahnsinnig, denn sie ist bei Netflix und schaut dort sehr viel. Dann kommt sie immer zu mir und sagt: "Bill, du musst dir unbedingt dies oder das ansehen." Aber dann mache ich es doch nicht. Wenn ich Fernsehen schaue, dann meist Eishockey oder Autorennen. Das sind beides Leidenschaften von mir. Die letzte Fernsehserie, die ich gesehen habe, was die erste Staffel von "Crossing Lines" (lacht). Es war unmittelbar vor Beginn der Dreharbeiten zu Staffel zwei. Ich schaute alle Folgen am Stück, um wieder ein Gefühl für meine Rolle zu bekommen. Aber selbst das ist ungewöhnlich für mich. Ich spielte zuvor drei Jahre lang in der Serie "Prison Break" und habe nie auch nur eine einzige fertige Episode gesehen.

teleschau: Sie haben tatsächlich nicht mal eine Folge von "Prison Break" gesehen?

Fichtner: Nein, ich habe kein Ego, das danach verlangt. Ich habe ein Gefühl für die Qualität einer Szene, wenn ich sie drehe. Wenn dieses Gefühl stimmt, bin ich zufrieden. Ich muss nicht wissen, was sie daraus gemacht haben. Manchmal sehe ich etwas aus Versehen. Wissen Sie, ich habe ein sehr gutes Gedächtnis für Drehs. Wenn ich mich zufällig selbst im Fernsehen sehe, in einer Szene, die ich vor zehn oder zwanzig Jahren drehte, weiß ich fast immer, was ich an diesem Tag gemacht habe, wie der Dreh war und welche Takes gut waren. Und dann sehe ich, dass sie einen ganz anderen Take im fertigen Film oder der Serie verwendet haben. Das ist dann ziemlich frustrierend. Vielleicht schaue ich mir auch deshalb so wenig an.

teleschau: Macht Sie das traurig oder wütend, so wenig Einfluss auf das Endprodukt zu haben?

Fichtner: Es ist ja nicht so, dass die Filmemacher alle Idioten wären. Nein, meistens wird ja doch - unter gewissen Gesichtspunkten - der beste Take ausgewählt, und auch der Schnitt macht irgendwie Sinn. Es hat mit Professionalität und auch künstlerischem Vertrauen zu tun, dass man die Leute machen lässt. Ich bin Schauspieler und versuche, in der Szene das Beste zu geben. Habe ich das getan, ist meine Arbeit abgeschlossen. Nicht nur faktisch, sondern eben auch meistens in meinem Kopf.

teleschau: Wenn Sie nicht gerade "Crossing Lines" drehen - arbeiten Sie auch noch in Hollywood?

Fichtner: Ich bin schon noch in Kalifornien, wenn ich Zeit zwischen den Drehs habe. Zwischen der ersten und der zweiten Staffel "Crossing Lines" habe ich für Tommy Lee Jones' Westerndrama "The Homesman" gedreht. Der Film lief im Wettbewerb in Cannes und kommt jetzt im Herbst in die Kinos. Im neuen "Teenage Mutant Ninja Turtles"- Film bin ich auch dabei. Nein, ich habe die Zeit zwischen den beiden Staffeln durchaus zum Arbeiten in Amerika genutzt. Und wenn ich dann nach Hause komme, bin ich Dad und Hockeyfan. Beides hält mich ziemlich unter Beschlag. Und dann muss ich auch noch meine Garage aufräumen. Glauben Sie mir, ich bin ein viel beschäftigter Mann (lacht).

Quelle: teleschau - der mediendienst