Matthias Brandt

Matthias Brandt





Schweigen mit Leidenschaft

Matthias Brandt ist ein Mann der subtilen Gesten, der großartigen Schauspielkunst - und privat ein Freund des Schweigens. Vor allem wenn es um seine große Leidenschaft geht, den Fußballverein Werder Bremen, der durchaus auch Leiden bereitet. "Ich habe seit Jahren einen sehr guten Freund, mit dem ich zum Fußballgucken gehe. Uns zeichnet in erster Linie aus, dass wir das sehr schweigsam tun", sagt der 52-Jährige. "Man muss auch mal seinen Mund halten können." Daher kann er die etwas scherzhafte Umfrage durchaus nachvollziehen, dass - zumindest bei Großwettbewerben wie der zurückliegenden Fußball-Weltmeisterschaft - die überwältigende Mehrheit der Deutschen wichtige Spiele lieber mit guten Freunden und Bekannten als mit dem eigenen Lebenspartner anschauen würde. "Das Fußball-Schauen-zusammen-mit-dem-Lebenspartner ist doch eigentlich eine Idee, die erst im Jahr 2006 erstmalig aufgetaucht ist", meint Brandt und muss selbst lachen. "Ich finde es schrecklich, Menschen zu etwas zu zwingen, wobei sie sich eigentlich langweilen." Im neuen BR-"Polizeiruf 110: Morgengrauen", den die ARD am Sonntag, 24. August, 20.15 Uhr, zeigt, treibt der Schauspieler seinen Film-Kommissar Hanns von Meuffels in eine emotionale Achterbahnfahrt. Auf ihn warten große Gefühle. Mit Schweigen ist in diesem Fall nichts zu erreichen.

Im Film verliebt sich der Kriminaler in eine spröde, undurchsichtige, in vielerlei Hinsicht geheimnisvolle Gefängnis-Psychologin, die von Sandra Hüller gespielt wird. "Als mir Alexander Adolph, der Regisseur und Drehbuchautor, die Ideen skizzierte, fand ich das erst mal überraschend, so eine Liebesgeschichte explizit in den Mittelpunkt zu stellen", sagt Matthias Brandt im Rückblick. "Allerdings fand ich das Script interessant und überzeugend geschrieben. Warum also auch nicht? Diese Gefühle und Verwicklungen sind doch Bestandteil des Lebens - und nun wirklich keine unwichtigen."

Dass von Meuffels nun sogar Herz zeigen darf und in seiner Gefühlsverwirrung unsicher wirkt, freut den Schauspieler sehr - auch weil er den Charakter selbst nach und nach und mit jedem Film neu für sich entdeckt. "Das Schöne an der Reihe ist doch, dass die Zuschauer, möglicherweise auch die Beteiligten, sich noch immer in so einer Art Kennenlernphase mit dem Kommissar befinden", analysiert Matthias Brandt. "Ich wollte auch erst einmal herausfinden, was für ein Typ Meuffels ist. Mit jedem Film kommt ein Stück dazu. Im Leben läuft das doch auch so. Ich lerne doch niemanden kennen, indem er mir als erstes seinen Lebenslauf vor die Nase hält. Entscheidend ist, was wir gemeinsam erleben." Deswegen ist Brandt auch froh, dass die "Polizeiruf"-Reihe ihm keine von vornherein in sich abgeschlossene Figur vor den Latz geknallt hat. "Das ist ein anderer Zugang, als wenn man eine Figur von Anfang an mit vielen Attributen ausstattet. Diese Eigenheiten und Marotten muss man dann in jeder Folge abarbeiten. Wir gehen eben anders vor - und so langsam setzt sich die Meuffels-Persönlichkeit zusammen."

Zwischen den Dreharbeiten für neue München-Krimis hält Matthias Brandt den etwas steifen, aber korrekten Preußen Meuffels stets in seiner Nähe. "Klar, das ist so. Ich führe mit ihm zwar keine Selbstgespräche", sagt er, "aber ich verbringe schon viel Zeit mit ihm. Dass ich Meuffels mit mir herumtrage, ist doch normal." Mittlerweile hat er ihn sogar lieben gelernt - auch wenn das normalerweise nicht wichtig ist. "Das ist nicht grundsätzlich mein Kriterium - ob mir Figuren sympathisch sind. Sie müssen mich packen und interessieren. Aber Meuffels als Typ mag ich schon ganz gern", erklärt Brandt.

Der schmale Grat, den der neue Krimi zwischen dramatischer Ermittlerhandlung und einer zarten, von vielerlei Gefahren und Anfeindungen bedrohten Liebesgeschichte geht, brachte Herausforderungen an ein subtiles Spiel mit, was Brandt natürlich freut. "Man ist nicht besonders souverän, wenn man sich auf einen unsicheren Blick hin Hals über Kopf verliebt. Und dafür habe ich eine Entsprechung gesucht", sagt er. "Für mich als Spieler gab's in solchen Szenen keine Unsicherheit. Im Gegenteil: Das hat mir Freude gemacht." Dabei kamen ihm auch eigene Erlebnisse von Schüchternheit und weichen Knien beim Ansprechen einer Frau in Erinnerung. "Das gilt doch für alles, was ich mache. Ich habe ja nur mich - und meine emotionalen Erfahrungen. Aus diesem Fundus muss ich bei allem, was ich zeige, schöpfen." Selbst hat sich Matthias Brandt natürlich auch schon über ein paar Blicke hinweg verliebt. "Ich weiß nicht, wie das sonst eigentlich funktionieren sollte. So was klappt doch nicht über Verabredungen", sagt er. "Wahrscheinlich ist es aber auch ein großes emotionales Geheimnis der Menschen. Legionen von Partneragenturen mühen sich an der Frage ab, den Leuten beizubringen, wie das mit dem Funken funktioniert. So ganz einfach scheint's ja doch nicht zu sein."

Man verrät nicht zu viel, dass von Meuffels der unerwartete Mut zu seinem Liebesabenteuer im neuen "Polizeiruf"-Film an die Nieren geht - bis hin zu erbitterten Tränen. "Ich fand es einleuchtend, dass es ihn komplett durchschüttelt. Warum soll man das Geschehen harmloser machen, als es ist? So etwas passiert doch", sagt Brandt. "Manchmal haben wir auf Filmfiguren angeblich einen eingeschränkteren Blick als auf reale Personen. Ich mag aber gar nicht einsehen, warum das so sein müsste."

Privat fühlt sich Matthias Brandt vor den ganz großen Tränenausbrüchen einigermaßen sicher. Selbst wenn er im Stadion von Bremen wieder einmal Niederlagen seines zuletzt oft glücklosen Lieblingsvereins verfolgt. "Geweint habe ich derentwegen noch nie", sagt er über seine Werder-Liebe. "Ich bin nicht so nah am Wasser gebaut." Das Fan-Sein ist für ihn nicht nur kein leichtes Schicksal, sondern eine Art Berufung, der man sich nicht einfach entziehen kann, wenn die Ergebnisse nicht mehr stimmen. "Man sucht sich seinen Verein auch nicht unbedingt aus. Dass Sie sich verlieben, kann Ihnen auch mit einer Fußballmannschaft passieren", so Brandt. "Sie schleicht sich plötzlich ins Herz. Warum das so geschieht, könnte ich niemandem erklären. Man findet halt zueinander. Und dann muss man da durch." Manchmal hilft Schweigen eben doch weiter.

Quelle: teleschau - der mediendienst