Jimmy's Hall

Jimmy's Hall





Swing when you're protesting

Mit einem im irischen Unabhängigkeits- und Bürgerkrieg angesiedelten Drama erzielte Ken Loach bisher seinen größten Erfolg. Für "The Wind That Shakes the Barley" (2006) gab es die Goldene Palme in Cannes, viel Kritikerlob und großes Zuschauerinteresse. Mit seinem möglicherweise nun letzten Spielfilm - dem 77-Jährigen bereiten seine Augen große Probleme - kehrt er nun auf die Insel zurück. Im Team mit seinem üblichen Drehbuchautor Paul Laverty erzählt er von einem Mann, der für soziale Gerechtigkeit und Meinungsfreiheit eintrat. Mit seinem Kultur- und Tanzsaal, der "Jimmy's Hall", etablierte er sich aber gleichzeitig auch als Verfechter der Lebensfreude.

Den Iren Jimmy Gralton nicht zu kennen, bedeutet nicht, im Geschichtsunterricht schlecht aufgepasst zu haben. Der Mann gilt eher als Fußnote in der Historie des Landes. Ein politischer Aktivist vom Land, der 1933 als einziger Ire ohne Gerichtsverfahren aus der Heimat ausgewiesen wurde. Seine Gegner schickten ihn wieder nach Amerika ins zweite Exil. Zuflucht hatte Gralton schon einmal in den Staaten gesucht. 1922, zu Zeiten des Bürgerkriegs, musste er dorthin flüchten, um nicht verhaftet zu werden.

Am Anfang des Films kehrt Gralton (charmant: Barry Ward) in seine Heimat zurück. Die Irische Republik existiert nun schon seit zehn Jahren, an den Machtgefügen hat sich aber wenig geändert. Querdenker und Menschen, die sich für Gerechtigkeit einsetzen, stoßen hier schnell an ihre Grenzen. Als Gralton den Gemeindesaal von County Leitrim für die junge Generation wieder öffnet, beäugen dies die Obrigkeiten misstrauisch. Neben kulturellen Aktivitäten bietet der Ort in einer einengenden Gesellschaft vor allem Freiräume, um eigene Gedanken und Träume zu entwickeln.

Wenn Jimmy seine Platten aus New York auflegt, bringt er die Kirche ebenso gegen sich auf wie die irischen Nationalisten. Ken Loach erzählt leicht und erzählt unterhaltsam von Ungerechtigkeiten wie der Ausbeutung der Bauern und der Einmischung der Kirche ins Privatleben. So wettert der Pfarrer (Jim Norton) von der Kanzel gegen das "unzüchtige" Treiben bei den fröhlichen Tanzabenden und zählt alle auf, die beim Besuch der "Hall" gesehen wurde. Später hinter verschlossenen Türen überzeugt sich der Geistliche jedoch selbst ausführlich von der Gefährlichkeit der Teufelsmusik.

Dem Zuschauer bleibt nicht viel zu tun, er wird geführt, denn Loach teilt seine Welt ganz klar in Gut und Böse ein. Und dabei gibt Gralton den aufrechten und allseits beliebten Kommunisten, der auch mal als Sprecher einer aufgebrachten Gruppe von Landbewohnern gegen die Enteignung einer armen Familie vorgeht.

Mit "Jimmy's Hall" beweist Ken Loach wieder einmal, dass er politische und sozialkritische Themen mit Engagement und auch Humor umzusetzen weiß. Dramaturgisch gehört dieses Spätwerk jedoch nicht zu seinen stärksten Filmen. Die eindimensionalen Figuren - bis auf den widersprüchlichen Pater, der borniert, aber intelligent die Strippen zieht - bieten nicht genug Reibungsfläche für Spannung. Loach versteht es normalerweise wie kaum ein anderer, seine Helden blind auf einen Abgrund zulaufen zu lassen, während man als Zuschauer schon Halt schreit. Doch in diesem Fall verzichtet er darauf. Denn Jimmy weiß, dass Menschen wie er immer noch keinen Platz in der irischen Gesellschaft haben.

Quelle: teleschau - der mediendienst