When Animals Dream

When Animals Dream





Dänische Werwölfe lügen nicht

Dass Marie (Sonia Suhl) mit ihrem Körper unsicher ist, liegt nicht nur daran, dass sie sich als pubertierender Teenager gerade neu entdeckt. Was der jungen Frau wirklich Angst bereitet, sind die sprießenden Haare auf ihrer Brust und die gruseligen Visionen, die sie heimsuchen. "When Animals Dream" erzählt eine etwas andere Coming-Of-Age-Geschichte: Denn mit Marie passiert das, was auch schon ihre Mutter plagte: Sie wird langsam zum Wolfsmenschen. In dem abgelegenen Fischerdorf auf einer kleinen dänischen Insel ist das natürlich ein Problem - man fürchtet sich vor Maries Werwolfmutter, die mittlerweile mit Medikamenten und im Rollstuhl stillgehalten wird. Ihrer Tochter droht in dem ruhig erzählten dänischen Arthouse-Horrorfilm nun das gleiche Schicksal.

Als heranwachsende Frau hat es Marie in der provinziellen Atmosphäre des Dorfes ohnehin schon schwer. Von der Arztpraxis bis zur Arbeitsstelle in der bedrückenden Fischfabrik springen die Männer der miefigen Gemeinschaft mit Maries Körper und Psyche um, wie es ihnen beliebt - hier gilt der Ritus alles, das Individuum nichts. Auch zuhause, unter den Fittichen ihres paternalistischen Vaters (Lars Mikkelsen, der Bruder von Mads Mikkelsen), ist für Marie keine freie Entwicklung möglich. Die Veränderungen ihres Körpers können in "When Animals Dream" durchaus auch als Reaktion auf diese subtile bis offene Unterdrückung gedeutet werden - als animalisches Ausbrechen aus verkrusteten, sexistischen Strukturen auf dem Land.

Zuerst wird Marie von den körperlichen Unsicherheiten beherrscht, von blutigen Träumen und dem Fell, dass ihr bei Erregung, Angst und Bedrohung wächst. Sie beginnt zu forschen, was mit ihrer stummen und lethargischen Mutter eigentlich passierte - und stößt auf Parallelen zu den erschreckenden Veränderungen an ihr selbst. Doch der überängstliche Vater, der Einsperren mit Beschützen verwechselt, hat längst gewittert, dass auf seine Tochter das selbe Ende wartet wie auf seine vollsedierte Frau. Nur: Marie lässt sich das nicht bieten - und findet, gejagt vom Lynchmob, in dem jungen Fischer Daniel (Jakob Oftebro) ihren einzigen Verbündeten.

"When Animals Dream" ist nicht nur eine wundersame Allegorie auf das weibliche Erwachsenwerden in einer männlich dominierten Gesellschaft, sondern ebenso ein erhabenes Kleinod von Horrordrama. Ruhig erzählt und bedächtig bebildert, fängt Regisseur und Lars-von-Trier-Schüler Jonas Alexander Arnby in seinem ersten langen Spielfilm die landschaftlich wie menschlich kühle Tiefe des skandinavischen Nirgendwo ein - und verleiht seinem Werk dadurch einen mystischen Anstrich, der aber immer aufklärend wirkt. Romantisch, ohne dem grassierenden Neoromantismus zu verfallen, und still, ohne sich naiven Vorstellungen von Ländlichkeit hinzugeben, kann der ausdrucksstarke Film an skandinavische Horrorperlen wie das Vampirdrama "So finster die Nacht" anknüpfen.

Selbst der größte Zweifel am Filmkonzept, nämlich die Verknüpfung von Frau und Tier, die ja seit Anbeginn der scheinbar schon immer misogynen Kultur- und Kunstgeschichte zusammengehörig scheinen, kann in "When Animals Dream" am Ende ausgehebelt werden. Schließlich verfügt Marie in ihrer Rolle als Werwölfin über Kräfte, mit denen sie der Insel-Redneck-Bande weit überlegen ist. So nimmt sie ihre letztlich selber in die Hand. Am Ende ist da ein Boot, hinter dem der fantastische nordische Horizonts leuchtet.

Quelle: teleschau - der mediendienst