Wolf-Dieter Poschmann

Wolf-Dieter Poschmann





"Ich bin ein Typ, der polarisiert"

Wolf-Dieter Poschmann war in den 1970er- und 1980er-Jahren ein erfolgreicher Langstreckenläufer, der die Teilnahme an Olympia zweimal nur knapp verpasste. Seit 1985 arbeitet der Journalist für das Sportressort des ZDF, das er von 1995 bis 2005 leitete. Er ist als Reporter bis heute bei verschiedenen sportlichen Großereignissen wie Olympischen Spielen im Einsatz - zuletzt auch bei der Fußball-WM in Brasilien. Und schon geht es weiter für Poschmann: Von Dienstag, 12., bis Sonntag, 17. August, ist er bei den Leichathletik-Europameisterschaften in Zürich tätig, von wo ARD und ZDF im Wechsel umfangreich übertragen werden. Das Zweite ist am Eröffnungstag von 10.00 bis 14.00 Uhr und von 18.00 bis 20.35 Uhr auf Sendung, und berichtet auch vom Finale am 17. August (von 10.20 bis 12.00 Uhr sowie von 14.45 bis 18.00 Uhr). Ein Gespräch mit dem 63-Jährigen über die Dramaturgie einer Live-Sport-Übertragung, falsche Emotionen, Fehler in der eigenen Arbeit und das schwierige Verhältnis zwischen Sport und Spaß.

teleschau: Herr Poschmann, die Leichtathleten kommen kurz vor der EM in Zürich langsam auf Betriebstemperatur. Sie auch?

Wolf-Dieter Poschmann: Ich treffe im Moment die üblichen Vorbereitungen, die man als Reporter treffen muss. Ich ordne das Material mit den Infos über die Athleten, was allein schon sehr viel Stoff ist. Leichathletikveranstaltungen sind grundsätzlich sehr komplex in der Vorbereitung, denn es gibt nicht nur sehr viele unterschiedliche Disziplinen, sondern ständig auch neue Gesichter, Ergebnisse und Techniken.

teleschau: Also haben Sie zu viel Arbeit, um Aufregung zu spüren?

Poschmann: Ich würde es eher eine Anspannung nennen, die ich allerdings auch erst dann spüre, wenn ich am ersten Tag ins Stadion gehe. Diese Anspannung muss aber auch da sein, sie ist wichtig für die Konzentration.

teleschau: Bei all den sportlichen Großereignissen, die Sie in den vergangenen Jahren begleitet haben, möchte man meinen, eine Leichtathletik-EM in der Schweiz könnte Sie womöglich langweilen.

Poschmann: Nein, im Gegenteil. Die EM ist jetzt auch deshalb interessant für mich, weil sie ja quasi um die Ecke stattfindet. Sie wird eine sehr deutsche Note bekommen, viele deutsche Zuschauer werden da sein. Außerdem ist der Letzigrund in Zürich ein wirklich tolles Stadion. Europameisterschaften finde ich übrigens allgemein auch nicht weniger attraktiv als Weltmeisterschaften. Und die Zuschauer sehen das ähnlich, das zeigen die Einschaltquoten.

teleschau: Ihre Aufgabe wird es ab dem 12. August auch sein, Spannung zu erzeugen. Ist die Dramaturgie einer Sportveranstaltung mittlerweile eine Ihrer leichtesten Übungen?

Poschmann: "Spannung erzeugen" ist vielleicht nicht ganz richtig ausgedrückt. Meine Aufgabe ist es erst mal nicht, etwas zu inszenieren, was möglicherweise gar nicht da ist. Vielmehr muss ich eine Spannung vermitteln, wenn sie sich denn im Stadion aufbaut, also wenn sie sich zum Beispiel aus einem Medaillenduell heraus ergibt. Ich muss also der Dramaturgie des Stadions folgen und dabei sehr flexibel sein.

teleschau: Als Kommentator können Sie die Emotionen aber auch verstärken beziehungsweise abschwächen. In gewisser Weise haben Sie also die Macht über die Gefühlswelt des Zuschauers.

Poschmann: Ein Reporter kann sicherlich Impulse setzen, aber es wird sehr schnell klar, was davon echt und gespielt ist. Wenn ein Reporter da plötzlich marktschreierisch etwas künstlich aufbauscht, macht es ihn unglaubwürdig. Der Zuchauer hat ein feines Gespür dafür, ob jemand eine Veranstaltung angemessen begleitet oder nicht.

teleschau: Ist Ihnen so eine Unangemessenheit Ihrer Ansicht nach schon passiert?

Poschmann: Es gab mal ein Rennen, das ich kommentiert habe, bei dem ich mich irgendwann nicht mehr richtig einfangen konnte und übers Ziel hinausgeschossen bin. Das war mir im Nachhinein ein bisschen peinlich. Letztlich macht so was aber nichts. Die Zuschauer können verzeihen.

teleschau: Für die Zuschauer kann der kurze Kontrollverlust des Kommentators ja auch sehr reizvoll sein.

