Lucy

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Blutige Krönung der Evolution

Kann denn Wissenschaft so aufregend sein? In einem Pariser Spezialinstitut brüten hochdekorierte Experten darüber, wie der menschliche Geist zu neuen Höhenflügen gelangen kann. Da platzt die irgendwie entrückte Blondine Lucy im kleinen Schwarzen herein und kennt nicht nur alle Aufsätze der Herren auswendig, sondern weiß auch, wie's geht: Sie ist drauf und dran, als erster Mensch 100 Prozent ihrer Gehirnkapazität zu nutzen und bereit, sich in einen Supercomputer zu verwandeln. Aber sie steht unter Drogen, und die wollen fiese Gangster zurückhaben. Koste es, was es wolle. Zu Recht gerät man bei der haarsträubenden Konstellation des Science-Fiction-Actionsfilms "Lucy" ins Stirnrunzeln.

Knapp 15 Prozent der Funktionen eines Smartphones werden durchschnittlich verwendet. Noch weniger in Gebrauch ist das menschliche Hirn: Wir greifen lediglich auf etwa zehn Prozent der Kapazität zu. Wie wäre es, wenn sich das volle Potenzial ausschöpfen ließe? Wäre das nicht so etwas wie die Krönung der Evolution? Die Antwort des französischen Starrregisseurs und Drehbuchautors Luc Besson ist ebenso ungewöhnlich wie blutig.

Nur einen Koffer, der allerdings mit einer Handschelle um ihr Handgelenk befestigt ist, soll die in Taipeh weilende amerikanische Studentin Lucy (Scarlett Johansson) in einem Luxushotel bei Mr. Jang (Min-sik Choi) abliefern. Der Mann, der ihn ihr gab, wird allerdings vor ihren Augen ziemlich brutal abgeknallt. Nachdem oben in der Suite ein weiterer Mann exekutiert wird, dessen Blut ihr Gesicht bespritzt, soll Lucy fortan Kurierin einer synthetischen Droge sein.

Als sich Lucy auf einer Zwischenstation ihrer Reise gegen einen sexuellen Übergriff wehrt, wird sie heftig getreten. Der in der Bauchregion eingenähte Beutel reißt. Sie wird mit der Droge kontaminiert. Nun wummert, zu erkennen an der tiefblauen Iris ihrer Augen, in Lucys Kopf das Teufelszeug, das sie zur hochleistungsfähigen Kampf- und Intelligenzbestie macht. Sie will die Verbreitung der Droge, deren Wirkung tödlich ist, stoppen und ihr ständig wachsendes Wissen der Welt zur Verfügung stellen. Der Pariser Kommissar Pierre Del Rio (Amr Waked) soll ihr dabei helfen.

Wie experimentierfreudig und poetisch das Action-Genre inzwischen geworden ist, beweist Besson mit der brillanten Ouvertüre von "Lucy" im Luxushotel. Man empfindet es nicht als Störung, sondern als bizarre Steigerung des Genusses, dass Lucys Begegnung mit den Gangstern mit den assoziierten Bildern von Geparden, die eine Gazelle jagen, gegengeschnitten wird. Auch später der Vorlesung des Hirnforschers und Evolutionsbiologen Professor Norman (Morgan Freeman) beizuwohnen, gibt den Action-Sequenzen faszinierende Kontraste. Wissenschaftliche Spekulation und Unterhaltungskino können durchaus zusammenfinden.

Unglücklicherweise ist Luc Besson diesmal nicht so begabt wie sein Geschöpf. Der stufenweisen Steigerung ihrer Hirnleistung - in Prozenten eingeblendet - wird seine Fantasie nicht gerecht. Gangster an der Decke kleben zu lassen, weil Lucy mit der Materie kommunizieren kann, ist ein beschämend alberner Einfall. Und dann zappt sie sich mit Pathos durch die Evolution und begegnet auch noch ihrer Namensvetterin: einer Vorfahrin der heutigen Menschen. Es scheint, als wollte Luc Besson zu einem Stanley Kubrick oder Terrence Malick werden. Dieses Experiment darf aber als gescheitert betrachtet werden.

Quelle: teleschau - der mediendienst