Poschmann: Kommt drauf an. Aus verschiedenen Umfragen und Erhebungen wissen wir, dass die Zuschauer sehr klare Vorstellungen davon haben, was angemessen ist und was nicht. Es gibt viele, die es am liebsten ganz neutral mögen, was den Kommentar angeht.

teleschau: Ein Sportreporter darf also nicht auch mal aus der Haut fahren?

Poschmann: Ich glaube, einen guten Reporter macht aus, dass er den richtigen Moment findet, in dem er auch mal den Turbo zünden darf.

teleschau: Wann haben Sie denn zuletzt eine eigene Emotion unterdrückt, um neutral zu bleiben?

Poschmann: In der Leichathletik gibt es Rennen, in denen die Dopingproblematik präsenter ist als in anderen Wettbewerben. Ich hatte das Vergnügen, seit 2008 die bedeutenden Rennen von Usain Bolt zu kommentieren und wusste natürlich, dass ein Teil der Zuschauer solche Rennen kritischer sieht als beispielsweise ein 400-Meter-Hürdenrennen. Die Leute fragen sich, ob diese außergewöhnlichen Zeiten, die da erzielt werden, wirklich ohne unerlaubte Hilfsmittel zustande kommen. In solchen Rennen lasse ich mich einerseits sehr mitreißen vom Spektakel im Stadion, halte mich aber auch bewusst zurück und stelle die Fragen, die sich die Zuschauer auch fragen.

teleschau: Gibt es auch einen Live-Kommentar, den Sie ernsthaft bereuen?

Poschmann: Ja, bei den Europameisterschaften 1994 in Helsinki gab es da was. Ich hatte damals ein Gespräch mit einem Sprintstar und wusste, dass dieser seine Finalteilnahme zurückgezogen hatte. Ich habe dann live eine Bemerkung gemacht, die darauf schließen ließ, dass ein Dopingverdacht dahinter stecken könnte. Das habe ich sehr bereut, weil es einem Reporter ja nicht zusteht, Einfluss auf etwas zu nehmen, bevor die Fakten geklärt sind. Das war damals eine große Lehre.

teleschau: Später, 2009, gerieten Sie zudem in die Schlagzeilen, als Sie die Hammerwurfentscheidung bei der WM in Berlin mit Betty Heidler so kommentierten: "Wenn man in Marzahn aufgewachsen ist und das unbeschadet überlebt hat, ist man zu allem fähig."

Poschmann: Ja, aber die Kritik an dieser Aussage damals war ausgesprochen lächerlich. Dahinter steckte offensichtlich auch der böse Wille einer bestimmten Zeitungsgruppe, die so etwas sehr gezielt betreibt. Es war einerseits eine Anmerkung, die einen humorvollen Anstrich hatte und die zudem noch faktisch absolut richtig war. Für solche süffisanten Bemerkungen bin ich ja immer wieder mal kritisiert wurden. Einmal ging es während einer Übertragung um fehlende Stabhochspringer in Griechenland, und ich meinte: "Es gibt nicht mehr so viele Griechen, die sich hohe Sprünge leisten können." Fanden auch nicht alle witzig.

teleschau: Verstehen die Leute also keinen Spaß?

Poschmann: Die Kombination von Humor und Sport ist in Deutschland ausgesprochen schwierig. Die Menschen nehmen den Sport viel ernster, als sie es tun sollten. Das macht einem manchmal fast Angst. Dabei sollten sie doch wissen, woher der Begriff Sport eigentlich kommt, nämlich vom lateinischen "disportare": "zerstreuen". Das heißt nichts anderes, als Spaß haben. Sport ist ein schöner Gegenentwurf zum Alltag und sollte auch so behandelt werden.

teleschau: Die nachgerückte Sportreportergeneration um Oliver Welke und Matthias Opdenhövel wird hingegen sehr gut aufgenommen von den Zuschauern. Zuletzt war die Kritik bei der WM in Brasilien geradezu euphorisch - da scheinen Sport und Spaß also doch zu harmonieren.

Poschmann: Ja, wobei den beiden von der Fachpresse immer wieder mangelnde Fachkenntnis vorgeworfen wird.

telechau: Können Sie das nachvollziehen?

Poschmann: Nein. Uns Reportern wird einfach immer sehr schnell eine Rückmeldung gegeben, es werden sogar Ranglisten geführt. Sicher gibt es auch Kritiker, die es toll finden, dass da mal jemand mit Oliver Kahn etwas lockerer umgeht und ihn ein bisschen piekst. Aber es gibt eben auch sehr viele, die lieber die falsche Neun erklärt bekommen möchten. Gerade im Fußball stehen Reporter unheimlich stark im Fokus der Kritiker.

teleschau: Und wie ist nun Ihre Meinung zu polarisierenden Reportern?

Poschmann: Ich bin selbst ein Typ, der polarisiert und finde, dass das Polarisieren auch ganz wichtig ist. Es ist wichtig, dass sich die Leute auch mal an einem reiben. Das ist ein Stück Sport: man diskutiert. Genau wie man diskutiert, auf welcher Position Philipp Lahm nun spielen sollte. Das macht doch alles auch so spannend.

Quelle: teleschau - der mediendienst